Stuttgart - Seine Zeit schien abgelaufen, noch ehe sie so richtig begonnen hatte. Es war ein kalter Abend im Februar, und Sven Ulreich, 22 Jahre alt, saß mit leerem Blick auf der Ersatzbank des VfB Stuttgart.

Bruno Labbadia, der neue Trainer, hatte ihn für das Spiel in der Europa League gegen Benfica Lissabon aus dem Tor genommen. Doch die Verbannung währte nur 49 Minuten. Dann setzte ein Zusammenprall Marc Ziegler außer Gefecht, Ulreich erhielt eine zweite Chance.

Neues Selbstbewusstsein

Und Ulreich hat diese zweite Chance mit teilweise überragenden Leistungen auch genutzt. "Ich wusste ja, was ich kann", sagt er selbstbewusst. Ob gegen Eintracht Frankfurt, den VfL Wolfsburg oder am vergangenen Wochenende gegen Werder Bremen - mit starken Auftritten und glänzenden Paraden hat sich Ulreich zum erhofften Stabilitätsfaktor der wackligen Stuttgarter Hintermannschaft entwickelt: "Ich bin da hinten jetzt der Chef", sagt er vor dem Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern am Samstag (ab 18 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio).

Das war nicht immer so. In der vergangenen Saison spielte er als Vertreter von Jens Lehmann durchweg sehr gut, als er zu Beginn dieser Saison dessen Nachfolger wurde, konnte er jedoch an diese Leistungen nicht anknüpfen.

Momentan zeigt seine Leistungskurve jedoch steil nach oben. Die Wandlung vom einstigen Unsicherheitsfaktor zum Hoffnungsträger macht Trainer Labbadia vor allem am Willen und der Charakterstärke Ulreichs fest. "Als er draußen war, hatte er nichts mehr zu verlieren. Er war danach irgendwie gelöster", sag Labbadia. "Sven hat einen Riesenrucksack abgelegt. Wie er sich zurückgekämpft hat, ist bezeichnend für unsere erfreuliche Entwicklung."

Lob von den Chefs

Auch Sportdirektor Fredi Bobic lobt die Einstellung des 22-Jährigen. "Sven hat sich nicht im Tunnel vergraben, sondern die Wut und Enttäuschung ins Positive kanalisiert. Das wird ihm einen Riesenschub für seine weitere Karriere geben." Besonders in der Präsenz und Ausstrahlung auf dem Platz hat Ulreich Fortschritte gemacht. "Er beobachtet die Dinge jetzt aus der Distanz und wirkt auf das Team ein", sagt Labbadia.

Um mental stark genug zu sein, arbeitet Ulreich seit Jahren mit einer Spezialistin der Sport-Kinesiologie zusammen. "Wir arbeiten viel im psychologischen Bereich. Das heißt, ich bereite die Spiele gedanklich im Kopf vor, stelle mir Spielszenen vor. Daraus kann ich eine positive Kraft ziehen", erklärt Ulreich. Neben mentalem Training umfasst das Konzept auch Übungen im koordinativen Bereich. "Was mir gut tut, nehme ich in Anspruch", sagt Ulreich.

Zusätzlich setzt er auf Empfehlungen seines Mentors Lehmann, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. "Seine Einschätzung ist mir sehr wichtig. Seine Erfahrungen helfen mir extrem."