Hamburg - Nach dem glanzvollen Gewinn der Champions League waren die Kritiker skeptisch. Würde der FC Bayern nach einer so vollkommenen Saison mit dem neuen Trainer Pep Guardiola das Niveau auf internationalem Parkett halten können? Waren die Fußball-Demonstrationen gegen den FC Barcelona, mit den 4:0- und 3:0-Siegen, überhaupt noch einmal zu toppen? Nach der Hinrunde der Gruppenphase können diese Fragen fast schon zweifelsfrei beantwortet werden: Ja, sie können - und sogar noch mehr.

Mit drei Siegen und einem Torverhältnis von 11:1 spielen die Münchner in der "Königsklasse" die beste Vorrunde ihrer Vereinsgeschichte. Aktuell haben nur Paris St. Germain und Real Madrid eine bessere Ausbeute. Aber das auch nur, weil der deutsche Rekordmeister beim 5:0 gegen Viktoria Pilsen fast schon fahrlässig einen höheren Kantersieg vergeben hatte.

Defensive sattelfest



Zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison sah das ganze unter Coach Jupp Heynckes noch nicht so rosig aus. Schon am 2. Spieltag gab es mit einem 1:3 bei Außenseiter BATE Borisov eine kalte Dusche. Zwei hart erkämpfte Siege gegen Lyon und Valencia rückten das Bild in der Gruppe wieder einigermaßen gerade. Mit sechs Punkten und gerade einmal 4:4 Toren war ein Weiterkommen aber noch lange nicht gesichert.

Zumal sich die Defensive damals alles andere als sattelfest erwies. Bei 26 zugelassenen Torschüssen zappelte fast jeder siebte im Netz von Manuel Neuer. In dieser Spielzeit ließen Dante, Jerome Boateng und Co. nur 19 Versuche des Gegners zu - so wenige wie kein anders Team. Lediglich Manchesters Alvaro Negredo schaffte es beim 1:3, Neuer zu bezwingen.

Mehr Offensive, mehr Pressing, mehr Ballbesitz



Was hinten weniger wurde, wurde vorne mehr. Die Bayern schießen aus allen Lagen - und treffen im Durchschnitt ebenfalls mit jedem siebten Versuch. 77 Torschüsse, das ist der Höchstwert in der Gruppenphase.

Dass der FCB sich überhaupt diese Vielzahl an Chancen erarbeitet, liegt vor allem am neuen System von Guardiola. Noch mehr Offensive, noch mehr Pressing, noch mehr Ballbesitz.

Und wenn dann fast jeder Pass sitzt, dann sehen die Kontrahenten auf dem Platz oftmals nur wie Statisten aus. Die Münchner haben in dieser Saison ihre Fehlpassquote von elf auf lediglich acht Prozent reduziert, den Ballbesitz von 58 auf 67 erhöht.

Mit Sieg zum Barca-Rekord



Statistiken, die in Madrid, Barcelona, Manchester und bei allen anderen Favoriten auf den Titel wohl Bauchschmerzen hervorrufen. Nach dem Hinspiel gegen hoffnungslos unterlegene Pilsener dürften sich die Zahlen am Dienstagabend im Rückspiel wahrscheinlich noch einmal verbessern.

Ein Erfolg wäre der neunte Sieg in der Champions League in Serie. Damit wäre ein weiterer Rekord zumindest eingestellt. Denn dieses Kunststück gelang zuvor nur dem FC Barcelona in der Saison 2002/03.

Aber vielleicht gibt es für die Gegner auch einen Strohhalm der Hoffnung. Denn einen "Makel" gibt es in dieser Bayern-Saison der Superlative: Die Zweikampfquote hat sich von 56 Prozent gewonnener Duelle auf 53 verringert.

Michael Reis