Nürnberg - Als die Nürnberger Spieler schon gebührend vom eigenen Publikum verabschiedet wurden, Trainer und Spieler ihre Statements abgegeben hatten und die Räumkommandos bereits ausrückten, wurde es im halbleeren Stadion noch einmal unerwartet hektisch. Wegen einer "technischen Betriebsstörung" wurden die Besucher im VIP-Bereich aufgefordert, das Gebäude zu verlassen.

Ein Brandmelder hatte wegen zu hohen Wasserdampfs in der Gästekabine Alarm ausgelöst, was einen Vergleich mit dem Spielgeschehen förmlich anregte. Zu viel Druck musste der 1. FC Köln nämlich auch in der ersten Halbzeit über sich ergehen lassen, als der "Club" das Geschehen klar kontrollierte und die Gäste mit Tempofußball teilweise an die Wand spielte. Jens Hegeler mit einem herrlichen Schlenzer aus 25 Metern und Ilkay Gündogan per Kopfball hatten - zusammen mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Pedro Geromel - für die verdiente 2:1-Pausenführung der Gastgeber gesorgt.

"Schön, das Messer nicht an der Kehle zu haben"

In diesen ersten 45 Minuten weckten Gündogan und Co. Erinnerung an Glanzzeiten aus dem Jahr 2007, als der FCN den DFB-Pokal gewann und sich anschließend international beweisen durfte. Entsprechend euphorisiert skandierten die Fans "Europapokal, Europapokal", was Manager Martin Bader nach dem Schlusspfiff jedoch zum Anlass nahm, kräftig auf die Euphoriebremse zu treten. "Es ist schön, dass wir mal nicht das Messer an der Kehle haben. Aber wir vergessen nicht, wo wir herkommen. Wir werden hier nicht fürs Träumen bezahlt, sondern für realistische Einschätzungen."

Dass Bader Recht haben könnte, wurde nach dem Seitenwechsel sichtbar, als die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking zu wenig aus den sich bietenden Räumen machte und die Kölner besser ins Spiel kommen ließen. So mussten die Anhänger bis zum Schluss zittern, ehe Julian Schieber einen Konter zum 3:1-Endstand abschloss.

Am Sonntag gegen die Bayern

Statt von Europa zu träumen sei es realistischer "im Abstiegskampf zu bestehen und dabei auch Fußball zu spielen", so Bader. Dass sich Kreativität und Klassenerhalt nicht ausschließen muss, beweist die türkischstämmige Fraktion: Mehmet Ekici und Gündogan ziehen die Fäden im Spiel der Franken. Doch während Ekici als Leihgabe des FC Bayern in der kommenden Saison wieder zurück an die Isar geht, kämpf der "Club" noch um den Verbleib seines Mittelfeldkollegen.

"Ilkay ist nicht nur ein Talent, er ist für uns Leistungsträger. Wir wollen versuchen, ihn längerfristig von diesem Verein zu begeistern", so Bader. Gündogan, der noch einen Vertrag bis 2012 in Nürnberg besitzt, hat mit seinen starken Auftritten Begehrlichkeiten bei anderen Vereine geweckt - doch der 20-Jährige will sich davon nicht ablenken lassen. "Ich konzentriere mich ausschließlich auf Nürnberg", verspricht Gündogan.

Dabei hätte sein Coach bestimmt nichts dagegen, dass sich sein Schützling zügig mit einem großen Verein befasst - denn am kommenden Spieltag geht es in die Münchner Allianz Arena. "Wir haben die Bayern momentan hinter uns und hoffen, dass es am Sonntag auch noch so sein wird", grinst Gündogan.

"Man sollte niemanden hervorheben"

Für die geschundene "Club"-Seele sind solche Aussagen Balsam. Denn neben der Tatsache, dass der FCN schon auf Platz 6 der Tabelle geklettert ist, elektrisiert die Fans vor allem die Tatsache, dass ihr Team nach einem Drittel der Saison vor dem großen Rivalen steht.

Doch es sind beileibe nicht nur Gündogan und Ekici, die für die neue Herrlichkeit im Frankenland sorgen. Entsprechend ungerecht findet Hecking die Berichterstattung in den Medien, die sich bisweilen nur auf die beiden Mittelfeldspieler konzentriert. "Es wird dem nicht gerecht, was die ganze Mannschaft leistet", sagt der Cheftrainer. "Man sollte niemanden hervorheben."

Hecking freut sich über die Stabilität

Wenn man jedoch nach einem weiteren Erfolgsgeheimnis suchen will, stößt man auf die Defensive, die durch die Neuzugänge Timmy Simons und Per Nilsson erheblich sicherer steht als noch in der vergangenen Spielzeit. Zudem hat Kapitän Andreas Wolf nach seiner langen Verletzungspause wieder zu alter Form gefunden.

Unter dem Strich steht die Kombination aus kampfbetontem und technisch versiertem Fußball, der den FCN in ungewohnte Höhen treibt. "Wir arbeiten inzwischen sehr effizient", sagt Hecking, der sich freut, dass "wir sehr stabil sind". Mit dieser Stabilität soll am kommenden Sonntag auch der Rekordmeister beeindruckt werden. "Macht euch in München unsterblich", forderten die Fans auf einem Transparent. Denn die Anhänger würden nichts lieber, als auch beim Erzrivalen die Alarmsirenen auszulösen.

Johannes Fischer