München - Gestikulieren, bangen, abwinken. Den Vierten Offiziellen belagern. Die Coaching-Zone? Vergessen. Und wenn das Tor dann fällt und einfach alles raus muss: Schattenboxen, über den ganzen Platz stürmen, und mittenrein in den Jubelhaufen. Die emotionalen Ausbrüche der Trainer am Spielfeldrand spiegeln alle Höhen und Tiefen des Fußballs wider.

Wer jede Woche Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel leiden, mitfiebern und ausgelassen feiern sieht, kann erahnen, wie es in den Verantwortlichen aussieht. Selbst mit sonst eher besonnenen Übungsleiter wie Lucien Favre oder Stale Solbakken geht es manchmal durch. In den Neunzigern waren Werner Lorant oder Christoph Daum berüchtigt für ihre Ausbrüche an der Seitenlinie. Auch Ewald Lienen, seit 21 Jahren Profitrainer, lebt den Fußball, und zeigt das auch. "Die Emotionen gehören zum Fußball dazu! Und sie sind auch unglaublich wichtig - die müssen wir uns unbedingt erhalten", sagt er. "Wenn ich am Spielfeldrand einpenne, ist es besser, ich gehe nach Hause!"

Zwar sei er in "90, 95 Prozent der Fälle völlig ruhig und sozialverträglich" gewesen. Aber wenn er mal einen Ausbruch hatte, hätten die Medien das Bild des fuchsteufelswilden Derwischs am Spielfeldrand völlig überzeichnet. "Das sind dann auch so Etiketten, die einem Trainer angeklebt werden", weiß Lienen.

Im zweiten Teil des Interviews mit bundesliga.de sprach der ehemalige Trainer von Borussia Mönchengladbach, Hannover 96 und fünf anderen deutschen Clubs über die Emotionen der Trainer heute und damals - und seine Zukunft in der Bundesliga.

bundesliga.de: In den 80ern und den 90ern waren Trainer wie der mit hochrotem Kopf gestikulierende Jupp Heynckes, Christoph Daum, Otto Rehhagel und Werner Lorant berüchtigt dafür, den Schiedsrichter-Assistenten auf den Pelz zu rücken. Auch Sie selbst hatten den einen oder anderen Gefühlsaufbruch. In den letzten Jahren ging dieses Phänomen nicht nur bei Heynckes, sondern ganz allgemein eher zurück - mit Ausnahmeerscheinungen wie Jürgen Klopp. Warum?

Ewald Lienen: Daum, Rehhagel, Lorant: Das waren schon damals einzelne Erscheinungen. Der Werner war natürlich speziell. Man kann jetzt nicht sagen, dass alle Trainer damals verrückt waren. Und auch, wenn ich mal Szenen hatte, wo man sich gedacht hat, was hat er denn jetzt gemacht, war ich ansonsten in 90 Prozent der Fälle völlig ruhig und sozialverträglich. Das sind dann auch so Etiketten, die einem Trainer angeklebt werden. Da wird ein Bild gezeichnet, das mit der Realität gar nichts zu tun hat. Das wurde schon damals aufgebauscht, früher wurde viel eindimensionaler über Trainer berichtet. Ich habe zum Beispiel einmal selbst erlebt, dass ein Reporter einer großen Sportzeitung mal eine negative Äußerung eines Schiedsrichterbeobachters über mich schlichtweg erfunden hat, um damit weitere negative Äußerungen zu provozieren. Und wenn dich damals ein, zwei Leute auf dem Kieker hatten, haben sie das Bild immer wieder neu gezeichnet. Klar, ich hatte sicher Phasen, da war ich aggressiv und dünnhäutig. Dabei spielt es natürlich eine Rolle, ob du gegen den Abstieg spielst oder um die Meisterschaft. Im Abstiegskampf stehst du ständig unter enormem Druck. Aber das muss man alles relativieren. Weder ein Werner Lorant noch ein Ewald Lienen sind immer nur ausgerastet und herumgesprungen, genau wie heute. Aber emotionale Ausbrüche gehören dazu und das ist auch völlig in Ordnung.

bundesliga.de: Freuen Sie sich also, wenn Sie sehen, dass die Leidenschaft am Fußball mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Mike Büskens mal wieder durchgeht? Und das allen Offiziellen und der Coaching-Zone zum Trotz?

Lienen: Wenn ich am Spielfeldrand einpenne, ist es besser, ich gehe nach Hause! Dann sollte ich besser was anderes machen. Die FIFA versucht ja schon seit Jahren glücklicherweise erfolglos, die Emotionalität aus dem Fußball zu verbannen. Wenn ich in einem wichtigen Spiel ein Tor schieße und den Zuschauern in den Arm falle, und dann eine Gelbe Karte dafür sehe, das ist für mich der Gipfel der Lächerlichkeit. Die Emotionen gehören zum Fußball dazu! Und sie sind auch unglaublich wichtig - die müssen wir uns unbedingt erhalten. Für Schiedsrichter ist das sicherlich nicht leicht, das ist sowieso ein masochistischer Job. Ich habe immer von meinen Spielern erwartet, dass sie den Schiedsrichter respektieren.

bundesliga.de: Trotzdem bricht es manchmal aus den Trainern heraus. Am vorletzten Wochenende stürmte der sonst so ruhige FC-Coach Stale Solbakken nach dem Schlusspfiff über das Feld. Und bei Gladbachs Sieg über Leverkusen war Lucien Favre kaum mehr zu bremsen, feierte mit seinen Jungs an der Eckfahne. Wie sehr brodelt es in allen Trainern, auch und besonders in den äußerlich eher zurückhaltenden?

Lienen: Das waren jetzt nur zwei punktuelle Beispiele. Jeder Trainer ist anders: Der eine hat das Herz auf der Zunge und trägt seine Emotionen nach draußen, andere eben nicht. Jeder soll auch anders sein. Sonst wäre es ja langweilig! Für Lucien war das natürlich ein superwichtiges Tor gegen Leverkusen, Gladbach hatte einige Wochen nicht gewonnen. Champions League wäre für sie eine Sensation. Und wenn dann so ein Last-Minute-Tor fällt, wo man weiß, dass man gewonnen hat und der Champions League näher gekommen ist , das setzt natürlich besondere Emotionen frei. Bei Solbakken war es das gleiche. Der gewinnt längere Zeit kein Heimspiel mit Köln, und dann so ein Befreiungsschlag.

bundesliga.de: Noch eine Frage zu Ihnen persönlich. Was machen Sie im Moment? Haben Sie vor, bald wieder auf die Trainerbank zurückzukehren?

Lienen: Ja, ich möchte gerne wieder arbeiten, am liebsten natürlich in der Bundesliga. Darauf bereite ich mich intensiv vor. Ich bin sehr viel unterwegs, schaue mir Spiele und Trainingseinheiten an, bin auch live in Stadien und als Experte dabei. Ich bin nah dran, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Ich sitze Gewehr bei Fuß und hoffe, dass ich demnächst wieder einsteigen kann.

Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann

Lesen Sie im ersten Teil des Interviews: "Andere Trainer hätten einen Nervenzusammenbruch gekriegt!" über Heynckes' erste Trainerjahre mit dem nicht ganz pflegeleichten Spieler Ewald Lienen.