Mit 19 Jahren war Sebastian Vettel der jüngste Formel-1-Sieger aller Zeiten. Seitdem ist er einer der Superstars in den Fahrerlagern zwischen Melbourne und Monte Carlo.

Und neben dem Motorsport hat der Heppenheimer noch eine andere große Liebe: den Fußball. Mit dem Bundesliga-Magazin sprach der Red-Bull-Pilot vor dem Saisonauftakt am 14. März 2010 in Bahrain über Formel 1, Fußball und Eintracht Frankfurt.

Frage: Sebastian Vettel, gibt es schon eine verbale Stallorder für Sie als deutschem Fußballfan im österreichischen Team Red Bull Racing, was die Spiele der Nationalteams betrifft?

Sebastian Vettel: Wegen der EM-Gruppenauslosung? Nein, das würde ich mir auch nie vorschreiben lassen. Bei dem Spiel stehe ich ganz klar zu Deutschland, und wir werden auch gewinnen. Den zweiten Platz gönne ich den Österreichern. Aber nur den zweiten.

Frage: Vorher gibt es in Südafrika die WM 2010. Wer sind Ihre Favoriten?

Vettel: Das ist schwer zu sagen. Deutschland hat eine echte Chance. Seit langem auch mal wieder England. Die Südamerikaner werden natürlich eine Rolle spielen, Brasilien und Argentinien. Und natürlich, vielleicht der Favorit für mich: Europameister Spanien.

Frage: Die afrikanischen Mannschaften haben den Heimvorteil, der Elfenbeinküste wird zum Beispiel eine Menge zugetraut.

Vettel: Ja, die sind stark, aber ich denke nicht, dass sie den langen Atem haben, um am Ende den Titel zu holen. Zwei oder drei Superspieler reichen einfach nicht aus. Fußball ist schließlich ein Mannschaftssport. Sie werden zwei oder drei gute Spiele machen, aber das Niveau kaum das ganze Turnier halten können.

Frage: Welcher Spieler wird der WM seinen Stempel aufdrücken?

Vettel: Ich hoffe Kaka. Er imponiert mir am meisten.

Frage: Warum Kaka?

Vettel: Er ist extrem kreativ, stellt sein Genie aber immer in den Dienst der Mannschaft. Dazu hat er einen Hammer von Schuss. Und er macht einen sehr intelligenten und sympathischen Eindruck - ein ganz normaler Kerl.

Frage: Und aus deutscher Sicht?

Vettel: Ich hoffe, dass Marko Marin dabei sein wird. Der ist kreativ, kämpferisch und wurschtelt sich irgendwie immer durch. Der Kleine von uns ist richtig gut, der gefällt mir.

Frage: Was heißt von uns?

Vettel: Sorry, liebe Bremer. Aber Marin kommt ursprünglich aus Frankfurt, und ich bin nun mal Eintracht-Fan.

Frage: Lassen sich die Sportarten Fußball und Formel 1 irgendwie vergleichen?

Vettel: Es gibt durchaus Ähnlichkeiten. Ein guter Fahrer in einem schlechten Auto kann keine Rennen gewinnen, eine Meisterschaft schon gar nicht. Wie im Fußball muss das ganze Paket stimmen, damit am Ende der Pokal oder die Schale gewonnen werden kann. Der Pilot muss individuelle Klasse haben, braucht aber ein Ingenieurteam, das ein gutes Auto baut, zusammen mit dem Fahrer über die Saison verbessert und die richtigen Rennstrategien entwickelt. In diesem Sinne ist die Formel 1 total ein Mannschaftssport. Nur auf der Strecke ist der Fahrer Einzelkämpfer, der das gemeinsam Erarbeitete in Eigenverantwortung zu Erfolgen führen muss.

Frage: Mit welcher Position im Fußball könnte man ihre Rolle als Pilot vergleichen?

Vettel: Auf der Strecke sehe ich mich als Torjäger in Form des Elfmeterschützen. Das Team hat diese große Chance durch Training und starkes Spiel gemeinsam herausgeholt. Aber ich bin dann derjenige, der den Elfmeter verwandeln muss. Aber es ist ein bisschen von allem. Es gibt Phasen, in denen man sich fast schon arrogant durchsetzen muss, weil du ganz klar der Meinung bist: Es geht nur so und nicht anders. Dann kommen Situationen für die Rolle eines Spielführers, mit der Zehn auf dem Rücken, also eine Art Regisseur, der auch noch mit Autorität ausgestattet ist. Zum Beispiel, wenn es nicht so gut läuft und auch mal auf den Tisch gehauen werden muss. Und manchmal ist man auch der Torwart, der versucht, von hinten das Spiel zu dirigieren. Unser Vorteil ist, dass bei uns vieles hinter verschlossenen Türen passiert. Denn ich kann auch schon mal heftig werden.

Frage: In der Formel 1 ist jeder Zentimeter auf der Strecke durch TV-Kameras überwacht, strittige Szenen werden noch einmal angeschaut. Verstehen Sie, dass der Fußball auf solche Mittel verzichtet?

Vettel: Nein, absolut nicht. Da bin ich ganz der Meinung von Felix Magath. Wenn man technisch die Möglichkeit hat festzustellen, ob ein Ball jetzt hinter der Linie war oder nicht oder ob es ein Foul war oder nicht, sollte sie genutzt werden wie auch in anderen Sportarten, Tennis zum Beispiel - auch als Hilfe für die Schiedsrichter. Der Einsatz technischer Hilfsmittel unterläuft doch nicht den Urgedanken des Sports, den man - natürlich - nicht verändern sollte. Beim Schwimmen zum Beispiel finde ich gewisse Entwicklungen gar nicht gut…

Frage: Was meinen Sie?

Vettel: Die neuen Anzüge. Es ist doch gar nicht mehr festzustellen, wie viel schneller Michael Phelps oder Paul Biedermann heute im Vergleich zu Mark Spitz oder Michael Groß in früheren Zeiten wirklich sind. Wie viel macht der Anzug aus, wie viel das modernere Training? Wen würde es stören, wenn man im Reglement verlangt, weiterhin mit einer stinknormalen Badehose zu schwimmen?

Frage: Zurück zur WM: Können Sie überhaupt die Spiele verfolgen - oder lässt das Ihr praller Terminkalender nicht zu?

Vettel: Wenn ich die Möglichkeit habe, werde ich alles anschauen. Ich meine wirklich alles: jedes Spiel. Ich bin richtig geil auf die WM und Fußball.

Frage: Wie verfolgen Sie die Bundesliga?

Vettel: Wann immer es geht. Im Notfall schaue ich mir Wiederholungen an.

Frage: Im ZDF-"Sportstudio" haben Sie Ende 2009 dem Mainzer Trainer Thomas Tuchel einen Plastikbecher Ihres Lieblingsclubs Eintracht Frankfurt überreicht.

Vettel: Dass ich Eintracht-Fan bin, liegt nahe, weil ich aus Heppenheim komme, also aus dem Einzugsgebiet von Frankfurt. Die Sache mit dem Becher? Vor dem Besuch beim ZDF war ich beim Derby zwischen der Eintracht und Mainz 05 in der Commerzbank-Arena. Dort habe ich in der Halbzeit ein Mineralwasser getrunken, und den Becher habe ich als Gag für Thomas Tuchel, der ebenfalls Studiogast war, mitgenommen - zum Trost, weil die Eintracht 2:0 gewonnen hatte, mit einer kleinen Widmung.

Frage: Was stand denn auf dem Becher?

Vettel: Lieber Herr Tuchel, Sie können zwar gegen die Bayern gewinnen, aber nicht gegen die Eintracht - so in
etwa. Darüber konnte auch Thomas Tuchel lachen. Er hat mich zum Rückspiel nach Mainz eingeladen. Ich finde, er ist ein richtig guter Typ mit super Ansichten.

Frage: Wie sehen Sie den Unterschied zwischen Fußball auf dem Sofa und im Stadion?

Vettel: Vor dem Fernseher ist es entspannter, man muss sich aber auf den Bildausschnitt verlassen und der Analyse des Kommentators vertrauen. Ich bin lieber im Stadion. Die Atmosphäre mit den Gesängen ist einfach anders, man sieht die gesamte Entwicklung des Spiels, man ist viel näher dran. 60.000 Zuschauer, das ist prickelnd. Außerdem liebe ich Bratwürste zur Halbzeit - natürlich die in Frankfurt.

Frage: Was fällt Ihnen sonst beim Live-Erlebnis auf?

Vettel: Eine Menge. Am Interessantesten fand ich, wie die Trainer auf verschiedenste Weise das Spiel verfolgten. Michael Skibbe saß mehr oder weniger neunzig Minuten lang ziemlich ruhig auf seiner Bank. Ganz anders Thomas Tuchel: Der stand unter Dauerstrom, suchte ständig Kontakt zu den Spielern. Der zwölfte Mann, immer auf Ballhöhe. Ich würde gerne wissen, wie viele Kilometer er im Spiel herunterrasselt. Diese Statistik würde mich interessieren.

Frage: Wären Sie nicht manchmal auch gerne ein Fußballspieler? Bei einer Niederlage kann sich der einzelne hinter der Mannschaft verstecken.

Vettel: Nein. Man sollte immer zu sich selbst stehen, ob als Fußballspieler oder Formel-1-Pilot. Wenn man einen Fehler macht, sollte man auch zu ihm stehen.

Frage: Wie gehen Sie mit dem enormen Mediendruck um? Sie sind erst 22. Können Sie sich in junge Fußballspieler hineinversetzen, die in Ihrem Alter sind?

Vettel: Da sehe ich auf meiner Seite einen Vorteil. Zum ersten Mal stand ich mit sieben Jahren vor einer Kamera. Als Rennfahrer gibt man schon mit 15 oder 16 richtige Interviews - durch Nachwuchsklassen wie die Formel BMW, bei der sich bereits Fachjournalisten für die Fahrer interessieren. So können wir diesen Bereich schon früher kennen lernen. Für mich war das ein Vorteil, bevor ich durch die Formel 1 richtig im Fokus stand. Die meisten Fußballprofis stehen dagegen eher erst mit 18, 19 oder 20 in der Öffentlichkeit - dann aber gleich richtig. Aber auch ich war am Anfang etwas nervös bei Interviews, zu angespannt. Das hat sich gelegt. Jetzt bin ich immer ich selbst. Ich bin kein Schauspieler. Auf Dauer kann man sich nicht verstellen. Das funktioniert einfach nicht.

Frage: Wie sieht es mit Ihrer aktiven Zeit als Fußballspieler aus. Haben Sie es mal richtig im Verein probiert?

Vettel: Aber klar doch. Fußball ist der Volkssport überhaupt, da probiert doch jeder Junge zu kicken. Ich war etwa sechs Jahre, als ich das erste Mal im Verein war. Ich hatte einen Spielerpass, aber ich war wohl nicht gut genug. Außerdem begann für mich zu dieser Zeit schon das intensivere Kartfahren. Später, ich glaube in der B-Jugend, hatte ich noch mal einen Spielerpass bei der TSV Hambach in einem Vorort von Heppenheim. Heute spiele ich in meiner Freizeit aber so oft es geht.

Frage: Was ist Ihre Lieblingsposition?

Vettel: Rechts in der Mittelfeldraute.

Frage: Manchmal auch an der Seite von Michael Schumacher. Wer hat mehr Fußballtalent?

Vettel: Michael hat doch viel, viel mehr Erfahrung als ich. War er nicht schon live 1954 in Bern dabei...? Nein, im Ernst. Machen wir uns nichts vor: Hätten wir beide genug Talent gehabt, würden wir jetzt nicht mit unseren Rennautos um die Ecken fahren.

Der Autor: Ralf Bach, als freier Journalist tätig und auf Motorsport spezialisiert, hat das Interview mit Sebastian Vettel geführt.