Köln - Der VfL Bochum hat die beste Saison seit 2011 gespielt und wieder den Sprung in die Spitzengruppe der 2. Bundesliga geschafft. Im Interview mit bundesliga.de spricht Christian Hochstätter, Bochums Vorstand Sport und Medien, über die positive Entwicklung und die begehrten Spieler des VfL sowie über die Perspektiven des Vereins und die kommende Saison.

bundesliga.de: Herr Hochstätter, der VfL Bochum hat erstmals seit 2011 wieder eine Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz abgeschlossen. Zudem hat die Mannschaft sich zwar nicht tabellarisch, aber punktemäßig im vierten Jahr in Serie verbessert. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Vereins?

Christian Hochstätter: Wir sehen das natürlich als positiv an, ohne darüber zu vergessen, dass in der vergangenen Saison wesentlich mehr drin gewesen wäre. Aber die Gesamtentwicklung stimmt, da wir uns sportlich und wirtschaftlich kontinuierlich verbessert haben. Wir haben eine neue Spielphilosophie entwickelt, eine mit VfL-DNA. Wir wollen offensiv spielen, wir wollen agieren. Zudem hat sich das in der vergangenen Saison erstmalig angewandte Prinzip der speziellen Talentförderung als zielführend erwiesen. Gleich vier unserer Spieler aus dem Talentwerk haben nun Profiverträge unterschrieben: Gökhan Gül, Cagatay Kader, Görkem Saglam und Vangelis Pavlidis. Wir werden alles daran setzen, unsere Spieler weiterzuentwickeln – das gilt nicht nur für die Talente, sondern für alle.

bundesliga.de: In den letzten beiden Jahren startete der VfL jeweils sehr vielversprechend in die Saison, konnte sein Niveau aber nicht auf Strecke halten. Was hat noch gefehlt, um an den Aufstiegsplätzen dauerhaft zu schnuppern? Fehlte es letztlich an der Qualität?

Hochstätter: Es fehlte an Konstanz. Wären wir in einigen Spielen konstanter aufgetreten, wäre mehr drin gewesen. Letztlich sind die vielen Unentschieden auch Ausdruck dessen. Und diese vielen Remis haben mit dazu beigetragen, dass wir nicht aufgestiegen sind. Wir waren nicht da, als die anderen Teams geschwächelt haben.

"Wir wollen kein Ausbildungsverein für andere sein"

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bundesliga.de: Die erfolgreiche letzte Saison hat für den Verein aber auch zur Folge, dass Spieler für andere Vereine interessant geworden sind und ihn wie Onur Bulut und Marco Terrazzino verlassen haben. Wie schwer gestaltet sich Ihre Aufgabe, einen schlagkräftigen Kader mit besserer sportlicher Perspektive zu formen?

Hochstätter: Natürlich wäre es schöner, stets auf einen eingespielten Kader zurückgreifen zu können. Aber das ist Wunschdenken für einen Verein wie den VfL Bochum. Die Realität sieht nun mal so aus, dass wir Spieler entwickelt haben, die für den Markt interessant geworden sind. Und für die wir, wie im Falle von Onur Bulut – den vor einem Jahr so gut wie niemand auf dem Zettel hatte – dann eine Ablöse erhalten. Diese Entwicklung hat es hier in Bochum lange nicht gegeben, dass gleich mehrere Spieler stark nachgefragt werden. Ein Stück weit bestätigt uns das in unserer Arbeit. Aber es sollte kein reines Geschäftsmodell werden, der Ausbildungsverein für andere zu sein. Wir müssen und wir werden darüber hinaus auch die eigene sportliche Stärke permanent im Blick haben. Und da stehen wir jetzt vor der Herausforderung, dem Kader neue Qualität hinzuzufügen. Das ist keine einfache Aufgabe, denn wir bewegen uns ja nicht allein am Markt und verfügen über kein exorbitantes Budget. Aber wir haben es schon geschafft, Spieler von unseren Zielen und unserer Philosophie zu überzeugen, sodass ich optimistisch bin, dass wir recht bald weitere Verstärkungen zu den bisherigen Neuzugängen Tom Weilandt und Kevin Stöger werden präsentieren können.

bundesliga.de: Was erhoffen Sie sich von den Neuzugängen Tom Weilandt und Kevin Stöger? Wo sehen Sie Ihre Stärken?

Hochstätter: Sie sind zwei junge und entwicklungsfähige Offensivspieler, die ihre Qualitäten aber schon unter Beweis gestellt haben. Beide verfügen über eine starke Technik und wir versprechen uns von ihrer Verpflichtung, dass wir in der Offensive künftig noch variabler agieren können.

"Wir wollen jedes Spiel gewinnen"

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bundesliga.de: Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie das aktuelle Stühlerücken unter den Trainern? Besteht die Gefahr, dass Gertjan Verbeek auch für andere Clubs interessant werden könnte?

Hochstätter: Sobald jemand gute und erfolgreiche Arbeit abliefert, ist er automatisch für andere interessant. Das gilt für den Fußball wie für andere Wirtschaftszweige. Neu ist für die Bundesliga nun die Häufung der Trainer, die aus bestehenden Verträgen herausgekauft werden, wodurch sich Kausalketten bilden: Schalke holt Augsburgs Coach, Augsburg bedient sich bei Darmstadt, das wiederum den Trainer aus Bielefeld aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis herauskauft. Solange Verträge diese Optionen bieten, wird davon Gebrauch gemacht – so ist das Geschäft. Beim VfL steht über allem zunächst die Spielphilosophie, die wir formuliert und nach der wir den Trainer ausgesucht haben. Und auch zukünftig aussuchen werden. Wobei ich davon überzeugt bin, dass Gertjan Verbeek seinen erst kürzlich verlängerten Vertrag beim VfL erfüllen wird.

bundesliga.de: Was erwarten Sie allgemein von der kommenden Saison mit den namhaften Absteigern Stuttgart und Hannover sowie der Rückkehr eines Traditionsvereins wie Dresden? Welche Rolle will der VfL Bochum spielen?

Hochstätter: Uns erwarten attraktive Spiele, zu denen wir selbst in gehörigem Maß beitragen wollen. Die 2. Bundesliga in der kommenden Saison hat von den Namen her viel Tradition und Potenzial zu bieten: Hannover, Stuttgart, Nürnberg, St. Pauli, Düsseldorf, Dresden, Braunschweig, 1860 München, Karlsruhe, Kaiserslautern, Bielefeld – viele ehemalige Meister, die halbe Bundesliga der jüngeren Jahrzehnte. Wir sind gespannt, wie diese Vereine sich alle im Hier und Jetzt schlagen werden. Ich gehe davon aus, dass Hannover und Stuttgart alles unternehmen werden, um den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen. Und wer wie Dresden souverän aus der 3. Liga aufsteigt, verfügt ebenfalls über Qualität. Wir werden unseren Weg konsequent weiterverfolgen und wollen jedes Spiel gewinnen. Aber eine seriöse Einschätzung der eigenen Stärke kann ich erst geben, wenn unser Kader komplett ist und ich um die Kader der Konkurrenz weiß.

Die Fragen stellte Tobias Gonscherowski