Köln - In Zusammenarbeit mit dem 1. FSV Mainz 05, dem FC Ente Bagdad und der Stiftung Juvente Mainz ist das erste Willkommensbündnis des von der Bundesliga-Stiftung geförderten bundesweiten Integrationsprogramms "Willkommen im Fußball" gestartet.

Lou sitzt am Spielfeldrand und massiert sich sein rechtes Schienbein. Es war kein schlimmes Foul, aber der Tritt hat wehgetan, der schmächtige Junge mit den langen schwarzen Haaren will gleich wieder mitmachen. „"Fußball", sagt Lou, „"macht so viel Spaß hier, am liebsten würde ich jeden Tag kommen."

Heranwachsende Flüchtlinge trainieren gemeinsam

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Kharrat Loujain, den alle "Lou" nennen, ist einer von zwölf aus ihren Heimatländern geflüchteten Heranwachsenden im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren, die an diesem heißen Mittwoch auf dem Trainingsgelände vom FC Ente Bagdad im Mainzer Stadtteil Bretzenheim trainieren. Der 15-Jährige kommt wie einige seiner Mitspieler aus Syrien, es sind aber auch Jugendliche aus Afghanistan, Ägypten, Pakistan, Mazedonien und Albanien dabei.

Mitte August startete in Mainz als Pilotprojekt "Willkommen im Fußball", das bundesweite Integrationsprogramm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Die Bundesliga-Stiftung unterstützt dieses Integrationsprogramm gemeinsam mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz, mit insgesamt 1,05 Millionen Euro und stellt dafür Fördermittel in Höhe von 750.000 Euro zur Verfügung.

"Starke Allianz mit Proficlubs bilden"

In Mainz kooperieren der Bundesligist 1. FSV Mainz 05, der Amateurclub FC Ente Bagdad und die Stiftung Juvente Mainz. Auch an weiteren Standorten entstehen Kooperationen von Erst- und Zweitligaclubs mit Amateurvereinen und einem sozialen Träger, schon bald wird auch in Berlin, Braunschweig, Leipzig und Stuttgart Integrationshilfe mit dem Slogan "Willkommen im Fußball" geleistet.

"Ziel ist es, mit den Proficlubs bundesweit starke Allianzen zu bilden, um jungen Geflüchteten dabei zu helfen, sich eine echte Perspektive zu schaffen", sagt Stefan Kiefer, der Vorstandsvorsitzende der Bundesliga-Stiftung. Bis Ende des Jahres, so das Ziel, sollen 20 Projekte bundesweit am Start sein.

Ein wenig Glück im schweren Alltag

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Der FC Ente Bagdad engagiert sich seit über 40 Jahren aktiv für die Integration ausländischer Mitbürger. Ronald Uhlich war 1973 Gründungsmitglied der "Enten". "Wir wollen nie untergehen und immer oben schwimmen wie eine Ente und märchenhaften Fußball spielen wie aus 1001 Nacht", erklärt Uhlich den kurios anmutenden Namen seines Clubs. Uhlich ist im Vorruhestand, sein Engagement für die Enten hält ihn offensichtlich jung, er sieht viel jünger aus, als er ist.

Als Ente Bagdad auf eine mögliche Kooperation für das Programm "Willkommen im Fußball" angesprochen wurde, zögerte der Verein nicht, sich zu engagieren. Schon 2014 gelang eine Kooperation mit dem Mainz 05 hilft e.V. Im Rahmen ihrer sogenannten "Kulturkickreisen" waren die Enten schon in Syrien und Marokko. Im vergangenen Jahr reiste die Mannschaft dann nicht ins Ausland, sondern nach Lüneburg – mit Geflüchteten und mit Unterstützung des Mainz 05 hilft e. V. "Wir können nicht das Flüchtlingsproblem lösen", sagt Uhlich, "aber den Flüchtlingen vielleicht ein Stückchen Glück in ihrem schweren Alltag vermitteln.

Flucht aus der Hölle bis nach Mainz

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Als Lou gefoult wird, stützt Uhlich den humpelnden Jungen auf dem Weg zum Spielfeldrand. Und während Lou seine Geschichte erzählt, bekommt man eine Ahnung davon, wie wichtig ein Angebot wie "Willkommen im Fußball" für Geflüchtete sein kann. Lou ging auf die Amerikanische Schule in Aleppo, er spricht fließend Englisch. Vor ein paar Monaten begann seine Odyssee aus seiner zu 80 Prozent zerbombten Heimatstadt. Nachdem ihr Haus zerstört worden war, floh Lou mit seiner Mutter, seiner jüngeren Schwester und seinem älteren Bruder aus der Hölle in der Heimat. Ihre gefährliche Flucht führte sie quer durch Europa bis nach Mainz.

Der Kontakt zum Vater, der in Syrien geblieben ist, ist mittlerweile abgebrochen. Lou macht das sehr traurig, das Gespräch stockt. So wie immer, wenn er schlimme Dinge erzählt, die er erlebt hat. Zum Beispiel die Geschichte, dass die zwei Stockwerke über ihnen in ihrem Haus bei dem Bombenangriff zerstört und die Nachbarn getötet wurden. Ähnliche Erfahrungen tragen auch die anderen Kinder und Jugendlichen aus Kriegsgebieten in sich. Lou aber ist auch froh, in Mainz zu sein und hier, an diesem Tag, kicken zu können. Sein Lachen ist wieder da, als er erzählt, wie er sich auf sein erstes Bundesligaspiel im Stadion von Mainz 05 freut.

Einladung zur Bundesliga nur ein kleiner Teil der Aktionen

Ein Gegenbesuch von Clubvertretern des Bundesligisten beim Training ist angedacht. Der Mainzer Präsident Harald Strutz sagt: "Es ist großartig für Mainz 05, ein so aktiver Teil dieses wichtigen Bündnisses zu sein. Eine Einladung zu einem Bundesligaspiel ist hierbei nur ein kleiner Teil einer Vielzahl von geplanten gemeinschaftlichen Aktionen. Wir freuen uns, die Entwicklung von 'Willkommen im Fußball‘ mitgestalten zu dürfen."

Neben dem Training, das zweimal die Woche stattfindet, will Ente Bagdad den Jugendlichen aber noch mehr bieten. Gemeinsames Grillen gehört ebenso dazu wie eine Stadtführung mit anschließendem Frühstück. Uhlich sagt: "Wir verstehen uns als Leuchtturm und versuchen, mit unserem Engagement auch andere Vereine zur Integrationsarbeit zu ermuntern."

Auch deutsche Jugendliche trainieren mit

Damit die aus ihrer Heimat geflüchteten Jugendlichen nicht nur unter sich bleiben, wollen die Enten auch weitere deutsche Jugendliche animieren, zu den Trainingseinheiten zu kommen. An diesem Mittwoch sind Max, 14, Tizian, 14, und Julian, 15, dabei. "Wir finden das eine richtig coole Aktion", sagt Max: "Uns macht das Spaß, zusammen zu kicken." Diese Einstellung gefällt Uhlich, er sagt: "Wir denken nicht leistungsorientiert. Wir erwarten aber Toleranz und Respekt der Jugendlichen untereinander."

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Wenn nach der Ferienzeit vielleicht noch mehr deutsche Kinder mittrainierten, würde das auch Mohamed Jabry von der Stiftung Juvente freuen. Die Jugendlichen, die derzeit am Training teilnehmen, stammen aus zwei Unterkünften des freien Bildungsträgers mit insgesamt 70 Kindern und Jugendlichen. Die Stiftung Juvente spielt bei dem Projekt den Mittler zwischen den Jugendlichen und den Fußballclubs.

Alle sind mit Spaß und Freude am Fußball dabei

Dass Samir Sediqi, 21, als Co-Trainer von Coach Mustapha Smail agiert, freut Ronald Uhlich besonders. Samir kam vor einem Jahr aus Afghanistan nach Mainz, spielte in der Enten-Mannschaft, die um einige Flüchtlinge erweitert worden war, und übernimmt nun Verantwortung im Willkommensbündnis für die jüngeren Geflüchteten. "Die Enten stehen für Nachhaltigkeit", sagt Uhlich: "Wir sind von dem Projekt absolut überzeugt und würden das gerne weitermachen." Auch nach den zwei Jahren, für die es zunächst angelegt ist und in denen die Mannschaft Freundschaftsspiele gegen andere Teams absolvieren soll.

Lou hat derweil seinen Schmerz im Schienbein vergessen, springt auf den Platz und kickt wieder mit. Die Jungs haben Spaß, das sieht man, aber auch Trainer Mustapha Smail merkt man die Freude während des 90 Minuten langen Trainings an. Mustapha kam im Alter von 22 Jahren aus Algerien nach Deutschland. "Das Projekt finde ich ganz toll", sagt der freie Übersetzer: "Es ist eine Win-Win-Situation: Die Jugendlichen freuen sich, ich freue mich." Seit acht Jahren ist Smail bei den Enten aktiv. Für sein Leben hat er einen Rat seiner Eltern verinnerlicht: "Ich wünsche dir, dass du nie auf die Hilfe anderer angewiesen sein wirst und dass du in der Lage bist, anderen zu helfen." Das tut Mustapha Smail als Trainer beim Willkommensbündnis, er sagt: "Wir sehen es als unsere menschliche Aufgabe, Geflüchtete willkommen zu heißen. Wir müssen den Menschen zeigen: Wir sind da, wir wollen helfen – mehr braucht es erst mal nicht."

Von Tobias Schächter