München - Zum Auftakt der Champions-League-Gruppenphase trifft der FC Bayern am 1. Spieltag auf den FC Valencia. Der ehemalige Bundesliga-Spieler (VfB Stuttgart, Borussia Dortmund, 1860 München) und Kenner des spanischen Fußballs, Gerhard Poschner, analysiert den Bayern-Gegner. Poschner war in Spanien als Spieler (Rayo Vallecano, Ejido) und zuletzt auch als Funktionär tätig.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Poschner über die Stärken und Schwächen der "Fledermäuse", wie Valencia in Spanien genannt wird, sowie den neuen Bayern-Star Javier Martinez.

bundesliga.de: Herr Poschner, Bayerns Champions-League-Gegner Valencia steht nach drei Spielen mit nur zwei Punkten im Tabellenkeller der Primera Division. Wie würden Sie den Saisonstart der Spanier einordnen?

Gerhard Poschner: Der Saisonstart war äußerst durchwachsen. Die Mannschaft hat aber mit Sicherheit mehr Potenzial, als sie in den ersten Spielen gezeigt hat. Man muss aber auch festhalten, dass die Mannschaft auswärts bei Real Madrid einen Punkt geholt hat und in Barcelona nur mit 0:1 unterlag.

bundesliga.de: Wo liegen die Stärken des FC Valencia?

Poschner: Der Kader ist in der Breite sehr gut aufgestellt, vor allem in der Offensive. Was ihnen aber meiner Meinung nach fehlt, sind zwei bis drei wirklich herausragende Spieler, wobei ich Roberto Soldado da ein bisschen rausnehmen möchte. Er ist für mich ein internationaler Topstürmer. In der Hinterhand hat Valencia mit dem Brasilianer Jonas und dem Ex-Bundesliga-Spieler Nelson Valdez (spielte für Bremen und Dortmund, Anm. d. Red.) hochwertige Offensiv-Alternativen. Die beiden Außenspieler im Mittelfeld, Guardado links und Feghouli rechts, sorgen auch für richtig Gefahr. Die beiden "Sechser", Fernando Gago und Tino Costa, haben ebenfalls Qualität.

bundesliga.de: Was erwarten Sie sich speziell von Nelson Valdez, der kurz vor Transferschluss von Rubin Kazan an Valencia ausgeliehen wurde?

Poschner: Er ist auf dem Papier im Moment nur Stürmer Nummer 3 hinter Soldado und Jonas, die sich in der vergangenen Saison ein gewisses Standing erspielt haben. Valdez sehe ich daher eher als Alternative zu diesem Duo. Wenn es aber darauf ankommt aggressiveren Fußball oder Hauruck-Fußball zu spielen, ist Nelson mit Sicherheit ein Spieler, der der Mannschaft weiterhilft. Erstmal muss er sich aber hinten anstellen.

bundesliga.de: Und wo liegen die Problemzonen im Team der Spanier?

Poschner: Bei Valencia spricht man zwar von einer internationalen Topmannschaft, dennoch sehe ich in der Innenverteidigung gewisse Schwächen. Durch den Abgang von Linksverteidiger Jordi Alba zum FC Barcelona hat die Mannschaft auch wieder viel Potenzial verloren. Hier gilt es abzuwarten, wie sich die beiden Franzosen Jeremy Mathieu und Aly Cissokho auf dieser Position im Laufe der Saison behaupten können.

bundesliga.de: Valencia hat in der Sommerpause den Trainer gewechselt. Der langjährige Erfolgscoach Unai Emery ging zu Spartak Moskau, für ihn übernahm der unerfahrene Mauricio Pellegrino, der zuletzt als Co-Trainer unter Rafael Benitez in Liverpool und bei Inter tätig war. Wieso fiel die Wahl auf ihn?

Poschner: Valencia baut auf junge Trainer, Emery kam selbst als junger Trainer aus Almeria. Benitez, der 2002 als Trainer mit dem damaligen Spieler Pellegrino Meister wurde, kam ebenfalls ohne die ganz große Erfahrung zu Valencia und feierte große Erfolge. Dieser Weg setzt sich eben jetzt mit der Wahl für Pellegrino weiter fort.

bundesliga.de: Wie hat sich das Spiel Valencias durch den Trainerwechsel geändert?

Poschner: Pellegrino legt als ehemaliger Verteidiger sehr viel Wert auf die Defensive und taktische Disziplin. Dies bedeutet einen gewissen Bruch mit dem Spielstil der letzten Jahre, da das Spielsystem nun insgesamt deutlich defensiver ausgerichtet ist. In den bisherigen Spielen unter Pellegrino war eine eher destruktive Spielweise augenscheinlich, der Erfolg soll sich über schnelles Konterspiel einstellen.

bundesliga.de: In den letzten Jahren hat sich der FC Valencia hinter den Giganten Barcelona und Real Madrid als dritte Kraft in Spanien etabliert. Wo würde sich Valencia mit dem aktuellen Personal in der Bundesliga einreihen?

Poschner: Valencia würde in Deutschland um die Meisterschaft mitspielen. Sie würde wie Bayern, Dortmund oder Schalke zum Kandidatenkreis um den Titel sein. In Spanien ist das durch die momentane Konstellation schwieriger. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, holt sich Real Madrid oder der FC Barcelona den Titel. Zwischen diesen beiden und dem Rest der Liga ist in den letzten Jahren eine riesige Lücke entstanden.

bundesliga.de: Sehen Sie Valencia in der Champions-League-Gruppe mit Bayern also auf Augenhöhe?

Poschner: Soweit will ich nicht gehen. Individuell ist Bayern mit Kalibern wie Robben, Ribery oder Schweinsteiger qualitativ besser besetzt. Solche Spieler findet man bei Valencia aus finanziellen Gründen nicht und wird sie auch in Zukunft nicht finden. Die Spieler von Valencia fallen im Vergleich mit den Bayern-Stars trotzdem nicht wesentlich ab. Sie sind zwar nicht so bekannt, können es aber mit den Münchnern auf dem Feld durchaus aufnehmen.

bundesliga.de: Javier Martinez, der aus Bilbao nach München kam, kennen die Valencia-Spieler schon. Was kann man von ihm erwarten?

Poschner: Er ist ein sehr kompletter Spieler, ohne jegliche Schwächen. Technisch und physisch stark, ein Mannschaftspieler, der einer Elf Stabilität geben kann. Aber man darf sich keine Wunderdinge von ihm erwarten. Er zeichnet sich nicht durch individuelle Glanzlichter aus, stattdessen arbeitet Martinez sehr viel für die Mannschaft, wodurch vielleicht andere Spieler mehr glänzen können. Wer einen Xavi oder Iniesta erwartet, der ist fehlinformiert. So zu spielen wie die Barca-Stars, ist nicht sein Anspruch und ganz sicherlich nicht sein Spiel.

Das Gespräch führte Christoph Gailer

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