Gelsenkirchen - Statt eines rauschenden Europapokal-Abends gab es lange Gesichter: Schalke 04 steht nach der 2:4-Heimniederlage gegen Athletic Bilbao vor dem Aus. Während die Spieler mit der verpassten Chance haderten, suchte der Manager nach Erklärungen.

Lewis Holtby winkte nur müde ab, als er nach dem Spiel an den wartenden Journalisten vorbeikam. Bloß keine Fragen. Raul, zweifacher Torschütze und im Viertelfinal-Hinspiel der Europa League gegen Bilbao auch Kapitän seiner Elf, hatte es ganz eilig und stürmte stumm vorüber. Nichts wie weg.

Also war es dem Manager vorbehalten, die passenden Worte zu finden nach einem Abend, der für Schalke schlecht begann, sich zum Guten wendete und dann doch ganz übel endete. Horst Heldt sprach nach der Partie über Schockzustände und Kopflosigkeit, bittere Momente und kleine Wunder. Außerdem richtete er den Blick voraus - schon am Sonntag ist Schalke wieder in der Bundesliga gefordert.

Frage: Horst Heldt, das war eine unnötige Niederlage.

Horst Heldt: Wir haben das Spiel nach dem frühen Rückstand gedreht, sind 2:1 in Führung gegangen und haben zu diesem Zeitpunkt eigentlich sehr gut gespielt. Bilbao ist eine gute Mannschaft, aber wir waren in dieser Phase absolut auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir dann ein bisschen mit dem Gefühl weitergespielt, dass wir so wie zuletzt gegen Twente Enschede auch gleich das dritte Tor nachlegen. Also haben wir weiter nach vorne gespielt und uns dabei durch den Eckball den Ausgleich eingefangen.

Frage: War die Mannschaft von diesem Ausgleich so irritiert?

Heldt: Da waren wir im Schockzustand. Dieses Tor hat uns umgeworfen. Damit hat sowohl im Stadion als auch auf dem Platz überhaupt keiner gerechnet. Das hat uns gelähmt. Wir haben im Anschluss die Ordnung verloren und nicht mehr unsere Linie beibehalten. Dann haben wir wieder gedacht, wir müssten schnell die 3:2-Führung herausschießen und sind noch einmal bitter bestraft worden.

Frage: Was ist in dieser Phase schief gelaufen?

Heldt: Wir waren nicht mehr diszipliniert. Vorne haben sich die Stürmer wund gelaufen und hinten sind wir nicht mehr richtig heraus gekommen. Dadurch waren die Lücken viel zu groß, weil wir in der Breite und in der Tiefe zu weit auseinander standen. Wir haben keinen Zugriff mehr gehabt. Und Bilbao hat Super-Fußballer, die das ausgenutzt haben. Wir haben einfach ohne Kopf gespielt, obwohl wir es zuvor bis zum 2:2-Ausgleich sehr gut gemacht hatten.

Frage: Auch nach der erneuten Führung der Spanier waren noch Chancen zum Ausgleich da.

Heldt: Das stimmt, selbst da hätten wir noch ein Unentschieden erreichen können. Aber das ist uns auch nicht gelungen, stattdessen haben wir sogar noch das vierte Tor kassiert. Das war so etwas wie der Todesstoß. Das war in der Tat eine Niederlage, die nicht nötig gewesen ist und die man hätte vermeiden können. Es hat nicht viel gefehlt, um dieses Spiel zu gewinnen. Darum ist es auch besonders ärgerlich.

Frage: Wollte Schalke vielleicht zu viel? War das der entscheidende Fehler?

Heldt: Wenn man gegen eine Mannschaft wie Athletic Bilbao individuelle Fehler macht und auch im Verbund nicht mehr die Ordnung hält, dann wird das auf diesem Niveau entsprechend bestraft. Genau das haben wir dieses Mal erleben dürfen. Und das ist bitter und heftig für uns.

Frage: Hatten Sie den Eindruck, dass die Mannschaft auch durch die Verletzung von Timo Hildebrand und den Torwartwechsel zur Pause verunsichert war?

Heldt: Nein, das Gefühl hatte ich nicht. Wir haben das Spiel nach der Pause gedreht und sind in Führung gegangen. Diese Situation haben wir also ganz gut hinbekommen. Grundsätzlich ist es aber bitter, dass Timo sich jetzt auch noch verletzt hat. Jetzt steht schon der vierte Torhüter im Kasten, und das in einer Saison. Langsam müssen wir mal schauen, wen wir überhaupt noch im Verein haben, der Handschuhe hat. Das ist nicht mehr schön und zusätzlich ein bitterer Moment.

Frage: Bitter war dieser Abend besonders wohl auch für Raul - er hatte es nach dem Spiel besonders eilig, aus dem Stadion zu kommen.

Heldt: Raul hat toll gespielt und zwei tolle und auch wichtige Tore gemacht. Dazu war er Kapitän der Mannschaft. Gerade für ihn ist es ein bitterer Augenblick, unter diesen Bedingungen ausgerechnet gegen eine spanische Mannschaft zuhause noch 2:4 zu verlieren. Dass er besonders enttäuscht ist, lässt sich nachvollziehen. Er kennt auch wie kein anderer von uns das Stadion in Bilbao und weiß, wie schwer es dort für uns wird.

Frage: Es muss ein Fußballwunder her, damit Schalke im Rückspiel doch noch den Sprung ins Halbfinale schaffen kann. Wie schätzen Sie die Ausgangslage ein?

Heldt: Wir stehen jetzt zunächst vor der Aufgabe, diesen enttäuschenden Abend nicht mitzunehmen in die Bundesliga. Das gilt es auf jeden Fall zu vermeiden. Wir müssen dieses Ergebnis abschütteln und am Sonntag gegen Hoffenheim wieder präsent sein. Das wird unsere große Herausforderung sein. Und dann fahren wir in der nächsten Woche nach Bilbao und werden versuchen, ein ordentliches Spiel abzuliefern. Ich bin kein Freund von Situationen, in denen man einfach etwas herschenkt. Wir müssen auch in Bilbao versuchen, uns gut zu präsentieren. Dass es schwer wird, das Ergebnis noch zu drehen, ist keine Frage. Aber im Fußball gibt es immer wieder Wunder und Momente, mit denen man nicht rechnet. Die brauchen wir im Rückspiel.

Frage: Sollte man jetzt nicht die Europa League besser schon abhaken und sich ganz darauf konzentrieren, den 3. Platz in der Bundesliga und damit die direkte Qualifikation für die Champions League zu verteidigen?

Heldt: Natürlich wollen wir diesen Platz halten! Und am wichtigsten ist jetzt die Liga! Aber wir müssen uns trotzdem immer ordentlich präsentieren. Wir sind ein großer Verein und wir haben auch eine Verantwortung. Auch unseren Fans gegenüber, die uns auch in Bilbao unterstützen werden. Natürlich müssen wir den Fokus jetzt auf die Bundesliga legen und das werden wir am Sonntag auch tun. Aber dann müssen wir sehen, wie wir mit dem Spiel in Bilbao umgehen. Ich möchte, dass wir da ordentlich auftreten und intensiv zu Werke gehen. Das gehört sich einfach so!

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte