Köln - Als am 9. November 1989 die Mauer geöffnet wurde, bot sich für die Vereine im Westen plötzlich ein ganz neuer Markt an Spielern. Schneller als die Konkurrenz handelte damals Reiner Calmund.

Der damalige Manager von Bayer 04 Leverkusen erkannte früher als andere, dass sich mit dem Fall der Berliner Mauer die einmalige Chance bot, Topspieler aus dem Osten zu verpflichten. Nur wenige Tage nach dem Mauerfall hatte der Rheinländer bereits mit Andreas Thom den damaligen DDR-Fußballer des Jahres verpflichtet, es folgte auch Ulf Kirsten.

Dass nicht auch noch Matthias Sammer bei Bayer 04 landete, verhinderte ein Anruf des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl beim Bayer-Vorstand. Im Interview mit bundesliga.de erinnert sich Reiner Calmund an die aufregenden Tage vor 25 Jahren.

bundesliga.de: Herr Calmund, wie haben Sie den 9. November 1989 selbst erlebt?

Reiner Calmund: Ich hatte - wie wohl die meisten Menschen in Deutschland - viereckige Augen vom TV-Marathon. Gemeinsam mit der Mondlandung und später diesem schrecklichem 11. September 2011, war der Mauerfall das bewegendste Erlebnis. Keiner hat das doch alles für möglich gehalten, die nächtliche Berichterstattung ging mir tief unter die Haut. Ich persönlich hatte immer ein Faible für Berlin und wollte das damals einatmen. Die Ereignisse zogen mich magisch an.

"Wir kannten die Qulitäten von Andreas Thom"

bundesliga.de: Wie schnell haben Sie eine Chance gewittert, Spieler aus dem Osten zu verpflichten?

Calmund: Zwei Tage nach dem Mauerfall landete ich in Berlin. Die Straßen waren schwarz von Menschen und meinem hohen Wiedererkennungswert hatte ich es zu verdanken, dass ich schnell Kontakt knüpfte. Calli hier, Calli da - dank der nach Westen gerichteten TV-Antennen waren die Protagonisten der Bundesliga drüben ebenso bekannt wie hüben. Es waren nette Jungs und Mädchen, kein bisschen aufdringlich, eher im Gegenteil: höflich, neugierig. Wir sprachen über ihre neuen Zukunftschancen. Der Tag und der Abend vergingen in Windeseile dank einiger junger Leute, die mir richtig Spaß gemacht und durchaus einen neuen Blickwinkel auf die Zustände ermöglicht hatten. Erst am Montag plante ich den Besuch von unserem Chef-Scout Norbert Ziegler zum WM-Qualifikationsspiel Österreich gegen die DDR. Um schnell an die Kontaktdaten zu kommen und Termine mit den Spielern zu vereinbaren, ließ ich unseren A-Jugend-Betreuer Wolfgang Karnath als Fotograf für den Innenraum des Wiener Stadions akkreditieren. Karnath war clever und nutze die Nähe zu den Spielern optimal. Bereits einen Tag nach dem Match besuchten wir Andreas Thom und am Wochenende waren die gewünschten Verträge mit Thom, Ulf Kirsten und Matthias Sammer unterschrieben.

bundesliga.de: Wie intensiv haben Sie seinerzeit den DDR-Fußball verfolgt? Wie gut war Ihr Netzwerk im Osten?

Calmund: Unser Netzwerk in der DDR war nicht sonderlich gut, zumal es ja auch keine realistischen Möglichkeiten gab, Spieler aus der DDR zu transferieren. Wir kannten allerdings die Qualitäten von Andreas Thom, der 1989 Fußballer des Jahres in der DDR war. Außerdem hatten wir ihn in den internationalen Begegnungen zwischen BFC Dynamo und Werder Bremen beobachtet. Dynamo stand ein halbes Jahr vor dem Mauerfall ja noch im UEFA-Cup-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart. Auf unserer Wunschliste standen Thom, Kirsten und Sammer.

"Mir war klar, dass die Tapeten Ohren hatten"

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bundesliga.de: Wie liefen die Verhandlungen mit Andreas Thom und Ulf Kirsten? Wie konnten Sie die Spieler überzeugen?

Calmund: Wir besuchten Andreas Thom direkt am Tag nach dem Quali-Spiel und seiner Rückkehr aus Wien. Thom hatte unserem Betreuer Karnath den Code mit Hausnummer, Etagennummer und Wohnungsnummer übergeben, denn an dem privilegierten Hochhaus in Berlin-Mitte gab es keine Namensschilder. Mir war auch klar, dass die Tapeten in der Wohnung Ohren hatten. Die Gespräche mit Andreas verliefen harmonisch und erfolgreich. Er machte uns schnell und prompt eine Zusage, unter der Voraussetzung, dass Verband und Verein in der DDR mitspielten. Trotz großer Hektik und Konkurrenz hatten wir innerhalb der nächsten zwei Tagen die Tinte unter den Verträgen von Thom, Kirsten und Sammer trocken. Einen Monat später wurde der historische Transfers von dem DDR-Spieler Andreas Thom in die Bundesliga perfekt gemeldet.

bundesliga.de: Sammer landete dann doch nicht bei Bayer 04, weil es Einspruch von höchster Stelle gab. Wie war das, als sich Bundeskanzler Helmut Kohl einmischte?

Calmund: Nach seinem Besuch Mitte Dezember in Dresden wies Bundeskanzler Helmut Kohl die Bayer AG darauf hin, dass es nicht gut aussähe, wenn ein weltweit tätiger Konzern nach Thom auch noch die Dynamo-Nationalspieler Ulf Kirsten und Matthias Sammer verpflichten würde. Ich habe die Anweisung zähneknirschend akzeptiert, allerdings konnte ich auch die Argumentation von Helmut Kohl und meinen Bayer-AG-Bossen nachvollziehen. Dennoch könnte ich mich dafür heute noch in den Allerwertesten beißen. Matthias Sammer wurde 1996 Europas Fußballer des Jahres, 2002 schnappte er uns als jüngster Bundesligatrainer mit dem BVB die Meisterschale vor der Nase weg. Nach seiner erfolgreichen Zeit als DFB-Sportdirektor ist er heute als Fußballchef bei Bayern München nicht mehr wegzudenken. Glück hatten wir bei Ulf Kirsten, denn sechs Wochen später gab mir der damalige Bayer-04-Präsident Gert Achim Fischer doch noch grünes Licht für die Verpflichtung des Torjägers. Ulf Kirsten wurde trotz Rudi Völler und Bernd Schuster, trotz Michael Ballack, Bernd Schneider und den Brasilianern Lucio, Emerson, Ze Roberto und Jorginho unser bester Einkauf. Der "Schwatte" wurde in Leverkusen Bundesliga-Torschützenkönig des Jahrzehnts, mehr geht nicht.

"Bei einigen Vereinen im Osten sehe ich Land"

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Entwicklung des Fußballs und der Vereine im Osten seitdem?

Calmund: Wieviel Platz haben Sie für die Antwort? Darüber kann man ein interessantes Buch schreiben.

bundesliga.de: Ein Buch geht nicht, aber für eine komplexe Antwort haben wir genügend Platz. Also: Wo drückt der Schuh im Ostfußball?

Calmund: Fußball stand bei Manfred Ewald, dem mächtigsten Sportfunktionär der DDR, nicht auf der Hitliste. Nach der Wende litt der Ostfußball unter schwierigen Startbedingungen im neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Statt der fetten Zuschüsse von Ministerien und Kombinaten musste nun selbst Kohle generiert werden. Nicht einfach in einem Land, dessen Wirtschaft gerade abgewickelt wurde. Was die DDR im Überfluss hatte, waren gut ausgebildete Fußballer. Die drängte es natürlich in den goldenen Westen. Die Namen klingen bis heute gut: Thom, Sammer, Kirsten, Thomas Doll, das waren die älteren. Dann Ballack, Jens Jeremies, Thomas Linke, Schneider oder Alexander Zickler - sie alle machten sich einen Namen und zeugten von der guten Ausbildung in den Kinder- und Jugendsportschulen. Viele Elemente finden sich heute in der Nachwuchsschulung des DFB. Der Spitzenfußball im Osten hat sicherlich Probleme, trotzdem sehe ich bei einigen Vereinen Land in Sicht. Nur wer erkennt, dass Tradition keine Tore schießt und bereit ist, aus Fehlern zu lernen, hat eine Chance. Der Rückschritt des DDR-Fußballs hat nämlich in erster Linie nichts mit den "bösen Wessis" zu tun, sondern damit, dass der Fußball im Osten gar nicht so angenommen wird wie man dies erwarten könnte.

bundesliga.de: Woran machen Sie das fest?

Calmund: Auf die sechs Mitgliedsverbände des Nordostdeutschen Fußballverbandes inklusive Berlin entfallen gerade neun Prozent oder rund 610.000 der knapp sieben Millionen DFB-Mitglieder. Auf die Ligen übertragen würde dies statistisch gesehen 1,6 Bundesliga-Clubs bedeuten. Da fehlt neben der Hertha BSC ein Club und vielleicht ist mit RB Leipzig ein hoffnungsvoller Verein auf dem Weg dorthin. In der 2. Bundesliga ist der Osten mit drei Clubs vertreten, das Soll von 1,6 ist übererfüllt. In der 3. Liga müssten es 1,8 Vereine sein - tatsächlich sind es sechs Clubs, von denen Dynamo Dresden, Energie Cottbus und der Chemnitzer FC durchaus Chancen haben, in die 2. Bundesliga aufzusteigen. Als Dresden und Leipzig nach dem Mauerfall in der Bundesliga spielten, träumten Clubs wie der SC Freiburg, der SC Paderborn, der 1. FSV Mainz 05 oder der FC Augsburg nicht einmal von der Erstklassigkeit. Nein, es wurden Fehler gemacht im Osten - und dies nicht allein von den "Besserwessis", die es sicherlich auch gab. Und Fehler werden überall bestraft, auch im Westen. Es gibt zur Zeit 25 ehemalige Bundesligisten, die in der 3. Liga und tiefer kicken. Der Osten hat vier Ex- Bundesligisten. Der Westen ist mit 21 Vereinen gut vertreten, wovon 15 Clubs sogar viertklassig und tiefer spielen.

Die Fragen stellte Tobias Gonscherowski