Gelsenkirchen - Hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund die Nummer drei in der Liga – schaut man nur auf die Auswärtsstabelle, setzt der FC Ingolstadt ein ganz dickes Ausrufezeichen. Aber was macht den Aufsteiger, der auch auf Schalke gerade wieder einen Punkt mitgenommen hat, ausgerechnet auf fremden Plätzen so bärenstark?

Ramazan Özcan ist so etwas wie ein alter Hase in den Reihen des FC Ingolstadt, mit 31 Jahren ältester Spieler im Kader. Aber auch der Torhüter, der schon einiges erlebt hat in seiner Karriere, war nach dem 1:1-Remis seiner Mannschaft beim FC Schalke 04 beeindruckt: "Wir können auch in einem Hexenkessel vor 60000 Zuschauern bestehen." Mit den Fans im Rücken habe Schalke nach dem Ausgleich zwar mächtig Druck gemacht. Aber "es ist auch eine Qualität, dass wir dann nicht das zweite Tor bekommen. Das ist nochmal ein Schritt in unserer Entwicklung."

Eine Entwicklung, die den FC Ingolstadt schon jetzt zu einer echten Auswärtsmacht geformt hat. Elf Punkte hat die Mannschaft von Ralph Hasenhüttl aus den ersten sechs Partien in fremden Stadien geholt. Gleich zum Saisonauftakt hatte man mit den Erfolgen in Mainz, Augsburg und Bremen einen neuen Rekord aufgestellt. Noch nie zuvor hatte ein Aufsteiger in der Bundesliga die ersten drei Partien auswärts gewonnen.

Eingespielte Truppe

© gettyimages / Matthias Hangst

Überraschend kommen diese Serie und das starke Auftreten der "Schanzer" in der Fremde allerdings nicht. Vor dem Aufstieg hatte Ingolstadt seit 2013 nur zwei Mal auswärts verloren und mit 19 Auswärtsspielen in Folge ohne Niederlage schon in der letzten Spielzeit für einen Rekord gesorgt. Das kommt dem Team jetzt zugute: Weil Hasenhüttl weitgehend auf die Aufstiegsmannschaft setzt, ist die Truppe eingespielt – die Automatismen sitzen. Auch der Trainer findet es "angesichts der Zeit in der 2. Liga nicht so überraschend, dass wir auswärts so gut spielen."

Schon in der Vorsaison habe man sich "eine sensationelle Qualität erarbeitet", freut sich Ralph Hasenhüttl. Und die fußt vor allem auf einem intensiven Spiel gegen den Ball. Die Spielanlage der "Schanzer" war und ist in erster Linie darauf ausgelegt, den Gegner permanent zu bearbeiten und dessen Offensivbemühungen zu unterbinden. Muss man zu Hause selbst das Spiel machen oder hat mehr eigenen Ballbesitz, tut sich Ingolstadt wesentlich schwerer. "Auswärts kommt es uns entgegen, dass wir fast automatisch in unser Pressing- und Umschaltspiel kommen. Das liegt uns", erklärt Benjamin Hübner.

Großer Rückhalt: Özcan

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Der Verteidiger selbst ist einer der personellen Trümpfe in Sachen Defensivarbeit. Er konnte auswärts bisher starke 67 Prozent seiner Zweikämpfe für sich entscheiden. Auch der Torhüter trägt seinen Teil zum beeindruckenden Auftritt in den fremden Stadien bei. Ramazan Özcan ist der große Rückhalt der Ingolstädter. Er wehrte auswärts 85 Prozent der Bälle ab, die auf sein Tor flogen. Das ist in dieser Saison der zweitbeste Wert hinter Manuel Neuer, der auf 88 Prozent kommt.

Und Özcan kennt noch einen weiteren Grund, warum es so gut läuft: "Wir haben ein paar gestandene Spieler, die vorne weg marschieren. Man sieht es auch auf dem Platz, wie die Jungs sich alle von dieser Coolness anstecken lassen." Nervös wird der Aufsteiger auch angesichts einer großen Kulisse wie auf Schalke längst nicht mehr. Im Gegenteil – man hat zunehmend Spaß daran, wie Moritz Hartmann nach der Partie bestätigte: "Wir hatten hier keinen Druck. Wir genießen es, in so einem Stadion spielen zu dürfen."

Stärke im Konter- und Umschaltspiel

Das Ergebnis von Lust und Leistung kann sich sehen lassen: Nur drei Gegentore in den ersten sechs Auswärtsspielen sprechen für sich und sind mehr als bemerkenswert. In der Bundesliga-Historie hatten nach dieser Frist erst fünf Teams auswärts weniger Gegentore auf dem Konto. Und ein Aufsteiger war defensiv auswärts nie zuvor so stabil wie die Ingolstädter.

Was die eigene Torausbeute betrifft, ist der Ertrag zwar übersichtlich. Aber zum einen profitiert Ingolstadt auswärts vom schnellen Konter- und Umschaltspiel und hat so bereits fünf Treffer erzielt – zu Hause stehen erst zwei Tore zu Buche. Zum anderen zeigt sich die Ausgeglichenheit der Mannschaft auch bei den Torschützen. Die fünf Auswärtstore verteilen sich auf fünf verschiedene Spieler. Ingolstadt ist für den Gegner nur schwer auszurechnen. Auch auf Schalke kamen bei insgesamt sieben Torschüssen gleich sieben verschiedene Spieler zum Abschluss. Und im Zweifelsfall sorgt eben wie jetzt mit Tobias Levels auch mal ein Verteidiger für den Torerfolg.

 

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte