Hamburg - Da hatten die Spieler des FC Bayern München gerade den FC St. Pauli am einst gefürchteten Millerntor 8:1 abgeschossen - und schauten verwundert in die Runde. Kein Zuschauer hatte das Stadion vorzeitig verlassen, keine Pfiffe, stattdessen feierten die Fans auf den Rängen.

"Sensationell, unglaublich. Die kriegen acht Tore und feiern den Trainer, die Mannschaft und auch wohl ein wenig sich selbst", wunderte sich Philipp Lahm. "Bitter, dass so ein Team absteigen muss. St. Pauli ist eine Bereicherung für die Liga."

"Eine sensationelle Atmosphäre" hatte auch bei Andries Jonker "Gänsehautgefühle" verursacht. "Stani darf richtig stolz sein. Beeindruckend wie man ihn verabschiedet hat", war der Bayern-Trainer von der Stimmung im Stadion begeistert.

Spieler verkrochen sich

Es blieb den Gästen vorbehalten, lobende Worte für die Hamburger zu finden. Die "Kiezkicker" verkrochen sich nach der höchsten Niederlage in der Bundesliga-Geschichte des Stadtteilclubs in den Katakomben das Stadions und waren nicht zu Interviews bereit. Zu tief saß der Schock nach der Demontage.

Und auch Holger Stanislawski, den die Fans auf einer Ehrenrunde feierlich verabschiedeten, hatte die Nase gestrichen voll. Dabei hatte man insgeheim beim Aufsteiger davon geträumt, im letzten Heimspiel zum Abschluss des 100. Jubiläumsjahres des Vereins noch einmal Grund zum feiern zu haben und das "Wunder von 2002" zu wiederholen.

Damals im Februar wurde der zu der Zeit beste Club der Welt am Millerntor 2:1 besiegt, die T-Shirts "Weltpokalsiegerbesieger" mit der Aufstellung auf dem Rücken werden noch heute rund um den Kiez mit Stolz getragen.

Rekordergebnis für den Rekordmeister

Statt einer Sensation machten die Bayern mit dem höchsten Auswärtssieg in seiner ruhmreichen Bundesliga-Historie den direkten Wiederabstieg der "Braun-Weißen" auch rechnerisch perfekt - und versauten Stanislawski den Abschied nach 18 Jahren auf dem Kiez.

Und der Trainer war sichtlich angeschlagen: "Alles Positive, was sich in 18 Jahren aufgebaut hat", setzte der 41-Jährige an und spürte, dass diese im Frust angesetzte Aussage in die falsche Richtung gehen würde. Nach einer kurzen Denkpause wechselte das Urgestein in den Konjunktiv... "könnte heute auf einen Schlag kaputtgehen."

"Habe mir meinen Abschied schöner vorgestellt"

Für "Stani" ist an diesem Samstag erkennbar etwas kaputtgegangen. "Deshalb nehme ich mir das Recht, heute nichts zur Leistung meiner Mannschaft zu sagen", verweigerte der Bald-Hoffenheimer jede Aussage zur Leistung seiner "Jungs", wie er die Spieler immer beinah' liebevoll nennt.

"Ich werde ein paar Tage brauchen, um das sacken zu lassen", sagte Stanislawski tief enttäuscht. "Dazu bin ich zu sehr Trainer." Erneut ringt er um Worte "... und zu sehr St. Paulianer. Ich habe mir meinen Abschied schöner vorgestellt."

"Kann mich an so eine Klatsche nicht erinnern"

"Ich habe als Spieler mal gegen Lübeck hoch verloren", erklärt der ehemalige Innenverteidiger gegenüber bundesliga.de. "Aber an so eine Klatsche kann ich mich nicht erinnern", denkt der 41-Jährige an die bisher 33 Jahre zurück, die er seit seinen ersten Schritten beim Bramfelder SV als Spieler, Trainer, Sportdirektor und Vize-Präsident auf dem Buckel hat.

Es sei "schwer genug gewesen", sich "nach der Pleite von unseren Anhängern zu verabschieden. Die Ehrenrunde war ein Dankeschön an die Fans", meint Stanislawski weiter. Und die waren die einzigen in "Braun-Weiß", die im für unbestimmte Zeit letzten Heimspiel im Oberhaus Bundesligareife bewiesen haben.

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs