Als Jörg Krell vor zehn Jahren begann, mit seiner Tochter Jessica zu Auswärtsspielen von Werder Bremen mitzufahren, hatte er stets Orientierungsprobleme.

Der Behinderten-Parkplatz war nicht ausgeschrieben, Ansprechpartner waren schwer zu finden und auch sonst war es mühsam, sich zu Recht zu finden.

Die heute 19-jährige Jessica Krell leidet nämlich unter motorischen Störungen und sitzt im Rollstuhl. Sie ist daher auf die Hilfe Anderer angewiesen und benötige spezielle Vorrichtungen. Sie kann keine Treppen steigen und kann nicht einfach eine Karte für den nächstbesten Sitzplatz kaufen.

"Sind auf gut Glück losgefahren"

Heutzutage sind die Auswärtsfahrten deutlich einfacher - dank des Reiseführers für Menschen mit Behinderung, den die DFL Deutsche Fußball Liga GmbH erstmals vor zwei Jahren zusammen mit der Bundesbehindertenfanarbeitsgemeinschaft (BBAG) aufgelegt hat.

"Früher sind wir auf gut Glück losgefahren", sagt Jörg Krell. Da habe man sich ins Auto oder in den Zug gesetzt, sei losgefahren und habe sich durchgefragt. Das war freilich stressig und zeitaufwendig.

"Seitdem es den Reiseführer gibt, lese ich vor der Abfahrt die entsprechenden Seiten im Buch. Damit ist alles viel einfacher geworden", sagt Krell. Nun können sich die Krells noch mehr freuen, denn pünktlich zur neuen Saison gibt es eine aktualisierte und verbesserte Version des kostenlosen Reiseführers, die mit einigen zusätzlichen Elementen aufwartet und übersichtlicher gestaltet ist.

Bis ins Ruhrgebiet

"Wir erleben ein stetig wachsendes Interesse von Menschen mit Behinderungen und freuen uns sehr, dass diese längst einen festen Platz unter den Bundesliga-Fans einnehmen. Und wir wissen auch, welchen organisatorischen Aufwand Fußball-Fans mit Behinderung auf sich nehmen, um ihr Team in den Stadien anfeuern zu können. Deshalb unterstützen wir diese Fans gerne beim barrierefreien Besuch ihrer Clubs bei Heim- und Auswärtsspielen", sagt DFL Geschäftsführer Tom Bender.

Dank des Reiseführers trauen sich immer mehr gehbehinderte Fans, ihr Team auswärts zu begleiten. "Einige unserer Fans im Rollstuhl sind früher höchstens nach Bremen gefahren, mit dem Reiseführer fahren sie jetzt sogar ins Ruhrgebiet", sagt Matthias Keck, der beim Hamburger SV als Behinderten-Beauftragter fungiert und selbst im Rollstuhl sitzt.

Notwendige Informationen wohl sortiert

Für alle Spielorte der Bundesliga und 2. Bundesliga sind die notwendigen Informationen nach Club, Stadion, Anfahrt und auch Stadt sortiert, so dass sich Fußball-Anhänger mit Behinderung schnell zu Recht finden - vor allem wenn sie zum ersten Mal an einem neuen Ort sind. Da die Deutsche Bahn AG als Kooperationspartner an der Herstellung des Reiseführers beteiligt war, ist ein großes Augenmerk auf die Anreise mit dem Zug gelegt worden.

So sind für jeden Bahnhof der 34 Bundesliga-Städte Ansprechpartner für den Notfall benannt, aber es finden sich auch detaillierte Informationen zum Ausstieg. Ein Kapitel widmet sich der Mobilitätsservice-Zentrale der Deutschen Bahn. Dort finden gehbehinderte Menschen Hilfe beim Ein- und Umsteigen in Zügen oder bei anderen Problemen.

"Architekten denken nicht immer daran, barrierefrei zu bauen"

Ulli Freitag aus Marl hat den Reiseführer ebenfalls aufmerksam gelesen. Dem 45-Jährigen, der seit einem Arbeitsunfall vor 15 Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, gefällt es vor allem, dass auf die Barrierefreiheit großen Wert gelegt wurde.

"Architekten denken nicht immer daran, barrierefrei zu bauen", sagt der gelernte Techniker, der seit seinem elften Lebensjahr ein großer Fan des FC Schalke 04 ist, "darum ist es wichtig für uns, darauf zu achten."

Deswegen sei der Reiseführer vor allem für Leute, "die neu im Rollstuhl sind, sehr wichtig. Denn die kennen sich nicht mit den Gegebenheiten für Gehbehinderte aus, selbst wenn sie vorher schon mehrmals in einem Stadion waren", sagt Freitag.

Übernachtungstipps

Doch nicht nur um die Anfahrt geht es in dem Buch, auch für die Übernachtung wurde einiges zusammen getragen. Beschreibungen der Herbergen und ihre Entfernung zum Stadion geben einen Überblick in einer unbekannten Stadt.

An nützliche Adressen, wie etwa von Fahrdiensten für Behinderte, haben die Autoren ebenfalls gedacht. Zudem gibt es an jedem Ort einen Top-Tipp, wie etwa den behindertengerechte Gartenanlagen zum Fühlen, Riechen und Tasten in Bremen.

"Deswegen", sagt Freitag, "ist dieser Reiseführer sogar für Rollstuhlfahrer sehr hilfreich, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren." Für Freitag, Krell und Keck kommt das aber freilich nicht in Frage. Sie wollen möglichst oft dabei sein, wenn ihre Mannschaft auf dem Platz steht.