Ryan Babel (l., hier gegen Augsburgs Sascha Mölders) ist Hoffenheims "Waffe"
Ryan Babel (l., hier gegen Augsburgs Sascha Mölders) ist Hoffenheims "Waffe"
Bundesliga

Achtung, Überfall mit Waffe

Augsburg - Abtasten. Dieses Wort wird - reichlich einfallslos - immer wieder hervorgekramt, wenn es um die Phase zu Beginn eines Spiels geht, in der sich die Kontrahenten belauern, in der sie versuchen auszuloten, was wohl der Gegner im Schilde führe und was selbst zu tun sei, um zum Erfolg zu kommen. Wer über 1899 Hoffenheim berichtet, braucht seine kleinen grauen Zellen nicht zu strapazieren, denn: Die Suche nach einem treffenderen Ausdruck ist überflüssig.

Das Team von Holger Stanislawski belauert nicht, lotet nicht aus und tastet erst recht nicht ab. Der Anpfiff des Schiedsrichters hat eine ähnliche Wirkung wie das Startsignal bei einem Formel-1-Rennen. Von der ersten Sekunde an wird voll Stoff gegeben.

Mit überfallartigen Attacken zum Erfolg

Das bekam Bundesliga-Neuling FC Augsburg bei der 0:2-Niederlage am Samstag in der SGL-Arena schmerzhaft zu spüren. Überfallartig attackierte der Gast den Klassenneuling, der nicht recht wusste, wie ihm geschah. Folge: die frühe Hoffenheimer Führung. Noch ehe sich die Mannschaft von Jos Luhukay richtig sortiert und orientiert hatte, ließ Ryan Babel seine Aufpasser wie Statisten stehen und überwand Keeper Simon Jentzsch.

Die Stadionuhr zeigte die fünfte Spielminute an, und es war nicht das erste Blitztor, das 1899 in dieser Saison geglückt ist. Schon beim Heim-1:0 in der Woche davor gegen den Deutschen Meister Borussia Dortmund hatte ein früher Vogel den Wurm gefangen. Nach neun Minuten sorgte seinerzeit Sejad Salihovic, wenn auch nicht aus dem Spiel heraus, sondern per fulminantem Freistoß, für die Entscheidung.

Zur Nachahmung empfohlen? Nur bedingt. Wenige Mannschaften sind in der Lage, so zu starten wie Hoffenheim, ohne dabei unkalkulierte Risiken einzugehen. Wer im Überfall-Stil loslegen will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Welche? FCA-Trainer Luhukay brachte es auf den Punkt. "Die Verbindung von Technik und Schnelligkeit", sei die Qualität, die 1899 befähige, loszulegen wie die Feuerwehr.

"This was a besserer Babel"

Vor der Pause, insbesondere in den ersten 25 Minuten, wucherten die Gäste mit diesem Pfund. Für Stanislawski Anlass, Lob zu verteilen. "Die Art und Weise, wie wir anfangs probiert haben, Fußball zu spielen, erfreut mein Trainerherz", sagte der Coach. Und speziell Torschütze Babel bekam Streicheleinheiten ab. "Es war sein bisher bestes Spiel", stufte Stani die Leistung des in der Vergangenheit eher selten überzeugenden Angreifers ein.

"Er hat absolut hohe Qualitäten. Wenn er noch zielstrebiger wird, ist er ein Waffe." Dennoch gebe es Luft nach oben. Der Holländer selbst radebrechte in einer ulkigen Mischung aus englisch und deutsch: "I think, this was a besserer Babel."

Zugute kommt dem 24-Jährigen, dass er nicht mehr in vorderster Front verharren muss. Immer wieder ließ er sich ins Mittelfeld zurückfallen, "weil ich so schwieriger zu verteidigen bin". Und ganz generell räumt der Trainer seinen Schützlingen große Freiheiten ein. "Die Spieler sollen ruhig die Positionen wechseln", sagte Holger Stanislawski, der die Truppe konsequent auf Offensive ausgerichtet hat.

Starke glänzt

Allerdings fand der Fußballehrer auch Haare in der Suppe. "Wir sind noch zu verspielt", monierte er. Damit meinte er die mangelnde Konsequenz im Abschluss, die beinahe zwei oder sogar drei Punkte gekostet hätte. Nach der Pause nämlich drehte plötzlich der FC Augsburg auf.

Die Folge: Zwei Top-Chancen zum Ausgleich. Den verhinderte zunächst Tom Starke, der einen von Andreas Beck an Axel Bellinghausen verschuldeten und von Sascha Mölders schwach geschossenen Elfmeter parierte (59.). Später dann stand bei einem Schuss von Joker Tobias Werner der Pfosten einem Augsburger Torerfolg im Weg (70.).

"Da hätte das Spiel kippen können", sagte Stanislawski, der erst aufatmen konnte, als Salihovic den nach einem Foul von Jonas de Roeck an Fabian Johnson fälligen Elfmeter verwandelte (75.). "Wir haben die Ordnung verloren und man hat gesehen, dass wir noch nicht so gefestigt sind." Trotz der qualitativ hochwertigen Ausstattung des Kaders bedürfe es weiter harter Arbeit, "weil gute Spieler nicht zwangsläufig auch eine gute Mannschaft ausmachen. Wir sind noch dabei, uns zu finden."

Reinhart Kruse