Stuttgart - Es hätte für die beiden doch so schön sein können. Der designierte Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein SPD-Kollege Nils Schmid saßen in der Halbzeit auf der Tribüne der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena und hatten allerbeste Laune.

2:1 lag der VfB nach recht ansprechender Leistung gegen den 1. FC Kaiserslautern in Front und war auf dem besten Weg zum Klassenerhalt. Kein Wunder, dass der Rheinland-Pfälzer Ministerpräsident Kurt Beck einen Platz weiter nichts zu lachen hatte.

45 Minuten später aber, da änderten sich die Gesichter der drei Politikbosse schlagartig. Der VfB hatte in der zweiten Halbzeit eine leidenschaftslose Vorstellung geboten und den Abstiegs-Krimi gegen die aufdrehenden Gäste mit 2:4 verloren. Und Beck kam aus dem Strahlen kaum noch raus.

Frustrierte Spieler - Kritik vom Trainer

Im Gegensatz zu Timo Gebhart. Der Stuttgarter Antreiber, eigentlich ein Mann des forsches Auftretens, hatte nach den Auflösungserscheinungen der zweiten Halbzeit nur noch ein entkräftetes Schulterzucken übrig. "Keine Ahnung, was passiert ist", sagte Gebhart, während sein Torwart Sven Ulreich sogar davon sprach, dass es die Stuttgarter gegen Ende am Kampfeswillen haben vermissen lassen. Kurzum: Frustration, Enttäuschung, Machtlosigkeit - das waren die vorherrschenden Gefühle im Schwabenland. Und das nicht nur bei den Spielern, sondern auch bei Fans und den sportlich Verantwortlichen.

Die Aussagen des Trainers sprachen Bände. "Wir haben viele Spieler, die wir nicht belasten können und an denen der ganze Druck einfach auch mal abprallt", versuchte sich Bruno Labbadia in der Analyse. "Wir schwanken immer wieder von relativ guten zu sehr schlechten Leistungen. Das ist im Training genauso."

Hohe Erwartungshaltung

In der Tat kämpft der VfB fünf Spieltage vor Saisonende mit einer gefährlichen Mischung aus verletzten oder formschwachen Spielern und der von außen herangetragenen Erwartungshaltung des "Gewinnen Müssens." Gerade an dieser scheinen momentan einige Akteure zu zerbrechen.

Diesen Eindruck bestätigte auch der Lauterer Antreiber Christian Tiffert, der in Stuttgart wieder einmal eine überragende Leistung zeigte. "Die Stuttgarter haben das Problem, mit einem hohen Etat und internationalen Ansprüchen in die Saison gegangen zu sein, da ist es nun wenige Spieltage vor Saisonende natürlich immens schwer, da unten wieder herauszukommen", meinte Tiffert im Gespräch mit bundesliga.de. Und er hat Recht: Immer noch herrscht in Stuttgart die Meinung, der VfB schaffe es sowieso. Aber wie eng es in den nächsten Wochen wird, ist spätestens seit Samstagabend mehr als klar.

Ein paar Mutmacher

Allerdings ist nicht alles schlecht. Einzelne Spieler machen durchaus Hoffnung: So zeigte Spielmacher Zrdavko Kuzmanovic zumindest in der ersten Halbzeit, welch feiner Fußballer er sein kann. Sein Pass mit dem Außenrist vor dem 2:1 war Extraklasse, zudem verwandelte er etwas glücklich einen Elfmeter.

Und auch ein Cristian Molinaro befindet sich im Aufwind. Über den Italiener, zuletzt lange Zeit formschwach, lief nahezu jeder Stuttgarter Angriff.

Und dann gibt es da natürlich noch Ulreich, der in den Spielen vor Kaiserslautern beinahe im Alleingang dafür sorgte, dass die Schwaben überhaupt noch Chancen haben, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Zudem hoffen alle auf eine baldige Rückkehr von Tamas Hajnal, der Ungarn ist schon nach wenigen Spielen unersetzlich geworden.

Schweres Restprogramm vor der Brust

Hauptaufgabe der Verantwortlichen wird nun in den kommenden Tagen sein, die momentan vorherrschende Fassungslosigkeit (Sportdirektor Fredi Bobic: "In der zweiten Halbzeit haben wir eine indiskutable Leistung gezeigt") in positive Energie umzumünzen.

Das wird nicht einfach werden, zumal auf die Stuttgarter ein schwieriges Restprogramm wartet. Partien in Köln, Hoffenheim und am letzten Spieltag beim FC Bayern München stehen Heimspiele gegen den Hamburger SV und die konstant starken Hannoveraner entgegen - da wird eine deutliche Steigerung vonnöten sein.
Jens Fischer