Köln - Wer hätte das vor der Saison gedacht? Das absolute Topspiel des 14. Spieltages bestreiten der FC Bayern München und Hertha BSC. Der Meister und Tabellenführer empfängt den Vierten. Die Berliner sind bislang die Überraschungsmannschaft. Vor dem Hit beim Rekordmeister spricht Herthas Mittelfeldspieler Alexander Baumjohann im Interview mit bundesliga.de über die positive Entwicklung des Hauptstadtclubs und seine Erinnerungen an seine Zeit in München.

bundesliga.de: Alexander Baumjohann, angesichts Ihres großen Verletzungspechs in der Vergangenheit mit zwei Kreuzbandrissen sei zum Einstieg des Interviews die Frage erlaubt: Wie geht es Ihnen derzeit?

Alexander Baumjohann: Ich bin die ganze Saison ohne größere Beschwerden. Ich konnte alles mitmachen und habe das erste Trainingslager nur wegen einer Krankheit verpasst. Danach habe ich nur noch eine oder zwei Einheiten ausgesetzt und bin voll belastbar. Mir geht es sehr gut. Ab und zu zwickt mal die Muskulatur, aber das ist auch ganz normal nach so einer langen Pause. Aber im Knie ist alles perfekt. Ich hoffe, dass das so bleibt.

bundesliga.de: 13 Spieltage sind inzwischen gespielt, Hertha BSC steht auf Platz 4. Reiben Sie sich manchmal beim Blick auf die Tabelle verwundert die Augen?

Baumjohann: Wir sollten nicht auf die Tabelle schauen. Es ist an der Spitze und im Mittelfeld alles noch relativ eng beieinander. Wir wollen so schnell wie möglich 40 Punkte holen. Unser Ziel war es, bis zum Winter 20 Punkte einzufahren. Das haben wir bereits übertroffen. Es haben sicher wenige Leute damit gerechnet, dass wir so eine Saison spielen. Wir haben vor der Saison mitbekommen, dass uns viele vermeintliche Experten als Abstiegskandidaten gesehen haben. Aber wir haben uns als Mannschaft davon nicht beeinflussen lassen. Wir haben in der Vorbereitung sehr hart gearbeitet. In diesen sechs Wochen konnte der Trainer der Mannschaft seinen Stempel aufdrücken. Wir haben jetzt verinnerlicht, was der Trainer will. Pal Dardai hat einen großen Anteil am Erfolg, weil wir als Mannschaft eng zusammengerückt sind. Das zeigen wir auch Woche für Woche. Wir hätten in jedem Spiel etwas mitnehmen können, auch in denen, in denen wir wie in Dortmund oder auf Schalke krasser Außenseiter waren. Man kann jetzt ein Konzept erkennen. Uns macht es sowieso Spaß auf dem Platz zu stehen, aber auch den Zuschauern macht es Spaß, uns zuzuschauen.

"Wir sind klarer Außenseiter"

bundesliga.de: Wie kann man dieses Konzept in wenigen Worten umreißen?

Baumjohann: Die Mischung zwischen einer stabilen Defensive und dem Ansatz, auch Fußball spielen zu wollen, passt. Der Trainer legt großen Wert darauf, gepflegt hinten rauszuspielen. Das kommt auch Spielertypen wie mir zugute. Man ist viel mehr im Spiel, als wenn nur lange Bälle geschlagen werden und der Ball über einem hinweg fliegt.

bundesliga.de: Mit welcher Einstellung gehen Sie jetzt in das Topspiel beim FC Bayern am kommenden Samstag? Bei anderen Vereinen wurde im Vorfeld von einem Bonusspiel gesprochen, weil eine Niederlage eh einkalkuliert wurde. Wie sieht es bei Hertha aus?

Baumjohann: Wir haben in den letzten beiden Jahren nur ganz knapp mit 2:3 und 0:1 verloren. Ich habe leider in beiden Spielen nicht mitwirken können, weil ich verletzt war. Aber wer sich nicht auf dieses Spiel freut, hat den falschen Beruf gewählt. Es gibt doch nichts Schöneres als sich in diesem Stadion mit der derzeit wahrscheinlich zusammen mit dem FC Barcelona besten Mannschaft messen zu können. Natürlich geht man immer in ein Spiel, um dieses auch erfolgreich zu bestreiten. Was dann am Ende dabei herauskommt, werden wir sehen. Es wird eine ganz schwierige Aufgabe. Wir sind ganz klarer Außenseiter. Wir haben in den letzten Wochen die Ausgangssituation erarbeitet, dass wir ohne großen Druck nach München fahren können. Wir freuen uns auf das Spiel und wollen es ohne Angst genießen. Ich hoffe, dass ich am Samstag Spielzeit bekomme.

bundesliga.de: Die Bayern sind Frühstarter und zerlegen ihre Gegner schon mal gerne in der ersten halben Stunde. Wie kann man sie stoppen?

Baumjohann: Wir können nur dann etwas aus München mitnehmen, wenn alle an die oberste Grenze gehen und in einer perfekten Tagesform sind. In einem Spiel ist es immer möglich, eine Überraschung zu schaffen. Wir müssen von Anfang an hochkonzentriert im Spiel sein. Dann schauen wir, was möglich ist. Es wird eine brutal schwere Aufgabe.

"Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt"

bundesliga.de: Sie haben selbst einmal beim FC Bayern gespielt. Was ist aus dieser Zeit hängen geblieben?

Baumjohann: Ich freue mich darauf, am Samstag viele Jungs und andere Leute im Verein wiederzusehen. Aber ich war auch nicht allzu lange beim FC Bayern (ein halbes Jahr, die Red.). Man kann die Zeit nicht mit der von heute vergleichen. Als ich zu den Bayern kam, war der Verein gerade Vizemeister geworden. Gerade in der Zeit nach mir, als Jupp Heynckes Trainer in München wurde, und auch jetzt unter Pep Guardiola hat der FC Bayern noch einmal einen Riesensprung gemacht und sich zu einem der weltbesten Vereine entwickelt.

bundesliga.de: Hertha hat bislang gegen die Topteams der Tabelle - Dortmund, Wolfsburg, Mönchengladbach und Schalke - ausschließlich Niederlagen kassiert. Ist der Qualitätsunterschied zu diesen Vereinen noch zu groß?

Baumjohann: Das weiß ich nicht. Wie gesagt, in Dortmund hätten wir mit ein bisschen Glück in Führung gehen können, wer weiß, wie es dann gelaufen wäre. Gegen Schalke sah es lange nach mindestens einem Punkt aus. Gegen Gladbach war es bis zum ersten Gegentor relativ offen, genauso in Wolfsburg. Uns ist aber auch relativ egal, gegen wen wir unsere Punkte holen, ob nun gegen die vermeintlich großen oder kleinen Vereine. Wir wollen so schnell wie möglich die Punkte sammeln, die zum Klassenerhalt reichen und sicher auch nochmal einen Verein aus den oberen Tabellenregionen schlagen.

bundesliga.de: Bleibt der Klassenerhalt das primäre Ziel? Neue Ziele werden angesichts des 4. Platzes nicht formuliert?

Baumjohann: Nein. Darüber können wir reden, wenn wir die 40 Punkte erreicht haben. Das bleibt unser Saisonziel.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski