Köln – Im Topspiel am Samstagabend stehen sich der FC Bayern München und Bayer 04 Leverkusen gegenüber. Dabei trifft der Ballbesitzfußball aus München auf die Pressing-Maschine aus Leverkusen. bundesliga.de beleuchtet vor der Partie die unterschiedlichen taktischen Philosophien der beiden Trainer Pep Guardiola und Roger Schmidt.

Wenn sich Pep Guardiola an einem Trainerkollegen die Zähne ausbeißt, dann mit Sicherheit an Leverkusens Roger Schmidt. In den vier direkten Duellen der beiden Trainer ging Schmidt zweimal als Sieger hervor: Im letzten Aufeinandertreffen in der Bundesliga beim 2:0 am 31. Spieltag der letzten Saison sowie beim Testspiel Anfang 2014, als Schmidt als Trainer von RB Salzburg die Bayern klar mit 3:0 bezwang. Und auch im DFB-Pokal-Viertelfinale im April konnte sich der Rekordmeister erst nach zähem Spiel gegen die Werkself im Elfmeterschießen durchsetzen.

Bayers aggressive Jagd nach dem Ball

"Ich habe noch nie eine Mannschaft erlebt, die mit so einer hohen Intensität gespielt hat wie Salzburg", sagte Guardiola, nachdem sein Team überraschend gegen die Österreicher in der Winterpause 2014 verloren hatte. Gemeint war die aggressive Jagd nach dem Ball, die Schmidt inzwischen auch sehr erfolgreich seiner Leverkusener Mannschaft eingeimpft hat. "Beide Teams sind sehr engagiert, versuchen jeweils ihre Philosophie zu vermitteln", sagt Ottmar Hitzfeld im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de. "Leverkusen spielt allerdings mehr Power-Fußball, sehr aggressiv mit viel Pressing, mit mehr Tempo nach vorn, aber auch mit mehr Risiko."

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Bei gegnerischem Ballbesitz gehen nicht nicht nur die Stürmer ins Pressing, sondern alle zehn Feldspieler: Während Stefan Kießling, Heung-Min Son, Hakan Calhanoglu oder Karim Bellarabi in vorderster Front die Abwehrspieler des Gegners attackieren, rücken die defensiven Mittelfeldspieler und die Außenverteidiger in den dahinter entstanden Raum nach und stellen die Passwege zu. Wird der Ball erobert, geht es mit einem vertikalen Pass oder einem Dribbling direkt Richtung Tor des Gegners.

Geplantes Chaos mit perfektem Spielermaterial

Der extrem intensive und anstrengende Stil der Leverkusener passt allerdings auch ideal zum Spielermaterial: Stoßstürmer Stefan Kießling ist seit Jahren der Bundesliga-Spieler, der die meisten Zweikämpfe bestreitet, Karim Bellarabi erreicht ligaweit die höchste Endgeschwindigkeit. "Es ist ein geplantes Chaos, bei dem man manchmal sogar auf einen Ballverlust spekuliert, um ihn dann wieder blitzschnell zu erobern", sagt etwa Mittelfeldspieler Christoph Kramer im Interview mit bundesliga.de.

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Von Chaos hält Bayern-Coach Pep Guardiola hingegen wenig. Der Fußball des Rekordmeisters ist auf Dominanz und Ballbesitz ausgerichtet. Rund 70 Prozent Spielanteile erreichte der Rekordmeister in den ersten beiden Saisonspielen dabei, Leverkusen kam gegen Hoffenheim und zuletzt gegen Hannover nur auf rund 56 Prozent, legte dabei aber im Schnitt vier Kilometer mehr zurück als die Spieler der Bayern. "Die Bayern sind insgesamt reifer", analysiert Ottmar Hitzfeld. "Sie verfügen über mehr Erfahrung und spielen nach einer anderen Philosophie. Sie legen noch mehr Wert auf Passgenauigkeit, warten auf die Lücken."

Individuelle Waffen: Costa vs. Calhanoglu

Während Leverkusens Schmidt ausschließlich in einer 4-2-3-1 Grundorganisation agiert, rotieren die FCB-Spieler praktisch immer wieder auf verschiedenen Positionen. Mal beginnt Guardiola mit einer Viererkette, mal mit einer Dreierkette in der Abwehr, mal stößt Thomas Müller in die Spitze, mal Mario Götze und mal lässt sich der defensive Mittelfeldspieler Xabi Alonso sogar ganz in die Abwehr zurückfallen.

Und wenn die Bayern, deren kurzes Passspiel an der generischen Strafraumgrenze oft an ein Handballspiel erinnert, mal keine Lücke finden, haben Sie nun mit Douglas Costa eine ideale Waffe. Der Brasilianer leitete mit seinen sehenswerten Tempoläufen an der Außenbahn in der noch jungen Saison bereits drei Treffer ein und vollstreckte einmal selbst. Gerade in der vergangenen Woche gegen Hoffenheim war das spielentscheidend. "Costa ist in der Lage, sich gegen jeden Gegenspieler durchzusetzen", zeigt sich Hitzfeld beeindruckt. "Er ist stark im 1 gegen 1, zieht immer zwei Spieler auf sich und ist sehr schnell."

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Aber auch Leverkusen hat noch einen Trumpf im Ärmel, sollte die "Schlacht um die zweiten Bälle", wie es Trainer Roger Schmidt nennt, mal nicht funktionieren. Dann muss die Werkself nur einen Freistoß in Strafraumnähe herausholen. Von denen hat Hakan Calhanoglu bereits elf in den letzten 67 Bundesliga-Spielen direkt verwandelt. Dennoch sagt der Ex-Bayern Trainer Hitzfeld: "Bayern ist Favorit. Und Leverkusen muss schon einen sehr guten Tag erwischen, um einen Punkt zu holen. Aber Bayer hat auch die Qualität, sie verfügen über gute Einzelspieler und haben inzwischen auch eine gute Bank. Dennoch heißt mein Favorit auf den Sieg ganz klar FC Bayern München."

Von Karol Herrmann