München - Gefährlich mit links, gefährlich mit rechts - Albträume können vielseitig sein. Diese Erkenntnis überkam Keiren Westwood am Freitagabend um kurz vor halb zehn: Marco Reus war gerade für den jungen irischen Nationaltorwart zum personifizierten Albtraum geworden.

Erst jagte der beidfüßige BVB-Star im DFB-Trikot den Ball mit rechts in die Maschen (32. Minute), acht Minuten später ließ er es mit einem satten Linksschuss erneut klingeln. Mit zwei Geistesblitzen löste der 23-Jährige in einem bis dahin zähen Spiel den Knoten. Der Rest war nur noch munteres Scheibenschießen gegen einen demoralisierten Gegner.

"Wir hatten von Beginn an die Kontrolle über das Spiel, aber leider keine zwingenden Torchancen", sagte Reus nach der Partie. Dass gerade seine Treffer gegen die dicht gestaffelten Iren den Unterschied machten, ließ er unerwähnt. Eigenlob geziemt sich nicht, schon gar nicht für einen, der das Zeug hat, in einer Mannschaft langfristig eine Führungsrolle auszufüllen.

Vollstrecker statt Vorbereiter



Reus hat sich binnen kurzer Zeit als Größe im Nationalteam etabliert. Mit seiner Gala gegen Irland zementierte er seine Ansprüche auf einen Stammplatz, während Konkurrent Lukas Podolski über eine Stunde nur die Bank wärmte.

Reus gehört derzeit zum Spektakulärsten, was der deutsche Fußball zu bieten hat - und er weiß das Momentum zu nutzen. Bei seinem Club Borussia Dortmund schlägt er einen ähnlichen Weg ein wie im Nationalteam: Er macht sich nach und nach unverzichtbar.

Wettbewerbsübergreifend traf der Sommer-Neuzugang aus Gladbach für den BVB sechs Mal, davon vier Mal in der Bundesliga. Dabei hat Reus dort erst zwei Spiele über die vollen 90 Minuten absolviert, saß am 3. Spieltag gegen Leverkusen sogar knapp eine Stunde auf der Bank. Einen Assist für Lewandowski steuerte er trotzdem noch bei.

Der gebürtige Dortmunder agiert gerne als Spielgestalter hinter den Spitzen oder auf der linken, manchmal auf der rechten Außenbahn, trotzdem glänzt er in der bisherigen Spielzeit mehr als Vollstrecker denn als Vorbereiter. Die Vorlage zu Lewandowskis 3:0 war seine bislang einzige in dieser Saison - ein Wert, der ausbaufähig ist, zumal in Jakub Blaszczykowski Dortmunds Top-Vorbereiter aufgrund einer Sprunggelenksverletzung wochenlang fehlen wird.

Die Dortmunder "können noch viel mehr"



Doch hat Reus das Zeug zum Schlüsselspieler? Am Selbstvertrauen scheitert es bestimmt nicht. Er ist sich sicher, dass die Borussia trotz der derzeitigen Probleme noch ein ernsthaftes Wörtchen um die Meisterschaft mitreden wird: "Wir werden kommen, wir können noch viel mehr", sagt Reus in einem Interview der "Welt am Sonntag" und widerspricht damit allen, die den Bayern wegen des furiosen Saisonstarts schon im Voraus zur Meisterschaft gratulieren. "Wir konzentrieren uns nur auf uns. Uns Dortmunder hat in den vergangenen Jahren eins ausgezeichnet: dass wir uns nicht ablenken lassen."

Ein Blick in die Vorsaison gibt dem Neu-Dortmunder Recht. Vor einem Jahr hatte Dortmund zur gleichen Zeit erst zehn Punkte auf dem Konto - zwei weniger als im Moment. Der Rückstand auf den damaligen Tabellenführer Bayern betrug acht Punkte, jetzt sind es neun. In Reus' Augen ist alles "gar nicht so negativ, wie es dargestellt wird", sagt der Offensiv-Spieler. "Ich kenne unsere Mannschaft inzwischen gut und kann ihr Potenzial einschätzen." Ein guter Zeitpunkt, den Worten Taten folgen zu lassen, wäre der kommende Samstag. Dann empfängt seine Borussia den Nachbarn Schalke 04 zum Revierderby - und Reus könnte erneut zum Albtraum mutieren.

Maximilian Lotz