Leverkusen - Stefan Kießling ist für Bayer Leverkusen längst zur unverzichtbaren Ikone geworden. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Publikumsliebling über seinen geplatzten Wechsel zu Hannover 96, über die Zusammenarbeit mit seinem Sturmpartner Chicharito und über das bevorstehende Spiel gegen den FC Bayern München.

bundesliga.de: Herr Kießling, vor ein paar Wochen waren Sie - mehr als nur gefühlt - so gut wie in Hannover, jetzt aber stehen Sie kurz vor einer Vertragsverlängerung bei Bayer. Das scheint wieder einmal zu bestätigen, dass man im Fußball besser nicht plant...

Stefan Kießling: Das stimmt. (schmunzelt) Was sich in den vergangenen Wochen ereignet hat, war heftig und selbst für einen erfahrenen Profi wie mich emotional sehr verwirrend. Die Entscheidung, zu Hannover 96 zu wechseln war gefallen, ich hatte 96 zugesagt. Meine Kinder waren in Hannover bereits in der Schule und im Kindergarten angemeldet und wir waren mittendrin in der Suche nach einer Wohnmöglichkeit.

bundesliga.de: Ein Abschied aus Leverkusen nach zehn Jahren und mit dem Status des ewigen Publikumslieblings wäre wohl sehr emotional geworden?

Kießling: Die Entscheidung, Leverkusen nach so langer Zeit zu verlassen, war in der Tat alles andere als leicht. Ich hatte mir das aber nicht von heute auf morgen überlegt. Dieser Entscheidung lag ein langer Denkprozess zugrunde. Ich weiß auch nicht, ob es gut gegangen wäre. Aber ich wäre diesen Schritt gegangen.

bundesliga.de: Bayer wollte Sie aber nicht gehen lassen...

Kießling: Ich hatte sehr gute Gespräche mit den Verantwortlichen bei Bayer, vor allem mit Rudi (Völler; Anm. d. Red.). Er hat vom ersten Moment an betont, dass er mich nicht gehen lassen möchte. Und von dieser Linie ist er auch im Verlauf der Gespräche nicht abgewichen. Wenn ein Rudi Völler sich so einsetzt, ist das ein schönes Zeichen für die Wertschätzung, die ich bei ihm, aber auch grundsätzlich in Leverkusen genieße.

bundesliga.de: Und das, obwohl Sie ihn in der ewigen Torschützenliste längst überholt haben...

Kießling: Richtig. Aber mittlerweile ist er mir nicht mehr böse. (lacht)

bundesliga.de: Aktuell bilden Sie mit Chicharito eines der gefährlichsten Sturmduos der Bundesliga - obwohl es in den ersten Monaten der Saison hieß, zwei so dominante Stürmer würden gemeinsam nicht funktionieren. Was hat gerade auch bei Trainer Roger Schmidt zum Umdenken geführt?

Kießling: Dass damals vieles nicht zusammengepasst hat und ich persönlich nicht gut drauf war, lässt sich nicht leugnen. Vor dem letzten Heimspiel vor der Winterpause gegen Borussia Mönchengladbach hat der Trainer mich aber zur Seite genommen und mir gesagt, dass ich gegen Gladbach spiele. Damals bin ich davon ausgegangen, dass dies mein letztes Heimspiel überhaupt für Bayer sein würde. Und selbstverständlich wollte ich mich mit einer guten Leistung beim Club und bei den Fans für ihre jahrelange Unterstützung bedanken.

bundesliga.de: Diese "gute Leistung" wurde zu einer Demonstration aller Ihrer bekannten Stärken...

Kießling: An diesem Tag hat wirklich alles gepasst. Borussia Mönchengladbach, das zuvor als bisher einzige Mannschaft in dieser Saison den FC Bayern geschlagen hatte, war bei uns chancenlos.

bundesliga.de: Bayer gewann 5:0, Sie trafen zweimal und legten zudem zweimal für Chicharito auf. Eines Ihrer besten Spiele überhaupt für Bayer?

Kießling: Ich denke schon. So was wie mit "Chicha", das muss sich entwickeln und einspielen. Das kann nicht von heute auf morgen klappen. Wir hatten vorher vielleicht zwei, drei Spiele, in denen wir zusammen auf dem Platz gestanden haben. Und das waren genau die Spiele, wo es eben noch nicht so gut gelaufen ist, weil der Gegner vielleicht besser war, weil wir nicht so gut drauf waren oder was auch immer. Da können viele Faktoren zusammen kommen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass es mit uns beiden gut passen könnte. Es mag auch jetzt noch nicht perfekt sein. Aber wir sind auf einem guten Weg. Ich bin überzeugt, dass wir auch in Zukunft voneinander profitieren können.

bundesliga.de: Wie würden Sie Chicharito als Stürmer charakterisieren?

Kießling: Wenn "Chicha" vor dem Tor auftaucht, ist er eiskalt! Er hat den Riecher, meistens auch noch richtig zu stehen. Er hat für Manchester United gespielt und für Real Madrid. Und selbst, wenn es dort vielleicht für ihn nicht immer gepasst hat, ist er ein absoluter Topstürmer von internationaler Klasse. Wir sind sehr froh, dass er die nun bei uns zeigt.

bundesliga.de: Durch die Topleistungen von Chicharito ist die Bundesliga auch in Mexiko in aller Munde. Haben Sie eine solche Euphorie um einen Spieler von Bayer schon einmal erlebt?

Kießling: Das ist in der Tat Wahnsinn, was da abgeht, etwa wenn ich an unser Trainingslager in Orlando denke. Aber Wahnsinn war es auch bei "Sonny" (Heung-Min Son, jetzt Tottenham Hotspur; Anm. d. Red.), als wir mit Bayer in Südkorea waren. Für die Außenwahrnehmung des Vereins und der Liga ist so etwas natürlich eine großartige Sache.

bundesliga.de: Da kommt der FC Bayern am Samstag doch gerade recht. Die Bayern konnten in dieser Saison nur von der Gladbacher Borussia geschlagen werden. Der Borussia, die Bayer wenige Tage später mit 5:0 besiegt hat. Arithmetik, die so aber wohl nicht funktioniert?

Kießling: Ich glaube wirklich nicht, dass wir den FC Bayern mit 8:0 schlagen werden (lacht). Wir wissen, dass die Bayern zurzeit wohl die beste Mannschaft der Welt stellen. Dass selbst die im Laufe einer Saison mal ein Spiel verliert, passiert einfach. Aber wir haben schon in der vergangenen Saison gezeigt, dass auch wir die Münchner schlagen können.

bundesliga.de: Nach einer Hinrunde mit einigem Auf und Ab, scheint Bayer jetzt auch wieder Fahrt aufgenommen zu haben...

Kießling: Vorsicht, es sind gerade einmal ein paar Spiele, in denen es wieder rund läuft.

bundesliga.de: Wie kann man die Bayern schlagen?

Kießling: Unsere Ausrichtung hat nicht mit Bayern München zu tun. Wir haben eine Spielweise, die wir immer durchbringen wollen, ob nun gegen den FC Bayern oder gegen den FC Ingolstadt. Das haben wir z. B. auch in Barcelona gezeigt, als wir uns nach einer lange bestehenden 1:0-Führung erst ganz gegen Ende des Spiels mit 1:2 geschlagen geben mussten. Und auch gegen den FC Bayern werden wir versuchen, an unserer Spielidee, den Gegner mit großer Intensität unter Druck zu setzen, festzuhalten.

Das Gespräch führte Andreas Kötter