Zusammenfassung

  • Der Kölner Erfolgscoach ist mit den Gedanken voll beim Start in die neuen Saison

  • Stöger: "Vor dem ersten Spiel weißt du nie genau, wo du stehst"

  • Die Dreifachbelastung dank Europapokal-Teilnahme sieht der Österreicher nicht kritisch

Köln - Der 1. FC Köln wird in der neuen Saison zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert wieder international spielen. Ein Verdienst nicht zuletzt von Peter Stöger, der unaufgeregt und zurückgenommen wie kaum ein anderer seiner Trainerkollegen seine Mannschaft führt. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Stöger über die stete Weiterentwicklung des FC und mögliche Grenzen dieser Entwicklung, über den viel diskutierten Abgang von Torjäger Anthony Modeste und über das Derby gegen Borussia Mönchengladbach gleich zum Saisonauftakt.

bundesliga.de: Herr Stöger, man darf annehmen, dass, als Sie 2013 Ihre Arbeit beim 1. FC Köln angetreten haben, dies mit großem Optimismus geschah. Hätten Sie eine Entwicklung wie die der vergangenen vier Jahre aber auch nur annähernd für möglich gehalten?

Peter Stöger: Dass es funktionieren kann, war von Beginn an mein Zugang zu der Aufgabe in Köln. Sonst hätte ich mich nicht für diesen Schritt entschieden. Ich hatte zwar immer wieder einmal etwas von einem unruhigen Umfeld gehört, aber die Einschätzung der Personen, mit denen ich täglich zu tun habe – insbesondere die des Vorstands und der Geschäftsführung – war von Beginn an sehr stimmig. Und das war für mich damals die Basis dafür, dass es funktionieren könnte. Wenn uns im Sommer 2013 aber jemand gesagt hätte, dass wir uns vier Jahre später für den europäischen Wettbewerb qualifizieren würden – das hätte wohl niemand von uns damals geglaubt.

bundesliga.de: Der FC war damals im zweiten Jahr Zweitligist...

Stöger: ...und die Situation war finanziell schwierig. Es war schon aus wirtschaftlichen Gründen enorm wichtig, wieder aufzusteigen. Hätte man uns damals garantiert, dass wir aufsteigen und vier Jahre in Folge Bundesliga spielen, egal mit welchem Tabellenrang auch immer, hätte wohl jeder bei uns gesagt: "Super, jetzt haben wir die Chance Schritt für Schritt etwas aufzubauen". Dass es aber so laufen würde, wie es nun gelaufen ist – nein, damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

bundesliga.de: Zur Saisoneröffnung kamen kürzlich 50.000, so viel, wie woanders vielleicht zu einer Meisterfeier. Überrascht Sie diese karnevaleske Begeisterungsfähigkeit noch?

Stöger: Nein. Das heißt aber nicht, dass es für mich Routine wäre und dass ich diese Begeisterung als selbstverständlich hinnehmen würde. Selbstverständlich ist es wunderbar, dass so viele Menschen so glücklich sind, dass wir in dieser Saison europäisch spielen dürfen. Überrascht bin ich aber heute nicht mehr. Denn die Leute sind auch in der Zweiten Liga zu uns gekommen, die Hütte war immer voll. Damals habe ich diesen Verein und sein Umfeld wirklich schätzen gelernt. Wenn es gut läuft, sind viele gerne bei einem Klub dabei, wenn es aber einmal nicht so gut aussieht, will man anderen Ortes vielleicht nicht ganz so viel damit zu tun haben. Die Menschen in Köln stehen aber immer zum FC und haben damit sehr großen Anteil an unserem jetzigen Erfolg. Das vergesse ich nicht.

Stöger: "Vor dem Start weißt du nie, wo du stehst"

bundesliga.de: Der Saisonstart steht nun kurz bevor. Was treibt einen Trainer um in den Tagen zuvor?

Stöger: Man macht sich mit seinen Trainerkollegen weniger Gedanken um die Formation, in der man die Spieler auf den Platz schicken wird, als darum, in welcher Verfassung einzelne Spieler mental und körperlich nach sechs Wochen Vorbereitung ist. Über diese Eindrücke spricht man permanent, wahrscheinlich jetzt viel mehr, als vor dem fünften oder sechsten Spieltag. Dann hat man bereits erste Erfahrungswerte. Vor dem ersten Spiel weißt du aber nie genau, wo du stehst. Da sind die Neuen, die du vielleicht noch nie unter echten Wettkampfbedingungen gesehen hast. Und du bist einfach nur froh, wenn es dann endlich losgeht.

"Die Leute sind auch in der Zweiten Liga zu uns gekommen, die Hütte war immer voll. Damals habe ich diesen Verein und sein Umfeld wirklich schätzen gelernt. Die Menschen in Köln stehen aber immer zum FC und haben damit sehr großen Anteil an unserem jetzigen Erfolg. Das vergesse ich nicht." Peter Stöger (1. FC Köln)

bundesliga.de: Am Ende der vergangenen Saison schienen Sie im Gegenteil froh, als alles erst einmal endlich vorbei war – oder täuschte damals der Eindruck?

Stöger: Nein. Der Eindruck stimmt schon. Das war eine sehr eigenartige Situation, wie ich sie zuvor noch nicht erlebt hatte. Mir war bewusst, dass wir für den Verein und die Fans etwas Außergewöhnliches erreicht hatten. Und letztlich ist die Bewertung der Saison mit dem Erreichen des fünften Platzes ja auch zu unseren Gunsten ausgefallen. Hätten wir das letzte Spiel gegen Mainz aber verloren und die anderen ihre Spiele vielleicht gewonnen, wären wir plötzlich Neunter statt Fünfter gewesen...

bundesliga.de: ...obwohl die tatsächliche Saisonleistung deshalb kaum schlechter gewesen wäre...

Stöger: In unserer Bewertung ein klares „Ja“! Die Bewertung durch Teile des Umfelds wäre aber wohl anders ausgefallen, das hatte sich schon zuvor angedeutet. Deshalb war ich einfach froh, dass es vorbei war. Zwei Tage später war aber schon wieder alles okay, und ich habe mich nun auch richtig freuen können. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass dieses Gefühl seltsam war, weil ich so noch nie zuvor empfunden hatte.

bundesliga.de: Mit welchem Gefühl gehen Sie nun in die Saison, nachdem es vier Jahre aufwärtsgegangen ist, und Stillstand von manch einem vielleicht als Rückschritt empfunden würde?

Stöger: Damit werden wir möglicherweise leben müssen. Für uns waren die vergangenen beiden Spielzeiten außergewöhnlich. Schon der neunte Platz 2016 war damals die beste Platzierung seit über 20 Jahren. Und die haben wir nun noch einmal toppen können. Wahrscheinlich muss man in den Zeiten von „Höher, Schneller, Weiter“ einfach akzeptieren, dass schnell Unzufriedenheit aufkommen kann.

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bundesliga.de: Wie kann man darauf reagieren?

Stöger: Wir müssen für uns bewerten, was realistisch ist und was nicht. In den vergangenen zwei Jahren haben wir Platzierungen erreicht, die zuvor ein Vierteljahrhundert lang nicht möglich waren. Da kann der Anspruch einerseits der sein, dass man solche Leistungen weiterhin erwartet – oder man akzeptiert andererseits, dass es in Zukunft auch wieder einmal schwieriger werden kann. Unsere Einschätzung ist, dass eine Top-Ten-Platzierung – das wäre das dritte Mal in Folge – außergewöhnlich gut wäre. Wir halten das für eine realistische Zielsetzung, selbst wenn manch einer das anders sehen mag. Das ist aber nicht tragisch. Denn wenn die Zielsetzung Top-Ten-Platz schon als Tiefstapelei empfunden wird, sagt das auch eine Menge darüber aus, was hier in den vergangenen Jahren erreicht wurde.

bundesliga.de: Vereine, die noch nie oder lange nicht international gespielt haben, hatten in der jüngeren Vergangenheit mit dieser Zusatzbelastung Schwierigkeiten. Sehen Sie hier eher ein physisches oder ein mentales Problem?

Stöger: Dass ein Spitzensportler körperlich in der Lage ist, alle drei Tage Höchstleistungen abzurufen, davon darf man ausgehen. Eher sehe ich ein Problem daran, sich mental auf diesen Rhythmus einzustellen. Das mag für die Spieler des FC Bayern München alltäglich sein, bei uns aber ist das für den einen oder anderen neu. Allerdings sehe ich kein Motivationsproblem in Bezug auf die Attraktivität der jeweiligen Gegner. Würde man am Donnerstag zum Beispiel im österreichischen Altach vor 15.000 Zuschauern spielen, warum sollte man am darauffolgenden Sonntag in Köln vor 50.000 Zuschauern weniger motiviert sein?!

"Es gibt keinen Trainer, der einen Schlüsselspieler bereitwillig abgibt"

bundesliga.de: Auf jeden Fall wird dem FC mit Anthony Modeste zunächst auch die Hälfte der in der vergangenen Saison erzielten Tore fehlen. Stimmt dennoch die von einigen Medien geäußerte Vermutung, dass Sie gar nicht so traurig sind, weil Sie das Spiel ohnehin weniger abhängig von einem einzigen Spieler anlegen wollen?

Stöger: Natürlich lässt sich viel spekulieren und interpretieren. Es gibt aber ganz sicher keinen Trainer, der einen Schlüsselspieler bereitwillig abgibt. Ich war zum Beispiel total happy, als Jonas Hector verlängert hat – aber ich hätte ebenso verstanden, hätte er eine andere Herausforderung annehmen wollen. Grundsätzlich bemühe ich mich, die Dinge sehr nüchtern zu betrachten. Und es war für mich bereits früh klar, dass der Wechsel von Tony Modeste für den Spieler, aber auch für den 1. FC Köln zwangsläufig sein würde. Trotzdem stimmt es natürlich, dass wir uns flexibler aufstellen wollen. Aber das wäre mit Tony Modeste auch möglich gewesen.

Ich sehe kein Motivationsproblem. Würde man am Donnerstag zum Beispiel im österreichischen Altach vor 15.000 Zuschauern spielen, warum sollte man am darauffolgenden Sonntag in Köln vor 50.000 Zuschauern weniger motiviert sein?! Peter Stöger (1. FC Köln)

bundesliga.de: Wie soll dieses Mehr an Flexibilität aussehen?

Stöger: Sollten wir in der neuen Saison weniger Tore schießen als bisher, wird man es darauf zurückführen, dass Tony Modeste fehlt. Wäre er geblieben, würde aber nicht mehr so oft treffen, müssten wir uns die Frage gefallen lassen, wie das sein kann nach der erfolgreichen vergangenen Saison. Dabei müsste eigentlich jedem klar sein, dass wir ohnehin nicht erneut 25 Tore von ihm hätten verlangen können. Vielmehr müssen wir sehen, dass wir die Trefferzahl im Idealfall jetzt verteilen. Zwar sagt man das als Trainer so leicht dahin, jeder weiß aber auch, dass die Umsetzung sehr schwierig sein kann.

bundesliga.de: Setzen Sie darauf, dass neben dem neu verpflichteten Jhon Cordoba auch Sehrou Guirassy in die Bresche springen wird, der nach seiner langen Verletzungszeit beinahe ebenfalls beinahe als Neuzugang gelten darf?

Stöger: Ich möchte niemanden miteinander vergleichen. Wir glauben aber in der Tat, dass wir mit Jhon Cordoba einen Spieler verpflichtet haben, der über Tore hinaus sehr viel in unser Spiel einbringen kann. Und Sie haben Recht in Sachen Sehrou Guirassy: Bei ihm hoffen wir darauf, dass er jetzt über längere Zeit gesund bleibt. Alles in allem glaube ich, dass wir einen sehr guten Job gemacht haben. Und mein Eindruck ist, dass auch andere das so sehen, da wir in den letzten Jahren schon häufiger Abgänge oder Ausfälle von Leistungsträgern kompensieren konnten.

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bundesliga.de: Die zunehmende Zahl junger Franzosen in der Bundesliga fällt auf: so haben u. a. der FC Guirassy, Gladbach Cuisance und der BVB Zagadou. Was macht die Bundesliga so attraktiv für junge Franzosen und umgekehrt?

Stöger: Ich sehe die jungen Franzosen fußballerisch auf einem sehr guten Level, die Ligue 1 ist eine technisch sehr starke Liga. Für die Franzosen wiederum ist es sehr spannend, sich in der Bundesliga präsentieren zu können. Hier stehen Sie im Rampenlicht, und das, was sie leisten, wird Woche für Woche auch international wahrgenommen. Das ist ein großer Anreiz. Die deutsche Sprache, die für Franzosen sehr schwierig zu lernen ist, ist es ganz sicher nicht. (lacht)

"Du bist gleich voll drin in der Saison"

bundesliga.de: Der FC setzt grundsätzlich auf sehr junge Spieler, von denen viele ihre Erstliga-Tauglichkeit aber längst nachgewiesen haben. Werden Spieler heute immer schneller erwachsen?

Stöger: Ja. Ich denke, dass sich diesbezüglich tatsächlich viel geändert hat. Zu meiner aktiven Zeit gab es einige wenige außergewöhnliche Fußballspieler, die es bereits sehr jung geschafft haben. Die aber waren in erster Linie im fußballerischen Bereich so gut entwickelt, dass sie im Spiel häufig Lösungen finden konnten. Heute wäre das so nicht mehr möglich, alleine mit fußballerischen Mitteln wäre man nicht mehr in der Lage, dagegenzuhalten. Heute sind viele schon mit 17 körperlich so gut entwickelt, dass sie mithalten können. Das bedeutet aber auch, dass man mit 30 plus bisweilen schon als alter Sack gesehen wird, während früher die entsprechende Routine im Vordergrund stand. Wie auch immer, ich bin heilfroh, dass ich noch immer auf einen so alten Sack wie "Matze" (Matthias; d. Red.) Lehmann bauen darf. (lacht)

© gettyimages / T-F-Foto

bundesliga.de: Lehmann ist einer von denen, die den Weg aus der 2. Bundesliga bis in den Europa-Pokal mitgegangen sind und bereits einige Rhein-Derbys gegen Borussia Mönchengladbach gespielt hat. Kommt für Sie dieser Höhepunkt zu früh?

Stöger: Nein. Mir passt das sehr gut. Das bedeutet, dass du gleich voll gefordert wirst und schon nach dem ersten Spiel weißt, was los ist. Und entweder laufen danach alle tanzend durch Köln, oder sie werden wahnsinnig frustriert sein. So oder so – auf jeden Fall bist du gleich voll drin in der Saison.

Das Gespräch führte Andreas Kötter