Darmstadt - 15 Punkte und Platz 12 nach 14 Spielen: Das hätten wohl nur die wenigsten dem unbequemen Aufsteiger Darmstadt 98 zugetraut. Vor dem ersten Hessen-Derby gegen die Frankfurter Eintracht (Vorschau) seit 33 Jahren spricht der Kapitän der "Lilien", Aytac Sulu, im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für die überzeugenden Auftritte seiner Elf, über seine eigenen starken Leistungen und über die schwere Trainingsverletzung von Frankfurts Johannes Flum.

bundesliga.de: Herr Sulu, hätte man Ihnen zum vergangenen Weihnachtsfest gesagt, dass Sie die „Lilien“ ein Jahr später als Kapitän ins erste Hessen-Derby gegen die Frankfurter Eintracht seit mehr als drei Jahrzehnten führen würden...

Aytac Sulu: ...dann hätte ich Ihnen geantwortet, dass das auf der Play-Station vielleicht in Erfüllung gehen kann, im realen Leben aber recht sicher nicht. Nein, mal ernsthaft: Es ist eine wunderbare Sache, dass dieses Derby wieder wahr wird, für die Region Darmstadt, für Hessen überhaupt und nicht zuletzt für den SV Darmstadt 98 und seine Fans.

bundesliga.de: Auch die Tatsache, dass Darmstadt 98 in der Tabelle vor der Eintracht steht, ist keine Selbstverständlichkeit...

Sulu: Damit, dass wir uns eher in der zweiten Tabellenhälfte wiederfinden würden, war durchaus zu rechnen. Damit, dass die Eintracht hinter uns stehen würde, eher nicht. Das ist nicht die Tabellenregion, in der man diese Mannschaft erwarten würde. Für die Brisanz der Partie im Umfeld ist das natürlich ein zusätzlicher Reizpunkt.

"Dass wir Qualität haben, ist mir bewusst" 

bundesliga.de: Fünfzehn Punkte nach 14 Spielen sind weit mehr als viele Ihrem Team zugetraut hätten. Sind Sie selbst auch überrascht?

Sulu: Nein. Überrascht bin ich nicht wirklich. Dass wir die Qualität haben, auch in der Bundesliga zu punkten, war mir durchaus bewusst. Ich bin davon überzeugt, dass jeder einzelne unserer Spieler die notwendige Qualität hat, um erfolgreich Bundesliga zu spielen – in einer funktionierenden Mannschaft. Und die 15 Punkte, die wir bisher geholt haben, spiegeln für mich die tägliche, harte Arbeit und die große mannschaftliche Geschlossenheit wider.

bundesliga.de: Ihre Mannschaft hat sich vom ersten Spieltag an in der Bundesliga zurecht gefunden. War diese rasche Akklimatisierung vor allem den bundesligaerfahrenen Neuzugängen wie Caldirola, Rausch oder Wagner geschuldet?

Sulu: Das hat sicherlich eine Rolle gespielt, war aber nicht der alleinige Grund. Natürlich bringen die genannten Spieler eine Qualität mit, die wir gebraucht haben bzw. brauchen. Aber ebenso haben sich die Spieler, die den Aufstieg geschafft haben, entsprechend weiterentwickelt. Man kann also von einer sehr gesunden Mischung sprechen.

bundesliga.de: Hatten Sie als Kapitän Sorge, dass das bisherige Gleichgewicht gestört werden könnte?

Sulu: Nein. Es ist auch meine Aufgabe, dass die Neuen gut integriert werden. Das bedeutet, dass sie sich ein Stück weit unserer Welt anpassen müssen, ebenso wie die Alteingesessenen bereit sein müssen die Neuen mit ins Boot zu nehmen, ihnen unsere Tugenden aufzuzeigen und sie ein Stück weit damit zu infizieren. Bisher ist uns das sehr gut gelungen. Letztlich war das aber auch nicht so schwierig. Denn unser Trainerteam hat ein sehr gutes Auge für die Zusammenstellung eines Kaders. Man achtet nicht nur auf die fußballerische Qualität, sondern sehr genau auch auf die Persönlichkeit des jeweiligen Spielers.

bundesliga.de: Sie selbst spielen bisher ebenfalls eine hervorragende Runde und sind einer der notenbesten Innenverteidiger der Liga. Sind Sie von sich selbst ein wenig überrascht?

Sulu: Naja, wenn ich mir diese Liga nicht zutrauen würde, hätte ich gar nicht antreten brauchen (lacht). Vielleicht sind die Experten mehr überrascht, die mir das vor einem Jahr noch nicht zugetraut hätten...

bundesliga.de: Immerhin ist die Bundesliga die bisher wohl größte Herausforderung Ihrer Karriere...

Sulu: Das stimmt. Ich habe zwar auch in der türkischen SüperLig bei Gencerbirligi Ankara unter Vertrag gestanden, dort aber insgesamt nur zehn Minuten auf dem Platz gestanden. Nichtsdestotrotz war mir vor dieser ersten Bundesliga-Saison bewusst, dass ich, wenn ich hart trainiere und topfit in jedes Spiel gehen kann, es auch in der Bundesliga schaffen kann. Ein Stück weit gehe ich jedes Bundesliga-Spiel so an, als wäre es für mich ein Endspiel. Es ist schön zu sehen, dass ich mithalten kann. Darüber steht aber immer der Wunsch, dass in erster Linie die Mannschaft von meiner Leistung profitiert - auch wenn ich weiß, dass ich das Team ganz sicher nicht alleine retten kann.

"Ein einziges großes Highlight"

bundesliga.de: Die Bundesliga ist also die größte Herausforderung Ihrer Karriere, ist es aber auch die schönste Zeit?

Sulu: Ich denke, dass die beiden Aufstiege - zunächst in die 2. Bundesliga, dann sogar in die Bundesliga - ebenfalls herausragend waren. Nichtsdestotrotz sind die vergangenen Monate ein einziges großes Highlight. Und ich hoffe, dass das noch eine ganze Zeitlang so bleibt.

bundesliga.de: Eine besondere Bedeutung für Sie soll bis heute auch Ihre zweite Karriere-Station haben, der Bahlinger SC...

Sulu: Das ist richtig. Damals bin ich als gerade 18-jähriger zuhause aus- und in eine andere Stadt umgezogen und habe gleichzeitig eine Ausbildung zum Automobil-Kaufmann begonnen. Das war für mich in vielerlei Hinsicht ein sehr großer Schritt. Ich musste lernen, was ein Arbeiter oder ein Angestellter tagtäglich zu leisten hat, wenn er morgens um sieben Uhr aufstehen muss, um ab acht im Büro an seinem Schreibtisch zu sitzen. Und wenn nachmittags um fünf Schluss ist, geht es weiter zum Training. Damals war es mir vor allem wichtig, einen Beruf zu erlernen. Die Tatsache, dass ich aus Sandhausen und der Oberliga eine Klasse tiefer nach Bahlingen in die Verbandsliga wechselte, war da eher zweitrangig. Allerdings haben wir sofort den Wiederaufstieg geschafft (lacht).

bundesliga.de: Auf Nummer sicher in Sachen Beruf gehen Sie bis heute, parallel zur Profi-Karriere studieren Sie Sport-Management...

Sulu: Sie haben völlig Recht: Mir ist es sehr wichtig, dass ich nach meiner Profi-Karriere etwas in der Hand habe. Sport-Management ist nicht die schlechteste Option, wenn man dem Fußball verbunden bleiben möchte. Und ich hoffe, dass ich mein Fernstudium im Februar beenden kann. Vorher möchte ich allerdings noch ein paar Jährchen spielen.

bundesliga.de: "Noch ein paar Jährchen spielen": Auch für die türkische Nationalmannschaft?

Sulu: Ich habe wie viele andere wohl auch lediglich gelesen, dass man sich für mich interessieren soll. Ob ich aber tatsächlich beobachtet und gesichtet wurde, weiß ich nicht. Gesprochen habe ich mit niemandem. Im Moment zählt für mich aber ohnehin nur Darmstadt 98. Wenn wir unsere Ziele erreichen sollten, wäre es ein fantastisches Jahr. Was dann noch dazu kommen sollte, wäre eine schöne Zugabe.

"Derby hat seine eigenen Gesetze"

bundesliga.de: Zurück zum Derby: Kühlt die schwere Trainings-Verletzung von Frankfurts Johannes Flum das Derby-Fieber ein wenig ab?

Sulu: Es ist nicht so, dass wir ohne diese bittere Nachricht mit Schaum vor dem Mund im Training herumlaufen und damit überziehen würden. Natürlich hat uns die Verletzung von Johannes beschäftigt, so etwas würde man selbst seinem schlimmsten Feind nicht gönnen. Mit Jan Rosenthal hat Johannes bei uns einen guten Kumpel im Team, und Jan hat ihm viele Genesungswünsche ausgerichtet. Unserer Konzentration auf das Derby hat die Nachricht aber nicht geschadet. Noch mag es eine normale Woche sein, spätestens am Samstag aber beginnt das große Kribbeln.

bundesliga.de: Die Eintracht ist sportlich wie körperlich angeschlagen, Goalgetter Alex Meier fehlt gelbrot-gesperrt. Ist das ein besonders guter Zeitpunkt für Darmstadt?

Sulu: Alex ist auf jeden Fall ein wichtiger Spieler für die Eintracht, und sein Fehlen bedeutet fraglos einen Qualitätsverlust. Aber wie heißt es so schön? Ein Derby hat seine eigenen Gesetze! Jeder will dabei sein, jeder gibt umso mehr Gas. Zudem fehlt uns mit György Garics ebenfalls ein sehr wichtiger Spieler, den wir erst einmal adäquat ersetzen müssen. Am Ende ist es aber egal, wer bei uns aufläuft. Letztlich zählt vorrangig die Einstellung. Und das Ergebnis (lacht).

bundesliga.de: Wären Sie mit einem Punkt zufrieden?

Sulu: Wenn wir in einem Auswärtsspiel einen Punkt holen könnten, würden wir den natürlich freudig mit nach Hause nehmen. Aber unser Ziel ist in jedem Spiel zunächst einmal, drei Punkte mitnehmen zu können.

bundesliga.de: Apropos Unentschieden: Sechs sind es bisher, was zeigt, dass die „Lilien“ nur schwer zu schlagen sind. Andererseits bringen einen Unentschieden in der Tabelle nur langsam voran...

Sulu: Nein, diese Sorge trage ich nicht. In den vergangenen Wochen waren unsere Ergebnisse zwar nicht - sagen wir - allzu "gewinnbringend". Trotzdem glaube ich, dass die Leistung gegen Hamburg, in Stuttgart oder z. B auch gegen Wolfsburg gestimmt hat. Ein Stück weit mag uns vor dem gegnerischen Tor bisweilen das Glück fehlen. Aber ich halte es für falsch sich schon heute darüber Gedanken zu machen, ob am Ende der Saison zu viele Unentschieden ein Problem sein könnten. Das würde nur hemmen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter