Köln - Der Capitano geht endgültig von Bord: Michael Ballack hat seine Karriere beendet. Per achtzeiliger Pressemitteilung seiner Anwaltskanzlei verabschiedete sich der frühere Kapitän der Nationalmannschaft am Dienstag still und heimlich als Unvollendeter in den Ruhestand. Ballack geht als einer der besten Spieler in die deutsche Fußball-Geschichte ein, der nie einen internationalen Titel gewonnen hat.

Ein bisschen Wehmut konnte die legendäre Nummer 13 dann auch in den Zeilen zum Abschied nicht verbergen. "Mit 36 Jahren blicke ich auf eine lange und wunderbare Zeit im Profifußball zurück, von der ich als Kind nie zu träumen gewagt hätte", teilte Ballack mit: "Sicher wird es mir fehlen, nicht mehr vor 80.000 Fans zu spielen oder ein Tor zu schießen. Die letzten Monate ohne aktiven Fußball haben mir aber gezeigt, dass die Zeit reif ist, aufzuhören." Im Sommer war sein Vertrag bei Bayer Leverkusen nicht mehr verlängert worden.

"Freue mich auf ein neues Kapitel"



98 Länderspiele hat der "Capitano" bestritten, den Eintritt in den Hunderter-Club verhinderte der Streit mit Bundestrainer Joachim Löw um seinen Stellenwert in der Nationalmannschaft. Seinen letzten Auftritt mit dem Adler auf der Brust absolvierte er am 3. März 2010 in München gegen Argentinien (0:1). Von seiner Topform war der dreimalige Fußballer des Jahres (2002, 2003, 2005) da schon meilenweit entfernt.

"Ich freue mich jetzt auf ein neues Kapitel in meinem Leben und danke meiner Familie und all den großartigen Menschen, die mich gefördert, gefordert, begleitet und unterstützt haben. Sie alle haben großen Anteil an meinem Erfolg", ließ Ballack mitteilen.

Was genau er beruflich nun anstrebt, ließ er offen. Während der EM in Polen und der Ukraine hatte er beim US-Sender ESPN als TV-Experte, eloquenter Analyst und Insider überzeugt. "Fußball war mein Leben lang ein wichtiger Bestandteil. Es ist daher unwahrscheinlich, dass ich dem Fußball komplett den Rücken kehren werde", hatte Ballack kurz vor der EM erklärt.

Im WM-Finale 2002 gesperrt



Er gab sich keine Mühe zu verbergen, dass ihm die Fußballwelt schon da fremd geworden war. Nicht zuletzt die Entmachtung in der Nationalmannschaft, in der ihn Philipp Lahm als Kapitän ablöste, machte dem "Alphatier" Ballack schwer zu schaffen. "Zu Beginn meiner Profikarriere waren manche Dinge einfach selbstverständlich. Da gab es feste Hierarchien, auf dem Platz, aber auch im Alltag. Das gilt heutzutage nicht mehr als zeitgemäß", sagte er.

Mit dem 1. FC Kaiserslautern (1998) und Bayern München (2003, 2005, 2006) wurde er deutscher Meister, 2010 holte er mit dem FC Chelsea seine letzten Titel (Meisterschaft und FA-Cup). Doch es sind vor allem die bitteren Stunden, die hängenbleiben. Bei der WM 2002 schoss der überragende Ballack die DFB-Elf mit seinem Treffer zum 1:0 im Halbfinale gegen Co-Gastgeber Südkorea ins Finale, das er wegen einer Gelbsperre verpasste. Bei einem Konter der Asiaten hatte er sich geopfert und ein taktisches Foul begangen. Nach dem Sommermärchen 2006 verhinderte eine Verletzung 2010 seine dritte WM-Teilnahme. Kevin Boateng hatte ihn im FA-Cup-Finale gegen den FC Portsmouth brutal umgetreten.

Die Führungsriege des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) würdigte Ballacks Verdienste für die Nationalmannschaft und den Fußball allgemein. "Er war ein außergewöhnlicher Spieler, der für den DFB und den Stellenwert des gesamten deutschen Fußballs enorm viel geleistet hat", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: "In der Nationalmannschaft hat er über viele Jahre herausragende Leistungen gezeigt, unvergessen bleibt dabei für uns alle insbesondere die WM 2002 in Japan und Südkorea. Es wäre schön, wenn Michael mit seiner großen Erfahrung dem Fußball erhalten bleibt, in welcher Funktion auch immer." Auf ein Abschiedsspiel in der DFB-Elf - im August 2011 gegen Brasilien sollte er noch einmal auflaufen dürfen - verzichtete der stolze Ballack, der sich später mit Löw versöhnte.

77 Tore in 267 Ligaspielen



Der Bundestrainer nannte Ballack am Dienstag einen "großen Fußballer, der auf der ganzen Welt bekannt ist". In der Nationalmannschaft habe er "Michael stets als Stütze und sehr guten Spieler mit überragenden Qualitäten schätzen gelernt". Für die Zukunft wünsche ihm "die gesamte Nationalmannschaft inklusive der Betreuer alles Gute". Auch am 21. Mai 2008 gingen Bilder des weinenden Michael Ballack um die Welt. Mit dem FC Chelsea verlor er das Finale in der Königsklasse in Moskau gegen Manchester United im Elfmeterschießen und kauerte danach fassungslos im strömendem Regen auf dem Rasen im Luschniki-Stadion. Schon 2002 hatte Ballack mit Bayer Leverkusen in Glasgow gegen die Königlichen von Real Madrid ein Champions-League-Finale verloren (1:2).

Am 19. September 1997 war der Stern des gebürtigen Görlitzers mit seinem ersten Bundesliga-Spiel für den 1. FC Kaiserslautern gegen den Karlsruher SC aufgegangen. Damals musste er unter dem Trainer Otto Rehhagel noch häufiger mit der Ersatzbank vorliebnehmen - das sollte sich schnell ändern. Mit seiner hervorragenden Technik, einer beeindruckenden Präsenz und seinem sehr guten Auge avancierte Ballack zu einem der besten und torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas.

Am 28. April 1999 gegen Schottland debütierte er in der Nationalmannschaft, in seinen 98 Spielen traf er 42-mal. Auch seine 77 Tore in 267 Ligaspielen dokumentieren seine Durchschlagskraft vor des Gegners Tor eindrucksvoll. Doch selbst seine Torgefahr ging ihm bei seiner letzten Station in Leverkusen verloren.