"Guck mal, die trainieren mit dem neuen Trainer", sagt der eine mit der roten Trainingsjacke, blauen Hose, in weißen Stutzen und Schuhen.

"Ah cool", antwortet der andere im nahezu gleichen Outfit, nur mit roten Fußballschuhen. Dann stutzt er und fragt: "Wer ist der neue Trainer?"

1.000 Zuschauer beim Training

Der Bub, vermutlich ein F-Jugendlicher des FC Bayern, der mit seinem Kumpel gerade auf dem Weg zum eigenen Training ist, gehört zu den wenigen unter den rund 1.000 Menschen am Trainingsgelände des FC Bayern, die nicht wissen, dass der neue Trainer Jupp Heynckes heißt.

Es ist ordentlich was los an der Säbener Straße beim ersten Training des neuen Trainers. Trotz eiskalter Temperaturen und wiederkehrenden Regenschauern.

Keine große Ansprache

Für 16 Uhr ist die Einheit angekündigt - mit zehnmütiger Verspätung geht es schließlich los. Angeführt von Jupp Heynckes, der seinen grauen Anzug von der Pressekonferenz für einen blauen Trainingsanzug mit eigenen Initialen ("JH") eingetauscht hat, betritt die Mannschaft das Feld.

Eine große Ansprache gibt es nicht. Keine Minute dauert es, bis sich die Mannschaft in zwei Gruppen warmlaufen darf. Die Leitung des Warmlaufens übernehmen die Fitnesstrainer Thomas Wilhelmi und Marcelo Martins - das Duo aus dem Team von Jürgen Klinsmann ist genauso weiterhin an Bord wie Torwarttrainer Walter Junghans.

Während Luca Toni, Franck Ribery und Co. die Runden drehen, legt Heynckes mit seinem neuen Co-Trainer Hermann Gerland akribisch die Hütchen zurecht.

Keine großen Worte

Bei seiner Vorstellung erzählte Heynckes zwar, dass er sich aufgrund der ereignisreichen Tage kaum Gedanken über die Mannschaft habe machen können, aber im Training beweist der 63-Jährige umso mehr, dass er es noch drauf hat. Auch nach dem Auslaufen gibt es keine großen Worte. Auch Gerland, der bei der Pressekonferenz einen ruhigen "Tiger" ankündigte, ist stets in der Beobachterrolle.

Das neue Gespann lässt stets in zwei Gruppen arbeiten. So auch beim Training mit dem Ball: Viele kurze Pässe über ein paar Stationen, einer schickt den Ball in den Lauf, der andere schließt ab. Heynckes beobachtet das Treiben seiner neuen Mannschaft ganz genau. Und wer nicht funktioniert, wird nicht geschont.

Klare Ansagen

"Spiel' den Pass richtig", "Aufwachen!", "Heeeey!", "Los! Los! Los! Schneller" - die Palette der Heynckes'schen Zwischenrufe ist vielfältig. Beim einen oder anderen Bayern-Star meldet die Puste schon nach einer Stunde "Reservetank". Heynckes zeigt gleich am ersten Tag eine für seine Stars atemberaubende Visitenkarte. "Don Jupp", wie sie ihn in Spanien tauften, ist zurück.

Auffällig ist das Lob für seine jungen Spieler. Holger Badstuber und Thomas Müller, Kräfte aus der zweiten Mannschaft und bisherige Schützlinge von Hermann Gerland, machen ihre Sache gut und Heynckes verschweigt seine Zufriedenheit nicht: "Gut so, mein Junge!", gibt es für gelungene Aktionen zu hören.

Vollgas-Start von Heynckes

"Es herrscht hier schon ein anderer Wind", sagt ein älterer Fan, der so desinteressiert guckt, als hätte er seit zwei Jahrzehnten kein Training des FC Bayern verpasst. Aber selbst ihm ist der Vollgas-Start des Klinsmann-Nachfolgers nicht entgangen.

Heynckes hat bereits am ersten Tag seiner vierwöchigen Zeitarbeitsanstellung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sowohl bei den Fans als auch bei den Spielern. Und man kann davon ausgehen, dass ihn bald auch alle F-Jugendspieler des FC Bayern kennen...

Von der Säbener Straße berichtet Fatih Demireli