Nach dem 2:2 in Sevilla muss der BVB die Segel im internationalen Geschäft streichen
Nach dem 2:2 in Sevilla muss der BVB die Segel im internationalen Geschäft streichen

Auf dem Zahnfleisch in die Rekordbücher

Sevilla - Wirklich viel Zeit hatten die Akteure der Dortmunder Borussia nicht, um sich über das unglückliche Ausscheiden in der Europa League zu beklagen. Denn schon unmittelbar nach dem bitteren 2:2-Unentschieden beim FC Sevilla, das den "Schwarz-Gelben" in der Endabrechnung der Gruppe J hinter Paris St. Germain und eben jenem FC Sevilla nur Platz 3 einbrachte, steht wieder die Bundesliga auf dem Stundenplan von Jürgen Klopps Rasselbande.

Voran ging dabei - wie fast immer - Musterschüler Nuri Sahin. Wie kein Zweiter setzt dieser Woche für Woche die Vorgaben seines Coaches auf dem Platz um, und auch in Sachen Diktion nähert sich der gebürtige Lüdenscheider immer mehr an seinen Coach und Lehrmeister an.

So also ließ der junge Türke noch in den Katakomben des altehrwürdigen Estadio Ramón Sánchez Pizjuán verlauten: "Jetzt heißt es Weitermachen. Wir müssen schnell umschalten und uns auf Frankfurt konzentrieren."

Spieler üben Selbstkritik

Gerade diese Abgeklärtheit, die Dortmunds junge Elf in der Bundesliga Woche für Woche in einer selten dagewesenen Konsequenz zur Schau stellt, ging ihr allerdings in Sevilla ab. Nach einer drückend überlegenen geführten Startphase, in der die "Schwarz-Gelben" die Hausherren aus Sevilla gleichsam überrollten und durch Shinji Kagawa verdient in Führung gingen, verloren sie die Nerven, deshalb auch die Kontrolle über das Spiel und gaben so schließlich das durchaus mögliche Weiterkommen aus der Hand.

"Wir haben uns zu früh locken lassen, lange Bälle zu spielen", analysierte Sahin und Marcel Schmelzer assistierte: "In der Europa League hat bei uns einfach das gewisse Quäntchen gefehlt. Die ganz seltenen Nachlässigkeiten wurden gnadenlos bestraft."

So viel Einsicht und Selbstkritik in allen Ehren, die Verantwortlichen beim BVB dachten nicht einmal daran, bei dieser Selbstkasteiung mitzuwirken. "Für die Spieler ist das eine größere Enttäuschung als für uns, weil wir das besser einordnen können", merkte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke an und ergänzte: "Wir werden sicherlich irgendwann wieder in Europa auftauchen."

"Etwas auf dem Zahnfleisch"

Zuvor aber wird es spannend sein, wie die Klopp-Schützlinge den Schock von Sevilla bis Samstag verdauen werden - schließlich zählt die Frankfurter Eintracht sicher nicht zur Laufkundschaft der Liga und die Kraftreserven der Borussia scheinen sich langsam dem Ende entgegen zu neigen - jedenfalls wird dies nicht mehr so heftig dementiert wie noch vor einigen Wochen. Sahin gab unlängst sogar zu, dass doch "der eine oder andere etwas auf dem Zahnfleisch" gehe und erntete dafür sogar Zustimmung vom nimmermüde wirkenden Kagawa.

Seinen Platz in der ersten Elf in Frankfurt wird der Japaner aber auch trotz seiner eher durchwachsenen Vorstellung in Sevilla sicher haben, gleiches dürfte für den Jüngsten der Jungen, Mario Götze, gelten. Nicht so sicher darf sich indes Jakub Blaszczykowski fühlen, der am Mittwoch über weite Strecken nicht zu seiner gewohnten Form fand. Schließlich schart Borussen-Idol Kevin Großkreutz, der in Sevilla erstmals in dieser Spielzeit nicht einmal eingewechselt wurde, bereits mit den Füßen.

Nie erreichter Wert winkt

Warum, das ist klar. Er, der fast seine gesamte Jugend auf den Stehrängen der Südtribüne verbrachte, will dabei sein, wenn der BVB Geschichte schreibt. Denn sollte tatsächlich ein Sieg in Frankfurt gelingen, würde der BVB am letzten Hinrundenspieltag die Zähler Nummer 44 bis 46 auf sein Punktekonto füllen - ein bislang noch nie erreichter Wert und ein Rekord, der für viele Jahre Bestand haben wird.

Ganz so lange wird es indes nicht mehr dauern, bis die Borussia ihre nächste Visitenkarte auf der europäischen Bühne abgeben wird. Höchstwahrscheinlich ein Jahr. Dann aber vielleicht sogar in der Champions-League...

Aus Sevilla berichtet Philipp Zimmer