Zusammenfassung

  • Abdou Diallo spricht über seinen Weg aus Frankreich in die Bundesliga

  • Der Innenverteidiger sagt: "Ich will hier in einer starken Liga Spielzeit und Erfahrung gewinnen"

  • Im Exklusiv-Interview erklärt der 21-Jährige zudem, was ihn mit Jürgen Klopp verbindet

Mainz - Abdou Diallo ist Kapitän der französischen U21-Nationalmannschaft und Innenverteidiger des 1. FSV Mainz 05. Nach seinem Wechsel von AS Monaco im Sommer erzielte er beim 3:1 gegen Bayer Leverkusen am vergangenen Wochenende sein erstes Bundesligator. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 21-Jährige über die Unterschiede der Fußballkulturen in Frankreich und Deutschland, erklärt, warum die Bundesliga bei französischen Talenten so hoch im Kurs steht und warum er sich so auf das Spiel beim FC Bayern München am Samstag freut.

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bundesliga.com: Herr Diallo, wie fällt nach drei Spieltagen ihr Zwischenfazit in der Bundesliga aus?

Abdou Diallo: Es waren drei sehr unterschiedliche Spiele, die unglückliche Niederlage zum Saisonstart gegen Hannover machte das Spiel in Stuttgart nicht einfacher. Unser Sieg am Samstag gegen Leverkusen war die Reaktion auf die zwei Niederlagen zuvor.

bundesliga.com: Wenn Sie Ihre ersten Eindrücke in Deutschland mit dem Niveau in Frankreich vergleichen, zu was für einem Schluss kommen Sie?

Diallo: Das Niveau in Deutschland ist schon etwas höher, würde ich sagen, gerade wenn man bedenkt, dass unsere ersten beiden Gegner Aufsteiger waren. Die Spiele haben sich aber nicht so angefühlt, als kämen diese Mannschaften aus der 2. Bundesliga. In Frankreich ist das anders. Grundsätzlich wird in Deutschland offensiver gespielt, in Frankreich mehr auf die Defensive geachtet.

"Unser Sieg am Samstag gegen Leverkusen war die Reaktion auf die zwei Niederlagen zuvor."

bundesliga.com: Bedeutet die offensivere Spielweise in Deutschland eine Umstellung für Sie als Verteidiger?

Diallo: Wenn ich in Deutschland den Ball bekomme, werde ich sofort attackiert und ich muss vorher schon wissen, wohin ich den Ball spiele. In Frankreich hat man schon etwas mehr Zeit, das ist der große Unterschied zwischen den beiden Fußballländern.

bundesliga.com: Waren Sie darauf eingestellt?

Diallo: Ja, ich habe ja einige Freunde, die in Deutschland Fußball spielen und mit denen ich vor meinem Wechsel gesprochen habe. Mit Marcel Tisserand (wechselte vor dieser Saison von Ingolstadt nach Wolfsburg; Anmerkung der Redaktion) zum Beispiel, den ich noch aus Monaco kenne. Aber natürlich auch mit Jean-Philippe Gbamin und Gaetan Bussmann, die hier in Mainz spielen.

Video: Diallo trifft beim Mainzer Sieg gegen Leverkusen

bundesliga.com: Warum wechseln so viele französische Talente in die Bundesliga?

Diallo: Es gibt in Frankreich sehr, sehr viele sehr gute junge Spieler zurzeit, die aber bei den französischen Vereinen nicht immer richtig eingesetzt werden. Die deutschen Klubs haben das erkannt und französische Spieler verpflichtet, die sich auch gut entwickeln in der Bundesliga.

bundesliga.com: Sie hätten vom Spitzenclub Monaco, bei dem Sie den Durchbruch nicht geschafft haben, auch zu einem kleineren französischen Club wechseln können. Warum sind Sie nach Mainz gewechselt?

Diallo: Die französischen Vereine wissen oft nicht so genau, wie sie die jungen Spieler einsetzen sollen. In Deutschland ist nicht nur das Finanzielle ein Punkt, es stimmt auch das Zwischenmenschliche. Zum Beispiel ist es in Frankreich nicht grundsätzlich üblich, dass Trainer und Sportdirektor eines Klubs mit einem jungen Spieler persönlich reden, so wie das der Mainzer Trainer Sandro Schwarz und Sportdirektor Rouven Schröder mit mir gemacht haben. Dass sie während der Vorbereitung nach Monaco geflogen sind und persönlich mit mir gesprochen haben, hat mich beeindruckt und mir gezeigt, dass man mich wirklich will und mit dem Menschen arbeiten möchte.

"In Deutschland hat mir immer Jerome Boateng imponiert."

bundesliga.com: Aber Sie haben auch Erkundungen bei Jean Phillipe Gbamin, der ja schon in ein Jahr in Mainz spielt, eingezogen.

Diallo: Ich spiele jetzt seit über einem Jahr mit Jean-Philippe bei der französischen U21-Nationalmannschaft zusammen. Und ohne zu wissen, dass wir irgendwann einmal zusammen in Mainz spielen, haben wir uns sofort das Zimmer bei der Nationalmannschaft geteilt. Und natürlich habe ich auch mit Gaetan Bussmann gesprochen. Und als Mainz letztes Jahr in der Europa League gegen St. Etienne gespielt hat, rückte der Club natürlich auch in Frankreich in den Fokus. Ich wusste schon, wohin ich wechsle. (schmunzelt)

bundesliga.com: Der französische Fußball hat den Ruf, sehr gut auszubilden, aber im Übergang zur ersten Mannschaft scheint die Betreuung aufzuhören. Woran liegt das?

Diallo: Ich glaube, dass es in Deutschland an den handelnden Personen liegt, die die Spieler alle gleich behandeln. In Deutschland ist der Wille verbreitet, sich auf jeden Spieler individuell einzulassen und ihn besser machen zu wollen. In Frankreich hatte ich schon den Eindruck, dass verdiente Spieler oder Stars eher mal einen Fehler machen dürfen als ein junger Spieler. Der Umgang mit jungen Spielern, die gerade in die erste Mannschaft kommen, ist in Frankreich ein anderer.

© gettyimages / Alexander Scheuber

bundesliga.com: Es gibt in Frankreich also noch die klassische Hierarchiekette: Stars-ältere Spieler-Talente? Diallo: Ja, absolut. Frage: Wer war denn früher Ihr Vorbild?

Diallo: Ich hatte im diesem Sinn kein wirkliches Vorbild. Aber natürlich habe ich mir die großen Spieler und die großen Spiele angeschaut. In Deutschland hat mir immer Jerome Boateng imponiert.

bundesliga.com: Sie spielten ein Jahr zur Leihe bei Zulte Waregem in der ersten belgischen Liga. Was hat Ihnen diese Zeit gebracht?

Diallo: Nach anderthalb Jahren in der ersten Mannschaft von Monaco kam der damalige Sportchef auf mich zu und sagte, es sei besser, wenn ich mich ausleihen lassen würde. Wenn man das gesagt bekommt, dann macht man das auch besser. (lacht) Waregems Trainer hat mir dann das Gefühl gegeben, dass er mich besser machen will. Der Trainer war sehr gut, ich habe dort sehr viele Spiele (33 Einsätze, 2 Tore; Anmerkung der Redaktion) gemacht und mich weiterentwickelt.

"In Deutschland ist der Wille verbreitet, sich auf jeden Spieler individuell einzulassen und ihn besser machen zu wollen."

bundesliga.com: Wissen Sie eigentlich, dass Sie in Mainz mit der Nummer 4 ein Legendentrikot tragen?

Diallo: Ja klar, mir wurde schon sehr viel über Jürgen Klopp erzählt und dass alle, die die Nummer 4 in Mainz tragen, in die Geschichte des Vereins eingehen. (lacht)

bundesliga.com: Aus Monaco sind diesen Sommer viele Spieler zu großen Vereinen gewechselt, haben Sie noch Kontakt zum Beispiel zu Kylian Mbappe, der nun für Paris St. Germain und die französischen Nationalmannschaft aufläuft?

Diallo: Ja, wir haben noch Kontakt. Kylian hat ja nicht nur mit mir, sondern auch mit meinem jüngeren Bruder in der Akademie von Monaco zusammengespielt.

bundesliga.com: Sie sind ein spielerisch starker Linksfuß in der Innenverteidigung, was für ein Spieler ist Ihr Bruder?

Diallo: Er ist das genaue Gegenteil von mir, er ist Rechtsfuß und spielt im Mittelfeld und er ist kleiner und beweglicher. Diese Woche hat er mit Monaco in der Youth League in Leipzig gespielt, die deutschen Vereine sollten genau hinschauen. (lacht)

© gettyimages / Alexander Scheuber

bundesliga.com: Sie sind Kapitän der französischen U 21-Nationalmannschaft. Haben Sie immer schon gerne Verantwortung übernommen?

Diallo: Es war mir immer wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Ob man die Binde trägt, oder nicht, ist nicht ganz so wichtig. Aber ich bin gerne mittendrin in einem Projekt, mit dem man zusammen etwas schaffen will.

bundesliga.com: Am vergangenen Wochenende ließ ihr Trainer Sandro Schwarz erstmals mit Dreier- statt Viererkette in der Abwehr spielen. Was für einen Unterschied macht das für Sie als Verteidiger?

Diallo: Es ist ein Unterschied, aber das macht mir nichts aus. Ich kann mich in beiden Grundformationen anpassen. Der Unterschied liegt vor allem beim Verschieben. In der Viererkette muss ich viel mehr nach Innen verschieben, wenn der Ball auf der anderen Seite ist, als ich das in der Dreierkette muss.

bundesliga.com: Sie spielen mitunter risikoreich beim Spielaufbau, suchen manchmal eher den schweren als den einfachen Ball...

Diallo: Ich nehme das Risiko ja nicht zu meinem Vergnügen, sondern weil es für mich in einer bestimmten Situation die beste Lösung ist. Und ich versuche immer die beste Lösung für die Mannschaft zu finden. Wenn das ein risikoreicher Ball ist, dann ist das eben so.

"Mir wurde schon sehr viel über Jürgen Klopp erzählt und dass alle, die die Nummer 4 in Mainz tragen, in die Geschichte des Vereins eingehen."

bundesliga.com: Sie sagen, Sie sind nach Deutschland gekommen, um sich zu verbessern. In welchem Bereich sehen Sie denn das größte Verbesserungspotenzial?

Diallo: Ich bin wieder im Ausland, das ist eine große Erfahrung, von der ich als Fußballer und als Mensch profitieren werde. Und ich will hier in einer starken Liga Spielzeit und Erfahrung gewinnen. In Frankreich gibt es vielleicht drei, vier große Mannschaften, in Deutschland gibt es mehr große Mannschaften und vor allem: Die kleineren Teams sind viel wettbewerbsfähiger als die kleinen Teams in Frankreich. Dagegenzuhalten in jeder Sekunde eines Spiels über eine ganze Saison ist in Deutschland gefragt, das Physische ist hier ein sehr starker Faktor.

bundesliga.com: Was hat Sie denn in Deutschland abseits des Rasens bislang am meisten überrascht?

Diallo: Ehrlich gesagt, finde ich, dass die deutsche Sprache sehr schwer zu lernen ist. Ich versuche es wirklich und nehme zwei Mal die Woche Unterricht - aber es ist echt doch sehr schwer. (lacht)

bundesliga.com: Sie haben zwar einige Erstligaeinsätze für Monaco und auch schon in der Champions League gespielt. Aber ist die Partie am kommenden Samstag beim FC Bayern München die bisher größte Herausforderung Ihrer Karriere?

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Diallo: Oh, ich habe auch schon gegen Paris gespielt, die sind auch nicht so schlecht (lacht). Aber ich bin ja auch deswegen nach Deutschland gekommen, weil ich mich mit solchen Spielern und solchen Mannschaften messen will.

bundesliga.com: Nach Ihrem ersten Tor in Deutschland standen Sie am letzten Wochenende nach dem 3:1 gegen Leverkusen zum ersten Mal auf dem Zaun bei der Feier mit den Fans. Den klassischen Mainzer Humba-Tanz nach Siegen müssen Sie aber noch lernen, oder?

Diallo: In Frankreich gibt es die Humba natürlich nicht, aber jetzt kenne ich auch das. (lacht) Grundsätzlich möchte ich anmerken, dass die Fans in Deutschland sehr korrekt sind, sehr respektvoll. Hier kommen Familien zu den Spielen, die danach noch etwas trinken und essen gehen. In Frankreich gibt es das auch, aber nicht überall.

bundesliga.com: Amine Harit, Ihr Kollege aus der U 21 Nationalmannschaft, der im Sommer vom FC Nantes zum FC Schalke 04 gewechselt ist, erklärte diese Woche, künftig für die marokkanische A-Nationalmannschaft spielen zu wollen. Sie sind in Tours geboren, haben aber senegalesische Wurzeln, Ihr Vater kommt aus dem Senegal. Ist es für Sie denkbar, einmal auch für den Senegal zu spielen?

Diallo: Ich habe bislang noch nicht einmal den senegalesischen Pass und beschäftige mich mit dem Thema überhaupt nicht. Außerdem bin ich Kapitän der französischen U21-Nationalmannschaft, für die ich sehr gern spiele und mit der wir zur nächsten Europameisterschaft wollen. Was die Zukunft bringt, weiß man nie. Aber im Moment ist das wirklich kein Thema.

Das Gespräch führte Tobias Schächter