Mit dem VfB Stuttgart wurde er Pokalsieger, mit Borussia Dortmund Vizemeister. Am Freitagabend treffen seine beiden Ex-Vereine aufeinander. Gerhard Poschner hat im Interview mit bundesliga.de die Entwicklung der Vereine unter die Lupe genommen.

bundesliga.de: Herr Poschner, in den letzten vier Jahren hat Borussia Dortmund kein Heimspiel mehr gegen den VfB Stuttgart gewinnen können. Es gab vier Unentschieden, darunter das legendäre 4:4 vom März 2012. Was erwarten Sie von der Partie am Freitag?

Gerhard Poschner: Es könnte auch diesmal wieder ein unterhaltsames Spiel werden. Ich denke, die Voraussetzungen sind nach wie vor die gleichen. Die letzten Spiele waren für die Zuschauer sehr attraktiv und unterhaltsam. Das ist schon fast zur Tradition geworden. Es ist mit Sicherheit nicht im Sinne von Jürgen Klopp gewesen, dem Gegner die Möglichkeit zu geben, ein so offenes Spiel abzuliefern. Aber so ist es gekommen.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die beiden Vereine in dieser Saison ein?

Poschner: Die Dortmunder knüpfen daran an, wo sie im letzten Jahr aufgehört haben. Meiner Meinung nach sind sie noch ein Stück routinierter geworden. Sie brauchen nicht mehr diese absoluten Toptage, um ihre Spiele zu gewinnen. Inzwischen reicht ihnen auch manchmal eine routinierte Leistung. In dieser Hinsicht ist die Borussia noch einmal ein großes Stück vorangekommen.

bundesliga.de: Und der VfB Stuttgart?

Poschner: Der VfB hat sehr holprig angefangen und musste dann den Trainer wechseln. Nach diesem Trainerwechsel hat sich die Mannschaft stabilisiert und ins richtige Fahrwasser gefunden. Man muss jetzt die nächsten Wochen abwarten, inwiefern der nächste Schritt kommen kann, um eine Erfolgsserie zu starten. Die Mannschaft ist wie gesagt stabiler geworden und hat die Hoffnung wieder gefunden. Sie haben einen Matchplan. Es sieht ganz ordentlich aus.

bundesliga.de: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet die Schwaben dem BVB in dessen eigenem Stadion solche Probleme bereiten?

Poschner: Stuttgart kommt entgegen, dass die Mannschaft in den Spielen in Dortmund krasser Außenseiter ist. Keiner erwartet etwas vor ihr, sie kann befreit aufspielen gegen einen Gegner wie den BVB, der sehr dominant auftritt. Borussia Dortmund kommt der Spielweise von Stuttgart entgegen. Der VfB muss nicht agieren, sondern kann reagieren, verteidigen und den einen oder anderen Nadelstich nach vorne setzen. Das haben sie in der Vergangenheit in Dortmund sehr gut gemacht.

bundesliga.de: Die Dortmunder sind, wie sie gesagt haben, routinierter geworden. Sind die Westfalen für Sie ein ernstzunehmender Titelkandidat in dieser Saison?

Poschner: Ja, es spricht alles dafür. Es könnte ein offenes Rennen werden. Allerdings ist es schon so, dass der FC Bayern in der Breite seines Kaders etwas anders aufgestellt ist, auch wenn der Dortmunder Kader ebenfalls besser geworden ist. Aber die Bayern können auch einmal vier oder fünf Ausfälle verkraften, ohne Probleme zu bekommen. Dortmund kann das punktuell auch, aber nicht über eine längere Strecke. Der Ausfall von Ilkay Gündogan ist für die Borussia schwerwiegender aufzufangen, als wenn bei Bayern München Bastian Schweinsteiger ausfällt. Die Bayern haben noch genügend andere Spieler, die diese Rolle auch ausfüllen können.

bundesliga.de: Dortmund hatte in dieser Spielzeit ein relativ einfaches Auftaktprogramm und fast nur Gegner aus dem unteren Tabellendrittel. Die Kracher gegen Leverkusen oder die Bayern kommen erst noch. Dafür hat die Borussia bereits gegen Schalke und Hamburg gewonnen, gegen die es im vergangenen Jahr keine Punkte gab. Die Mannschaft punktet sehr konstant. Ist das die neue Stärke des BVB?

Poschner: Genau. Im letzten Jahr haben sie gegen Schalke und Hamburg null Punkte geholt. In diesem Jahr lief es besser. Die Kunst ist es auch, diese auf dem Papier einfacheren Spiele zu gewinnen. Wobei es in der Bundesliga keine einfachen Spiele gibt. Sie haben sich weiterentwickelt.

bundesliga.de: Trauen Sie dem VfB die Qualifikation zur Europa League zu?

Poschner: Ich glaube, dass es in der Bundesliga mittlerweile eine Dreiklassengesellschaft gibt. Die ersten drei Mannschaften mit Bayern, Dortmund und Leverkusen sind vom Rest der Liga sehr weit weg. Dann folgt ein sehr langes und breites Feld, in dem nach oben und unten alles möglich ist. Und dann gibt es mit Braunschweig und Freiburg zwei Mannschaften, die etwas hinterherhinken. Augsburg hat in den letzten Wochen auch etwas nachgelassen. Aber alle anderen Mannschaften können mit ein, zwei Siegen wieder oben in der Spitzengruppe mit dabei sein, genauso aber auch mit zwei Niederlagen wieder unten reinrutschen. Stuttgart kann sicher ein Wörtchen mitreden. Aber das Feld ist sehr ausgeglichen. Es gibt zehn bis zwölf Mannschaften, die jederzeit eingreifen können.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski