Köln - Die Mechanismen der Branche sind unerbittlich: Erreicht ein Bundesliga-Club seine sportlichen Ziele nicht, muss meistens der Trainer die Koffer packen. Werder Bremen verpasste zuletzt zwei Mal in Folge die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, nachdem man zuvor sieben Mal in Serie auf europäischer Bühne vertreten war. Sechs Jahre davon in der Champions League.

Deshalb durfte sich im Sommer auch in Bremen ein neuer Trainer versuchen. Zugegeben, der neue Coach hieß ebenfalls Thomas Schaaf, aber das musste ein Zufall sein. So viel veränderte der "neue" Thomas Schaaf. Das jahrelang praktizierte 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld war Geschichte. Heute stürmt nur noch ein zentraler Angreifer für Werder, früher fast undenkbar. Auch einen klassischen Spielmacher, jahrelang ein absolutes Markenzeichen des Bremer Offensivspiels, sucht man heute vergeblich. Und das sind nur einige der Änderungen, die der "neue" Coach vollzogen hat.

Offensivfußball bleibt das Bremer Markenzeichen



Aber es gibt auch einige Parallelen zu seinem Vorgänger. Der Thomas Schaaf dieser Saison lässt ebenfalls bevorzugt offensiven Fußball spielen. Er will das Spiel seiner Mannschaft durchbringen - agieren, nicht reagieren. So ist es kein Zufall, dass Werder schon an einigen aufregenden Partien dieser Spielzeit beteiligt war. Auch wenn die Punkteausbeute aus Bremer Sicht besser sein könnte (Bundesliga-Ergebnisse), trennt sie momentan nur das schlechtere Torverhältnis von der Europa League, dem erklärten Saisonziel.

Selbst der kurzfristige Wechsel von Klaus Allofs zum VfL Wolfsburg hat den Aufwärtstrend nicht gestoppt. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass den Club darüber hinaus im Sommer mit Claudio Pizarro, Tim Wiese, Marko Marin und Naldo vier langjährige Leistungsträger verlassen haben. Mit einem Altersschnitt von 24,5 Jahren ist die diesjährige Werder-Elf die jüngste der Bremer Bundesliga-Geschichte. Zum Vergleich: In der Spielzeit 2010/11 betrug das Durchschnittsalter 26,4 Jahre.

"Dreifache Acht" im Bremer Mittelfeld



Während die meisten Bundesliga-Teams mit einer "Doppelsechs" vor der Viererkette agieren, gibt es in der Bremer Startelf keinen klassischen Sechser. Wollte man die Aufteilung im Werder-Mittelfeld beschreiben, könnte man sie vielleicht die "dreifache Acht" nennen. Zlatko Junuzovic, Aaron Hunt und Kevin de Bruyne teilen sich im Zentrum die defensiven und offensiven Aufgaben flexibel ein. Alle drei sind ausgebildete Offensivspieler, was dazu führt, dass Bremen über eine enorme Spielstärke im Zentrum verfügt.

Gerade Aaron Hunt scheint die neue Taktik zu liegen: Der Vizekapitän spielt die bisher beste Saison seiner Karriere. Bereits sechs Tore erzielte der 26-jährige Linksfuß. So viele hatte er zu diesem frühen Zeitpunkt noch nie auf dem Konto. In seinen erfolgreichsten Spielzeiten 2006/07 und 2009/10 gelangen ihm jeweils neun Treffer. Auch Kevin de Bruyne (4 Tore) und Zlatko Junuzovic (2 Tore) sorgen aus dem Mittelfeld immer wieder für Torgefahr.

"Flankengott" Arnautovic auf dem Flügel



Davor lässt Thomas Schaaf mit Eljero Elia und Marko Arnautovic zwei echte Außenstürmer wirbeln. Während Elia als Rechtsfuß auf der linken Seite häufig in die Mitte zieht, nutzt Arnautovic seine Durchsetzungskraft, um immer wieder zur Grundlinie durchzustoßen. Bereits 49 Flanken schlug der österreichische Nationalspieler in dieser Saison ins Zentrum. So viele wie kein anderer Spieler in der Bundesliga. Der Ertrag kann sich mit vier Torvorlagen durchaus sehen lassen.

In der Sturmspitze wächst Bayern-Leihgabe Nils Petersen immer besser in die großen Fußstapfen hinein, die Claudio Pizarro hinterlassen hat. Genau wie Kevin de Bruyne ist Petersen zunächst nur für ein Jahr ausgeliehen und soll mithelfen, Werder wieder nach Europa zu schießen. Die Chancen dafür stehen gut. Sollten die zwei Leistungsträger 2013/14 nicht mehr in Bremen spielen, müssen sich die Werder-Fans dennoch keine Sorgen machen. Mit personellen Veränderungen kommt ihr Trainer sehr gut klar. Sowohl der "neue" als auch der "alte" Thomas Schaaf.

Florian Reinecke