Sinsheim - Wollte man es poetisch ausdrücken, würde man wohl vom Phoenix, der aus der Asche aufsteigt, sprechen: Die TSG 1899 Hoffenheim ist innerhalb von knapp sechs Monaten vom Abstiegskandidaten zum bisher ungeschlagenen Spitzenteam gereift. Vor dem Gipfeltreffen beim FC Bayern München spricht 1899-Stürmer Andrej Kramaric mit bundesliga.de über die Gründe für den Höhenflug der Kraichgauer, über die Arbeit mit dem jungen Trainer Julian Nagelsmann und über die Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Premier League.

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bundesliga.de: Herr Kramaric, noch im Mai kämpfte Hoffenheim gegen den Abstieg. Nun, sechs Monate später, fährt man als Tabellendritter zum Spitzenspiel nach München. Da könnte man unken, dass der Unterschied zwischen Tabellen-Keller und -Spitze wohl gar nicht so groß ist...

Andrej Kramaric: Könnte man vielleicht, stimmen würde es aber dennoch nicht. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen einer Spitzenmannschaft und einem Team aus der unteren Tabellenregion. Der größte Faktor ist meiner Meinung nach der Druck, bzw. wie sich der Druck auf die Psyche auswirkt. Wenn man, wie wir aktuell, oben steht, kann man viel befreiter aufspielen und es fällt leichter die vorhandenen Fähigkeiten regelmäßig auf den Platz zu bringen. Im Abstiegskampf dagegen kann Druck lähmen. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir in Hoffenheim eine tolle Atmosphäre haben und, wie ich glaube, auf einem sehr guten Weg sind.

bundesliga.de: Hätten man bereits im April oder Mai wenigstens im Ansatz erkennen können, wohin der Weg unter Julian Nagelsmann in der neuen Saison führen würde?

Kramaric: Um ganz ehrlich zu sein, spreche ich nicht so gerne über die schwierige vergangene Saison. Ich bin da ein wenig abergläubisch und denke, dass man keine schlafenden Hunde wecken sollte. Es ist besser sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und darauf, was wir zurzeit leisten können. Es ist für die Mannschaft eine große Befriedigung zu sehen, welchen Fußball sie spielen kann. Allerdings ist jedem bei uns klar, dass gerade einmal ein Viertel der Saison gespielt ist und dass noch viele sehr starke Gegner auf uns warten.

bundesliga.de: Sind Sie und Ihre Kollegen ein wenig überrascht von der eigenen Stärke?

Kramaric: Das würde ich nicht sagen. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir einen guten Fußball spielen können. Und wir glauben, dass diese Mannschaft längst noch nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen ist und durchaus noch mehr leisten kann. Auch diesbezüglich möchte ich mich aber zurückhalten und nicht so viel darüber sprechen, was vielleicht in der Zukunft passieren könnte. Jeder weiß doch, wie schnell sich die Dinge im Fußball ändern können.

bundesliga.de: Was hat sich in den vergangenen Monaten geändert, immerhin ist die TSG eins von nur noch drei ungeschlagenen Teams?

Kramaric: Das ist eine schwierige Frage, und vielleicht lautet die beste Antwort, dass wir sehr viel aus der vergangenen Saison gelernt haben. Mit jedem guten Spiel wächst nun das Selbstvertrauen und die Sicherheit. Julian Nagelsmann ist es gelungen, dass heute jeder einzelne in jedem Moment genau weiß, was er auf dem Platz zu tun hat..

bundesliga.de: Wie würden Sie den Fußball charakterisieren, den Julian Nagelsmann spielen lässt?

Kramaric: Ich denke, dass Sie die Frage in gewisser Weise bereits selbst beantwortet haben. In der Tat wollen wir Fußball spielen, mit der Betonung auf „spielen“. Attraktives Spiel bereitet Freude. Und wer Freude an seiner Arbeit hat, der wird alles dafür tun, dass das so bleibt. Selbstverständlich sind wir nicht Bayern München. Und doch haben wir die Spieler in unseren Reihen, die in der Lage sind sehr attraktiven, schnellen Ballbesitz-Fußball zu spielen, der zu vielen Torchancen führt.

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bundesliga.de: Julian Nagelsmann ist aktuell der jüngste Trainer der Bundesliga und gerade einmal ein paar Jahre älter ist als Sie. Wie ist es einem so jungen Trainer gelungen Top-Profis davon zu überzeugen, dass seine Strategie die richtige ist?

Kramaric: Julian bekommt allen Respekt, da gibt es überhaupt keine Probleme. Er strahlt sehr viel positive Energie aus, und vor allem sehen wir jetzt, dass das, was er uns vermittelt, Früchte trägt.

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bundesliga.de: Sie haben in Leicester unter Claudio Ranieri, einem Elder Statesman des europäischen Fußballs gearbeitet, sind dort aber nicht so gut zurechtgekommen. Spielt es eine Rolle, dass ein junger Trainer dieselbe Sprache spricht wie seine jungen Spieler?

Kramaric: Da ist wohl etwas dran. Ein junger Trainer beschäftigt sich privat möglicherweise mit denselben Dingen wie seine Spieler, da ist die Verbindung einfach enger. Nichtsdestotrotz geht es am Ende um Fußball und um Erfolg. Und den hat Claudio Ranieri. Ich war von Winter 2015 bis Winter 2016 in Leicester. In der Saison 2014/15 waren wir am 30. Spieltag Letzter mit sieben Punkten Rückstand auf den Nichtabstiegsplatz. Aus den verbliebenen acht Spielen konnten wir dann von 24 möglichen aber nahezu unglaubliche 22 Punkte holen, sodass wir die Klasse schließlich als 14. gehalten haben. Im Sommer kam dann Claudio Ranieri und hat diese Euphorie aufgegriffen, Leicester wurde dann im vergangenen Mai sensationell englischer Meister. Das Alter des Trainers spielt also nicht wirklich eine Rolle.

bundesliga.de: Sie selbst haben Leicester allerdings bereits im Januar 2016 verlassen, nachdem Sie in der Hinrunde gerade einmal auf 22 Einsatzminuten kamen. Es folgte der Wechsel nach Hoffenheim...

Kramaric: Richtig. Leicester und Hoffenheim sind für mich zwei völlig unterschiedliche Geschichten und Erfahrungen. In der Rückrunde 2014/15 hatte ich in Leicester noch eine ganze Reihe Einsätze, unter Ranieri hatte ich dann aber kaum Chancen zu zeigen, wozu ich im Stande bin. Der Wechsel nach Hoffenheim war die absolut richtige Entscheidung.

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Premier League?

Kramaric: Der größte Unterschied ist, dass in der Bundesliga die meisten Teams Fußball spielen und ein Spiel gestalten wollen. Zwar gibt es auch in der Premier League einige spielerisch sehr starke Teams, die Ballbesitzfußball spielen. Das sind die, die in der Regel auf den ersten vier, fünf Plätzen landen. Die anderen Teams aber sind defensiver ausgerichtet, setzen eher auf Konter und zum Teil auch auf simples "Kick and Rush". Die Bundesliga kommt meiner Spielweise und meinem Verständnis von Fußball da weit mehr entgegen. 

bundesliga.de: Mit Sandro Wagner haben Sie in Hoffenheim einen Partner im Angriff, der viel vom Mittelstürmer klassischer Prägung hat, der plötzlich wieder ein gefragter Typ ist. Wie sehen Sie Ihr Zusammenspiel?

Kramaric: Ganz klar, Sandro und ich sind sehr unterschiedliche Stürmertypen, aber wir ergänzen uns sehr gut. Ich bin eher der Typ, der mit dem Ball am Fuß versucht Löcher in die gegnerische Defensive zu reißen. Sandro aber ist für uns deshalb so wichtig, weil er ein körperlich extrem starker Spieler ist, der die Bälle hervorragend festmachen und auf seine Nebenspieler ablegen kann. Unmittelbar vor dem Tor ist er ohnehin absolute Klasse und eiskalt, ob nun mit dem Fuß oder mit dem Kopf. Ich denke, dass wir beide ein sehr gutes Team sind.

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bundesliga.de: In der vergangenen Saison hat Wagner in München getroffen, am Ende aber mit Darmstadt dort dennoch deutlich verloren. Ist es aktuell vielleicht der beste Zeitpunkt in München zu spielen, weil die Bayern in dieser Saison ihre Gegner noch nicht so dominieren?

Kramaric: Für mich ist Bayern München nach wie vor eine der besten Mannschaften der Welt. Das zeigen sie in jeder Saison. Gerade das macht aber die große Herausforderung und ist der Grund dafür, warum ich mich so sehr auf Samstag freue. Spiele gegen die Bayern sind die interessantesten Aufgaben, die einer Mannschaft gestellt werden können. Am Samstagnachmittag um 17.15 Uhr werden wir wissen, wo wir stehen und wieweit wir als Mannschaft bereits gewachsen sind. Selbstverständlich wird unser Spiel etwas anders aussehen als in den vergangenen Partien, und wir werden wohl kaum so viel Ballbesitz haben wie zuletzt. Ich bin aber sicher, dass wir trotzdem unsere Chancen bekommen werden. Dann wird man sehen, was passiert.

Das Interview führte Andreas Kötter