München - Genie und Wahnsinn liegen bei ihm nah beieinander. Marko Arnautovic verfügt über großartige Qualitäten am Ball und wurde in der "Welt" sogar schon mit Cristiano Ronaldo verglichen. Und tatsächlich: Statur, Gang, Haltung und sein Schuss erinnern durchaus an den portugiesischen Superstar.

Doch sein Charakter hat schon einige Trainer zum Verzweifeln gebracht: "Fußballerisch genial, aber im sozialen Umgang nicht einfach. Sagt man der nervösen Mannschaft, konzentriert euch, konzentrieren sich zehn. Nur der Arnautovic schaut weg", beklagte sich beispielsweise Willi Ruttensteiner, der beim Österreichischen Fußball-Bund als Sportdirektor für den Nachwuchs zuständig ist.

"Ich bin noch jung und habe manchmal meine Aussetzer", sagte Werders Neuzugang dann auch über sich selbst. Das haben auch die Verantwortlichen schon zu spüren bekommen: Trainer Thomas Schaaf ließ ihn deshalb schon Strafrunden um den Platz drehen, weil er im Training ausgerastet war. Kommentar von Schaaf: "Gut für den Puls, da fließt das Blut in den Kopf." Von der "Bild" gab´s auch gleich einen Spitznamen für Arnautovic: "Null-Bock-Ösi".

Weiterer Schritt in der Karriere

Die Erziehungsmaßnahmen zeigen jedoch ihre Wirkung: Gegen den 1. FC Köln stand er am 2. Spieltag erstmals von Beginn an in Bremens Startelf und feierte ein glänzendes Debüt: Zwei Tore schoss er selbst, eins bereitete er vor. "Bisher mussten wir immer erzählen, was er kann und hoffen, dass die Leute uns glauben", freute sich Geschäftsführer Klaus Allofs nach dem Spiel: "Jetzt haben sie es auch mal selbst gesehen."

Arnautovic ist also dabei, einen weiteren großen Schritt in seiner Karriere zu machen. Werder Bremen ist die dritte Station in der Profi-Laufbahn des 21-jährigen Stürmers. In seiner Jugend spielte er für vier verschiedene Wiener Clubs, eher er 2006 in die Niederlande zum FC Twente Enschede wechselte. In der Jugendabteilung überzeugte Arnautovic und debütierte 2007 bei den Profis.

"Neuer Zlatan Ibrahimovic"

Noch vor seinem ersten Meisterschaftsspiel wurde er dort wegen seiner ähnlichen Statur, technischen Versiertheit und seines Spielstils als "neuer Zlatan Ibrahimovic" angepriesen. Arnautovic glaubt durchaus, dass er in dessen Fußstapfen treten kann. "Aber ich will mehr erreichen, als er erreicht hat", sagte er im vergangenen Jahr zur österreichischen Tageszeitung "Die Presse".

Der Durchbruch in den Niederlanden gelang ihm in der Saison 2008/09: Mit Eljero Elia und Blaise Nkufo bildete er ein Offensivgespann und schoss in 28 Spielen zwölf Tore. Mit Twente wurde er in dieser Saison Vizemeister.

Danach zeigten sowohl der FC Chelsea als auch Inter Mailand Interesse am Stürmer. Nachdem sich Arnautovic verletzte, nahm der englische Club jedoch Abstand von einer Verpflichtung. Stattdessen lieh ihn Inter für ein Jahr aus. Dort saß er aber meist auf der Bank: Nur drei Mal spielte Arnautovic in der italienischen Serie A, an seinen spielerischen Künsten soll es jedoch nicht gelegen haben. "Marko ist ein fantastischer Kerl, aber er hat die Einstellung eines Kindes", beklagte sich sein damaliger Trainer Jose Mourinho.

Österreichs Fußball-Hoffnung

Arnautovics Mutter ist Österreicherin, sein Vater Serbe. Deshalb wäre er für beide Länder spielberechtigt gewesen. Die Entscheidung fiel jedoch zugunsten der Alpenrepublik. Mit der U 19 nahm Arnautovic 2007 an der Heim-Europameisterschaft teil und zeigte auch dort, dass er unberechenbar sein kann: Er zeigte zwar überragende technische Fertigkeiten, schwächte sein Team aber durch eine Rote Karte und fehlte im Spiel um den Einzug ins Halbfinale gegen Portugal, das Österreich verlor.

In der WM-Qualifikation gegen die Faröer Inseln und Serbien stand er zum ersten Mal im Kader der A-Nationalmannschaft. Jetzt gilt er als große Hoffnung für die Alpenrepublik. Der österreichische Rekordnationalspieler und Ex-Bremer Andreas Herzog bezeichnete ihn sogar als den mit Abstand besten Fußballer der letzten 30 Jahre: "Es gab einen Krankl, einen Herzog, einen Polster, einen Prohaska, aber Arnautovic stellt sie alle in den Schatten, wenn er sein Potenzial abruft."

Herzog war es auch, der den Kontakt zwischen Arnautovic und den Norddeutschen herstellte. Er hat den jungen Stürmer in der U 21 trainiert und hält große Stücke auf ihn, wie er im "11Freunde"-Interview deutlich machte: "Er ist genial am Ball und vereint einfach alles, was man im modernen Fußball braucht."

Werder ist die ideale Lösung

Arnautovic kann im offensiven Mittelfeld oder auf dem rechten Flügel spielen. "Er hat etwas Besonderes", glaubt Trainer Schaaf. Schon jetzt setzt ihn der Trainer mit ehemaligen Werder-Stars wie Ailton, Johan Micoud oder Diego gleich: "Wir schaffen es immer wieder, Spieler mit besonderen Fähigkeiten zu holen. Auch Marko ist so einer", wurde Schaaf in der "Welt" zitiert.

Bis 2014 soll der Österreicher bei Werder Bremen spielen. Genug Zeit also, um neben der sportlichen Leistung auch den sozialen Umgang zu verbessern. Herzog weiß, dass der Bundesliga-Club die ideale Lösung für Arnautovic ist. Unter anderem, weil Schaaf gut mit solch jungen Spielern umgehen kann. Der wird jetzt auch dafür sorgen, dass Arnautovic trotz seines grandiosen Startelf-Debüts nicht die Bodenhaftung verliert.

Von der "Bild" gab es übrigens ein Lob: "Der 'Null-Bock-Ösi' hat sich zum Voll-Bock-Ösi entwickelt."

Isabell Groß