Köln - Borussia Dortmund vs. Schalke 04 hat neben der großen emotionalen Bedeutung auch eine interessante taktische Komponente. Während man vom BVB in der Rückrunde Ansätze von Ballbesitzspiel und dem bekannten Gegenpressing gesehen hat, setzt Schalke unter Roberto Di Matteo auf starke Defensive.

Nach der problematischen Hinrunde setzte Jürgen Klopp gegen Ende des letzten Jahres auf Kampf und lange Bälle. In der Winterpause nutzte der BVB-Coach jedoch die Zeit, festigte Passstaffetten und polte seine Spieler wieder auf Kurzpässe und kontrollierteren Spielaufbau um.

Darüber hinaus ist Klopp mittlerweile dazu übergegangen, Pierre-Emerick Aubameyang als Sturmspitze aufzustellen und nicht mehr über den Flügel kommen zu lassen. Die Grundformation hat er aber nicht verändert. Nach wie vor spielt Borussia Dortmund mit zwei Sechsern und einer offensiven Dreier-Reihe im Mittelfeld. Die Abwehrformation ist komplett unverändert, Klopp lässt nach wie vor eine Viererkette verteidigen und versucht über die laufstarken Außenverteidiger Überzahl auf den Flügeln zu erzeugen.

Bei Schalke hat Roberto Di Matteo seine Vorstellung von Fußball langsam aber kontinuierlich umgesetzt. Auch bei den Königsblauen ist in der Winterpause viel passiert. Das Auffälligste ist dabei ganz bestimmt die Defensivausrichtung von S04 und die Fünfer-Abwehr bei gegnerischem Ballbesitz. Aus dieser stabilen Formation kontert Schalke und versucht über die ballgewandten Mittelfeldakteure schnell vor das gegnerische Tor zu kommen.

Dortmunder Verschiebungen im Aufbauspiel

In den letzten Partien konnte man bei Borussia Dortmund einige Verschiebungen der Formation im Spielaufbau beobachten. Die auffälligste war dabei, dass der BVB einen starken Linksfokus aufbaute. Das liegt daran, dass Marco Reus auf der linken Seite den Ball möglichst am Ende des Spielzuges zur Verwertung oder Vorlage bekommt.

Um ihn in Position zu bringen, verschieben die beiden Sechser auf die linke Seite, der rechte offensive Mittelfeldspieler oder der zentrale Mittelfeldspieler lassen sich in den freigewordenen Raum fallen und bekommen den Ball. Die beiden Flügelspieler starten, um Anspielstationen auf Außen zu bieten und die verbleibenden Offensivspieler ziehen ins Zentrum oder gehen in Zwischenpositionen zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegner.

Schalker Zentrumsfokus

Schalkes Spiel ist durch einen sehr starken Zentrumsfokus gekennzeichnet. Die Königsblauen machen die Mitte des Spielfelds eng und nehmen dem Gegner damit die Möglichkeit, den schnellen, direkten Weg zum Tor zu gehen. Bei Balleroberung werden die offensiven Mittelfeldspieler oder die Stürmer gesucht.

Zum Einen um flink zu Kontern und vor das gegnerische Tor zu kommen. Aber auch um die Bälle zu halten und nach Außen zu verteilen, wenn die beiden Außenverteidiger starten. Wichtig ist Di Matteo vor allem, dass die Kompaktheit beibehalten wird und die Abstände zwischen den Spielern und den Mannschaftsteilen stimmen. Ansonsten ergeben sich Lücken, die für S04 zum Nachteil werden können.

Sind die Außenverteidiger bei Gleichstand oder Rückstand recht hoch positioniert, lassen sie sich bei einer Führung sehr tief fallen und bilden mit den zentralen Verteidigern eine Fünfer-Kette. Das Spiel der Königsblauen war außerem oft rechtslastig, das ist gegen Dortmund ebenfalls ein Mittel, da deren linke Abwehrseite anfällig für Unkonzentriertheiten ist.

Dortmunds Anlaufen der Verteidiger

Fast interessanter ist bei beiden Mannschaften die Strategie in der Defensive. Dortmund hat zwar in den letzten Spielen immer mehr Lösungen bei Ballbesitz gefunden, die größte Stärke liegt aber immer noch darin, den Gegner in ungünstige Positionen zu bringen und dann aus schlechtem Aufbauspiel blitzschnell Kapital zu schlagen.

Der BVB versucht dabei, das Spiel der Gegner auf einer Seite zu isolieren. Dafür läuft der Stürmer den (hier zentralen) Defensivspieler an. Dabei geht er beinahe einen Bogen, um eine Seite zu versperren. Die weiteren Spieler auf der linken Seite drängen nach innen, versperren Passwege und lauern auf Risiko-Bälle.

Die Verschiebungen bewirken, dass der ballführenden Spieler wenig offene Anspielstationen hat. Gefahrlos kann er im Prinzip nur nach links spielen oder einen langen Ball schlagen. Kommt der Ball auf die linke Seite, hat der BVB aber genügend Spieler, um den neuen Ballführenden zu stellen.

Kommt der lange Ball, hat Dortmund nach der Eroberung eine gute Staffelung um direkt umzuschalten, Anspielstationen zu bieten und mit hohem Tempo auf die Abwehr zuzugehen. Ballgewinne im vorderen Drittel werden ebenso schnell in einen Gegenangriff umgemünzt und mit schnellen, kurzen Pässen oder einem gezielten Ball in den Lauf von Aubameyang vor das Tor gebracht.

Situativ wird außerdem ein langer Ball aus der Abwehr geschlagen, um den BVB in Pressingsituationen zu bringen. Auffällig war in den letzten Spielen, dass der BVB nicht mit höchster Aggressivität presst.

Schalkes kompakter Druck

Der FC Schalke 04 steht je nach Spielstand sehr tief und attackiert erst kurz vor der Mittellinie. Di Matteo hat aber ebenfalls eine Strategie, um gegnerische Angriffe früh im Aufbau zu stören. Im Beispiel baut der rechte Innenverteidiger des Gegners das Spiel auf. Schalke rückt besonders in die Zwischenräume von Abwehr und Sechsern um die kurzen Pässe auf die Aufbauspieler zu stören.

Dabei verschieben Angreifer und Mittelfeldspieler in ihrer Formation auf den ballführenden Spieler hin. Im Idealfall halten die Spieler ihre Abstände, dadurch bleibt die Ordnung und die enge Aufstellung bestehen.

Wird das Verschieben schnell und präzise ausgeführt, hat der Innenverteidiger wenige Anspielstationen, die er ohne hohes Risiko wählen kann. Durch das Viereck wird verdeutlicht, welche Räume die S04-Formation abdeckt. Seitenwechsel werden in Kauf genommen, da schnell genug nachgerückt werden kann.

Lange Bälle sind sogar erwünscht, da S04 weiterhin defensiv stabil steht und diese abfangen kann. Situativ rücken auch die Außenverteidiger mit auf und versperren weitere Passwege. Das allerdings eher selten, da dadurch Räume enstehen, die Di Matteo lieber verhindern möchte.

Fazit: Was erwartet uns?

Borussia Dortmund wird weiter auf Kurzpassspiel setzen und versuchen Löcher im Schalker Abwehrriegel zu finden. Möglicherweise werden sie die Flügel überladen, heißt einen Mann mehr über Außen einsetzen um zu Flanken zu kommen. Es ist auch zu erwarten, dass der BVB versuchen wird, Schalke wie oben beschrieben zu pressen und Aubameyangs Schnelligkeit einzusetzen, wenn dieser in einer guten Position und nicht von zu vielen S04-Verteidigern umgeben ist.

Schalke wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit anfangs tief stehen und den BVB spät attackieren. Di Matteo wird die kompakte Grundordnung zu Beginn zementieren und den BVB erstmal das Spiel machen lassen. Dabei lauert S04 auf Fehler, die Dortmund durchaus unterlaufen, wie man gegen Juventus Turin sehen konnte. Sollte das Spiel unentschieden stehen (oder der BVB in Führung gehen), kann man davon ausgehen, dass Königsblau in ihrer Formation weiter nach vorne schiebt und Dortmund früher stört. Schalke wird dem BVB ganz bestimmt viel Geduld abverlangen.