Köln - Hertha BSC gehört erneut zu den großen Überraschungsmannschaften der Saison. Die Berliner haben sich bis auf Platz 3 hochgearbeitet und nach 13 Spieltagen bereits 27 Punkte auf dem Konto. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der ehemalige Hertha-Profi Axel Kruse (64 Spiele und 24 Tore für die Berliner in der Bundesliga und der 2. Bundesliga) den Höhenflug des Hauptstadtclubs. Der 49-Jährige glaubt, dass Hertha stabiler als in der letzten Saison ist.

bundesliga.de: Herr Kruse, wie bewerten Sie den aktuellen Höhenflug von Hertha BSC?

Axel Kruse: Für mich ist das kein Zufall. Hertha konnte mit Platz 3 bislang das Optimum herausholen. Insgesamt gesehen ist das auch verdient, wenn man die Art und Weise sieht, mit der Hertha die Spiele angeht und spielt. Beim VfL Wolfsburg hatte die Mannschaft gegen einen Gegner mit weitaus größeren finanziellen Möglichkeiten 70 Prozent Ballbesitz und total verdient gewonnen. Platz 3 ist sicherlich eine Momentaufnahme, aber Hertha spielt bis jetzt eine großartige Hinrunde.

bundesliga.de: Kommt diese Entwicklung für Sie überraschend, wenn Sie auch an die Vorbereitung denken, den Wechsel des Kapitäns und das Aus in der Qualifikation zur Europa League?

Kruse: Dass Hertha nach 13 Spieltagen auf Platz 3 steht, habe ich auch nicht erwartet. Ich hatte keine großen Erwartungen vor der Saison, weil ich im Fußball schon so lange dabei bin, dass ich weiß, dass man dem ganzen Theater einer Saisonvorbereitung nicht so viel Beachtung zu schenken braucht. Manche Mannschaften gewinnen alle Vorbereitungsspiele und verlieren dann zum Bundesliga-Start. Darauf gebe ich nicht so viel. Für Hertha war das ein Spagat, weil sich die Mannschaft zum einen auf die Bundesliga vorbereiten musste und zum anderen in der Quali mit Bröndby auf einen Gegner traf, der schon im Wettbewerb und im Rhythmus war. Das ist immer schwierig. Das Hinspiel (1:0) war total in Ordnung, im Rückspiel (1:3) haben sie sich die Dinger selbst reingehauen.

bundesliga.de: Was zeichnet Hertha aus, was macht die Mannschaft gefährlich für die Gegner?

Kruse: Die Berliner haben natürlich auch einen guten Kader. Das muss man auch mal sagen. Wenn man die Spieler durchgeht, sind das fast alle gestandene Bundesliga-Profis. Mit Vedad Ibisevic und Salomon Kalou haben sie auch Hochkaräter drin. Diese Spieler verkörpern internationale Klasse. Hinzu kommt, dass die Mannschaft eklig zu spielen ist. Das Defensivverhalten ist gut, keiner lässt mal einen Gegenspieler laufen, sie sind eng am Mann, jeder arbeitet nach hinten mit. Gegen die beiden defensiven Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger und Per Skjelbred spielt keiner gerne. Oder gegen Nilas Stark. Das sind unangenehme Gegenspieler. Jede gute Aktion gegen Hertha musst du dir erkämpfen. Damit kommen Mannschaften, die es gewöhnt sind, einen schönen Fußball zu spielen, nicht klar. Beim Spiel in Wolfsburg standen beim Gegner Topleute auf dem Platz. Aber sie haben kein Land gesehen, die beiden Wolfsburger Tore resultierten aus individuellen Fehlern der Hertha. Die Leistungen sind schon bemerkenswert.

"Hertha lässt sich von Rückständen nicht umwerfen"

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bundesliga.de: Pal Dardai trägt seit zwei Jahren die Verantwortung. Mit ihm kam der Erfolg. Glauben Sie, dass er aus den möglichen Fehlern der letzten Rückrunde gelernt hat?

Kruse: Er ist ein junger Trainer, der natürlich auch noch dazu lernt. Das vermittelt er auch der Mannschaft. Alles andere wäre auch völlig ungewöhnlich. Aber so gut wie die Hinrunde der letzten Saison gemacht wurde, so gut war sie nicht. Und so schlecht, wie die Rückrunde gesehen wurde, war sie auch nicht. Es waren auch Spiele dabei, die in der Hinrunde glücklich gewonnen wurden. Und in der Rückrunde war es genau umgekehrt. Für einen Verein wie Hertha waren 18 Punkte in der Rückrunde zwar nicht besonders gut, es war aber auch kein Desaster, wie es teilweise dargestellt wurde.

bundesliga.de: Aber 18 Punkte waren im Vergleich zu den 32 Zählern der Hinrunde schon deutlich weniger.

Kruse: Das stimmt. Aber in der Beurteilung mache ich mich etwas frei von Ergebnissen. Natürlich sind die Ergebnisse das Entscheidende. Trotzdem gucke ich mir an, wie die Ergebnisse erzielt wurden. Da sehe ich eine Entwicklung. In dieser Hinrunde spielt die Mannschaft anders als in der letzten Vorrunde. Sie sind stabiler, souveräner und lassen sich auch von Rückständen wie in Wolfsburg nicht umwerfen. Die Mannschaft macht dort das 2:2 und spielt danach auf Sieg. Das wäre in der letzten Saison meiner Meinung nach auf diese Art und Weise noch nicht möglich gewesen.

bundesliga.de: Jetzt empfängt die Hertha also Werder Bremen, danach geht es zu RB Leipzig und dann kommt Darmstadt 98. Gegen Bremen erwartet jetzt jeder einen Sieg. Das macht die Aufgabe nicht einfacher.

Kruse: Ganz genau. Bremen ist schon traditionell nicht der bevorzugte Hertha-Gegner. Gegen sie ist es immer unangenehm. Die Mannschaft hat sich stabilisiert. Das wird kein Selbstläufer für Hertha. Und so weit ist die Mannschaft auch noch nicht, einen solchen Gegner im Vorbeigehen zu schlagen. Hertha muss in jedem Spiel an die Leistungsgrenze gehen, um Punkte zu machen, egal ob die Gegner Bremen, Leipzig oder Darmstadt heißen. Ich freue mich, dass Ibisevic nach seiner Sperre zurückkommt, weil er vorne brutal wichtig für die Mannschaft ist. Was er in seinem Alter an Leidenschaft zeigt, ist vorbildlich für die jungen Spieler.

bundesliga.de: Was trauen Sie Hertha in der Saison zu?

Kruse: Mein Traum ist Platz 4, aber wahrscheinlich wird es ein Platz zwischen 5 und 7.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski