Mainz - Matthias Sammer versprach, noch einmal ein Auge zuzudrücken und witzelte: "Lewy ist in der Krise, er hat nur zwei Tore gemacht." Nachdem er sich mit fünf Treffern in neun Minuten beim 5:1 gegen den VfL Wolfsburg wohl unauslöschlich in den Annalen der Bundesliga verewigt hatte, setzte Robert Lewandowski mit zwei Toren beim 3:0 des FC Bayern beim FSV Mainz 05 seine Rekordparade im September fort.

Kein Wunder, dass Bayerns Sportvorstand Sammer einen kleinen Witz über die derzeit überragenden Form dieses unverschämt kompletten Mittelstürmers machte. Wobei Robert Lewandowski in der ersten Halbzeit, in der die Mainzer gut verteidigten und den Bayern das Leben schwer machten, nicht viel gelang. Auch deshalb erklärte Sammer Lewandowskis Leistung mit weniger Witz dann so: "Robert ist, wenn man das Spiel in der ersten Halbzeit unter taktischen Gesichtspunkten sieht, oft eine arme Sau. Die Mainzer haben die Räume so eng gemacht, da ist es für einen Mittelstürmer extrem schwer. Da muss ich den Gegner erst mal müde spielen." Und das können die Ballbesitzkönige vom FC Bayern ja wie keine andere Mannschaft. Und wenn sich die Chance Lewandowski dann bietet, nutzt er sie eben eiskalt.  So wie in der 51. Minute in Mainz, als er in der Rückwärtsbewegung den Ball nach einer Flanke von Kingsley Coman per Kopf zur Führung verwandelte.

Ein unlösbares Rätsel für Innenverteidiger

© gettyimages / Simon Hoffmann/Bongarts

Danach zog  Lewandowski sein Trikot nach oben und hielt es so lange mit beiden Händen in die Höhe, dass auch jeder diese Zahl auf Brusthöhe seines Unterhemds in den Farben des Hauptsponsors sehen konnten: 100 stand da zu lesen. Gerade hatte der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft sein 100. Bundesligator gemacht. Es passt in diese atemberaubende Woche des Robert Lewandowski, dass natürlich auch das einen Rekord bedeutete. Noch nie hat ein ausländischer Spieler so schnell 100 Tore in der Bundesliga gefeiert -  Lewandowski brauchte dafür nur 168 Einsätze. Und nur elf Minuten nach dem 1:0 machte er auch noch das 2:0 in Mainz und stellte so einen Rekord von Gerd Müller ein: Zehn Tore in sieben Ligaspielen hatte zuvor nur der "Bomber der Nation" geschafft - der allerdings zwei Mal.

So spektakulär wie Lewandowski auf dem Platz derzeit ein unlösbares Rätsel für Innenverteidiger gibt, so sachlich banal kommentiert er hinterher seine Rekorde. "Ich bin sehr zufrieden, auch wenn es heute schwierig war. Ich muss immer Gas geben, immer daran glauben, dass ich Tore schieße", sagte der 27-Jährige nach seiner erneuten fußballerischen Heldentat. Das mit dem T-Shirt sei seine Idee gewesen, erklärte er noch und gab so indirekt zu, mit der dreistelligen Torausbeute in seiner Bundesligastatistik nach dem Mainz-Spiel gerechnet zu haben. Wobei er seine Inszenierung nach seinem Rekordtreffer beherrscht durchgezogen hatte: Er lupfte das Trikot nämlich nicht über den Kopf, so dass Schiedsrichter Bastian Dankert keine Gelbe Karte zückte.

Auf die Frage eines Journalisten, ob er Lewandowski nach seinen Erfolgen nun einen Blumenstrauß schenke oder noch härter anpacke, sagte Bayern-Trainer Pep Guadiola launig: Er lasse den Torjäger heute Abend ganz lässig mit seiner Frau aufs Oktoberfest gehen. Der siebte Sieg im siebten Ligaspiel hob auch bei Guardiola die Laune drei Tage vor dem Heimspiel in der Champions-League gegen Dinamo Zagreb und vor dem Gipfel der Liga am nächsten Wochenende gegen Borussia Dortmund.

"Ein absolutes Spitzenspiel"

© gettyimages / Simon Hoffmann/Bongarts

Kaum zu glauben, aber wahr: Mit dem dritten Treffer in Mainz hatte Lewandowski nichts zu tun. Das 3:0 von Kingsley Coman bereitete Douglas Costa vor, der damit schon zehn Torvorlagen auf seinem Konto stehen hat. Meistens brauchen die Bayern eine Halbzeit, um wie in Mainz den Gegner müde zu spielen. Der Mainzer Mittelfeldspieler Danny Latza gab zu: "Gegen diese Weltklassespieler rennst du manchmal minutenlang hinterher, ohne den Ball zu kriegen." Irgendwann macht das halt müde und wenn dann noch ein Tor fällt, dann sind diese Bayern einfach nicht zu stoppen. Derzeit staunen alle in der Liga über die hohe Ballkunst dieser Bayern ohne ein Rezept gegen diese zu finden. "Wir müssen akzeptieren, dass es einfach nicht reicht - die sind einfach zu gut", sagt der Mainzer Christian Heidel. Nun hofft die Liga, dass Borussia Dortmund am kommenden Wochenende den Bayern Paroli bieten kann, sonst werde die Liga früh entschieden sein, unkt Heidel.

Jerome Boateng, der in Mainz erst eingewechselt worden war, weil Guardiola Javier Martinez mit dessen Startelfdebüt Matchpraxis verschaffen wollte, sagt im Hinblick auf das Match gegen den BVB: "Es ist ein absolutes Spitzenspiel, auf das sich alle freuen. Wir wollen gewinnen. Wir wissen, dass Dortmund diese Saison wieder sehr stark ist. Ich glaube, dass sich ganz Deutschland auf das Spiel freut."

Und Sportvorstand Sammer sagt: "Was in Dortmund passiert, verfolgen wir mit großem Respekt." Wie nah der BVB unter Trainer Thomas Tuchel den Bayern tatsächlich schon gekommen ist, wird die Bundesliga kommende Woche genau beobachten.

Aus Mainz berichtet Tobias Schächter