In der Hinrunde trennten sich Bayern und Bayer (hier Philipp Lahm, r., gegen Toni Kroos) in München 1:1
In der Hinrunde trennten sich Bayern und Bayer (hier Philipp Lahm, r., gegen Toni Kroos) in München 1:1
Bundesliga

"60:40 für die Bayern - durch die Bayer-Brille!"

Drei Mannschaften bestimmen das Bild an der Tabellenspitze nach dem 21. Spieltag. Der FC Bayern München hat nach Punkten zu Tabellenführer Bayer 04 Leverkusen aufgeschlossen (beide 45). Drei Zähler dahinter rangiert der FC Schalke 04.

Für Bundesliga-Experte Reiner Calmund wird sich das Titelrennen trotzdem nur zwischen Leverkusen und Bayern entscheiden, wie er im Interview verrät. "Dass beide stolpern, kann ich mir nicht vorstellen", sagt der ehemaliger Leverkusener Manager.

Für bundesliga.de macht "Calli" den Titelcheck.

bundesliga.de: Herr Calmund, nach dem 21. Spieltag steht mit Bayer 04 Leverkusen, dem FC Bayern München und dem FC Schalke 04 ein Trio an der Tabellenspitze. Werden diese drei auch das Titelrennen unter sich ausmachen?

Reiner Calmund: Für mich ist klar, dass Bayer 04 Leverkusen und Bayern München die beiden Topfavoriten auf den Titel sind. Dabei sehe ich die Bayern mit 60:40 Prozent vorne. Schalke - und mit Abstrichen auch Dortmund und Hamburg - könnten dann noch um die Schale mitspielen, wenn es bei beiden Favoriten hakt. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass beide stolpern. Das kann ich mir nicht vorstellen.

bundesliga.de: Gehen wir die Top-Teams der Liga doch mal der Reihe nach durch: Fangen wir mit dem Tabellenführer und ihrem Ex-Arbeitgeber Bayer 04 Leverkusen mal an.

Calmund: Leverkusen kam vom 9. Platz aus der letzten Saison mit der Zielsetzung in die Saison, einen internationalen Startplatz zu erreichen. Jetzt sind sie nach 21 Spieltagen noch ungeschlagen, haben die meisten Tore geschossen und kassieren in der Abwehr dank der starken Sami Hyppiä und René Adler auch noch sehr wenige Tore. So konnte Rudi Völler vor einigen Wochen die Zielsetzung sogar korrigieren und hat jetzt den Champions-League-Platz als Ziel ausgegeben. Das ist natürlich ideal, wenn man von Platz 9 kommt und zwei Jahre internationale Abstinenz hinter sich hat.

bundesliga.de: Aber Bayer schielt doch bei dieser Ausgangssituation sicherlich nach der ersten Meisterschaft?

Calmund: Was die Meisterschaft angeht, steht Bayer 04 ungeschlagen und mit dem schönen, attraktiven Fußball, den man spielt, hervorragend da. Darauf können die Leverkusener schon sehr stolz sein. Wenn Bayern München mit seinem Spielerpotenzial richtig ins Rollen kommt, die Ballzirkulation funktioniert und das Selbstvertrauen hinzukommt, sind sie aber das Maß aller Dinge. Auch vergangene Saison konnte Wolfsburg nur deshalb Meister werden, ohne diese großartige Leistung schmälern zu wollen, weil es bei den Münchnern nicht rund gelaufen ist. Wenn bei denen alles normal läuft, sind sie der absolute Favorit, wie auch in diesem Jahr. Bei meiner Chanceneinschätzung von 60:40 für die Bayern habe ich sogar schon ein bisschen die Bayer-Brille auf - und auch die Bayer-Unterwäsche an.

bundesliga.de: Warum so defensiv? Bayer steht doch seit dem 8. Spieltag ununterbrochen an der Tabellenspitze.

Calmund: Leverkusen spielt sehr gut, ist auch in der Rückrunde mit drei Siegen und einem Unentschieden gut aus den Startlöchern gekommen, hat aber jetzt diese gigantische Bayern-Mannschaft als Rivalen. Die haben acht Spiele in Folge gewonnen, das ist schon ein ganz großes Ausrufezeichen. Die Bayern drängen mit aller Macht nach vorne, da wird es für Bayer 04 sehr schwierig, diesen Angriff abzuwehren.

bundesliga.de: Was macht die Bayern im Moment so stark?

Calmund: Für sie war es ganz wichtig, dass sie ihre Form auch ohne Franck Ribery gefunden und ihre Serie auch ohne ihn gestartet haben. Das ist psychologisch gut für die Mannschaft, dass sie es auch ohne diesen absoluten Ausnahmespieler geschafft haben. Ribery spielt von Woche zu Woche besser, hat in Wolfsburg wieder getroffen. Ich bin zwar kein Mediziner, aber ich glaube, dass in drei bis vier Wochen auch Ribery wieder seine absolute Topform haben wird. Das ist dann natürlich Wahnsinn.

bundesliga.de: Louis van Gaal war trotz des 3:1 in Wolfsburg unzufrieden und sagte, sein Team habe "arrogant" gespielt. Kann das der entscheidende Unterschied sein, dass die Bayern auch nach acht Siegen in Serie noch nicht zufrieden sind?

Calmund: Van Gaal ist im Kern viel weicher und umgänglicher als er in der Öffentlichkeit manchmal erscheint. Er versucht mit solchen Aussagen einfach, seine Jungs auch nach acht Siegen in Folge auf dem Teppich zu halten. Ihm hat einiges nicht gefallen. Bei der WM 1990 hat Franz Beckenbauer nach dem Viertelfinalsieg fast das Mobiliar in der Kabine zertrümmert. Es muss nicht negativ sein, dass der Trainer Kritik übt. Aufgrund der Überlegenheit schleichen sich Nachlässigkeiten ein. Und da ist es das gute Recht des Trainers, auch im Falle des Erfolgs den Finger in die Wunde zu legen.

bundesliga.de: Was trauen Sie dem FC Schalke 04 noch zu?

Calmund: Wenn man die Schalker Mannschaft sieht, muss man den Hut vor der Arbeit von Felix Magath ziehen. Nicht nur der 3. Platz, sondern auch die Art und Weise, wie die Mannschaft spielt, sind toll. Viel Aggressivität, viel Power - da wird Fußball richtig gearbeitet. Das kommt gerade auf Schalke natürlich gut an und die Fans können sich zu hundert Prozent identifizieren. Für Schalke ist dass angesichts der Ausgangsposition 'a la bonheur'. Wenn sie, was ja sehr realistisch ist, in die Champions League einziehen, dann können sie feiern, als wären sie Deutscher Meister geworden. Hätte man am 1. Spieltag gesagt, Schalke kommt ziemlich sicher in den Europapokal, wäre man für bekloppt erklärt worden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Felix Magath die kämpferische Einstellung, die Power und Aggresivität bis zum Saisonende aufrecht erhalten kann.

bundesliga.de Aber auch der Nachbar Borussia Dortmund schlägt sich sehr gut.

Calmund: Ich sehe Dortmund ähnlich wie Schalke. Das ist mit den jungen Nuri Sahin und Sven Bender im Mittelfeld, Mats Hummels und Neven Subotic in der Abwehr schon erste Sahne. Zudem hat Jürgen Klopp mit Nelson Valdez einen Spieler in der Offensive, der anscheinend zwei Auspoffrohre im Hintern hat - der marschiert ja wie verrückt! Auch die Dortmunder stehen für begeisternden Fußball, weshalb sie es sich verdient haben, da oben zu stehen. Allerdings haben Dortmund und Schalke eben beide nicht das spielerische Potenzial von Leverkusen oder Bayern.

bundesliga.de: Im weitesten Sinne hat auch der Hamburger SV noch Titelchancen, oder?

Calmund: Der HSV hat eigentlich ein ähnliches spielerisches Potenzial wie Leverkusen. Aber die Verletzungen, die den HSV getroffen haben, waren nicht zu kompensieren. Ze Roberto und Guerrero fehlen immer noch, van Nistelrooy ist noch nicht ganz fit. Auch wenn jetzt verletzte Spieler zurückkommen, sind die vielleicht gesund, aber noch nicht fit und haben auch noch nicht die nötige Spielpraxis. Der HSV ist einfach noch nicht so weit, um die Form wie zum Saisonbeginn abzurufen. Damals haben die Hamburger schon meisterlich gespielt, alle Mann waren an Bord, man hat mit Tempo und Spielwitz aufgetrumpft. Mit den personellen Sorgen wird der HSV jetzt aber nicht mehr in den Kampf um die Meisterschaft eingreifen können.

bundesliga.de: In den nächsten drei Spielen trifft Leverkusen auf Wolfsburg, Bremen und im Derby auf Köln. Die Bayern spielen gegen Dortmund, in Nürnberg und gegen den HSV. Ist das jetzt eine Saisonphase, in der schon eine Vorentscheidung fallen kann?

Calmund: Natürlich ist das eine sehr entscheidende Phase. Die Mannschaften biegen so langsam ins letzte Drittel der Saison ein. Leverkusen wird darauf hoffen, dass die Bayern durch die Belastung mit DFB-Pokal und Champions League vielleicht ein bisschen müde werden, vor allem im Kopf. Aber die Bayern können mit dieser Dreifach-Belastung umgehen, die haben da jahrelange Erfahrung, Bayer 04 sollte sich deshalb keine zu großen Hoffnungen machen. Aber natürlich haben die Leverkusener den Vorteil, dass die Spieler immer frisch sind und kleinere Blessuren besser auskurieren können. Wenn alles normal läuft wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, mit den Bayern als Favorit.

Das Gespräch führte Matthias Becker