München - Das EM-Halbfinale aus den Köpfen, die WM-Endrunde in die Köpfe: In seinem 100. Länderspiel als Bundestrainer will Joachim Löw mit der Nationalmannschaft am Freitagabend in Mailand gegen Angstgegner Italien ein deutliches Zeichen setzen. "Bei Turnieren waren sie unser Angstgegner, diesmal sind sie mein absoluter Wunschgegner. Wir fahren nicht mit Angst, sondern mit Respekt nach Italien", sagte der Bundestrainer einen Tag vor dem Abflug in die italienische Modemetropole.

"Sie werden uns alles abverlangen. Aber wir können uns beweisen und etwas mitnehmen, was uns für die Zukunft hilft", sagte Löw mit Blick auf die WM-Endrunde 2014 an der Copacabana, wo auch für den 53-Jährigen eine Menge auf dem Spiel steht. "Es ist logisch, dass ein Titel für einen Trainer wahnsinnig viel bedeutet. Das ist aber nicht selbstverständlich. Wir streben einen Titel an und arbeiten daran. Wer aber behauptet, dass nur Deutschland einen Titel holen kann, der ist ein Märchenerzähler", unterstrich Löw, dem trotz seines imponierenden Punkteschnitts bislang ein Turniersieg verwehrt blieb.

"Das Spiel ist verarbeitet und abgehakt"



208 Tage vor dem WM-Start in Brasilien soll aber zunächst mal das 18 Jahre anhaltende Italien-Trauma beendet werden. "Ich denke, dass die Halbfinal-Niederlage aus den Köpfen raus ist. Als Spieler muss man auch schmerzliche Niederlagen verkraften können. Das haben wir gemacht, das Spiel ist verarbeitet und abgehakt, deshalb betrachten wir das Spiel am Freitag auch nicht als Revanche", versicherte Löw.

Erinnerungen an die bittere 1:2-Pleite gegen die Azzurri im Juni vergangenen Jahres in Warschau könnten aber nicht ausgeschlossen werden, vor allem wenn Italiens Matchwinner und Tor-Gespenst Mario Balotelli am Freitagabend in San Siro wieder seine Muskeln spielen lässt. "Ich kann nicht abschätzen, was in den Köpfen der Spieler abläuft. Aber grundsätzlich glaube ich nicht, dass sie dieses Spiel noch beeinflusst", sagte Löw.

Auch grundsätzlich will Löw nichts von einem Italien-Komplex wissen. "Die Italiener haben auch vor uns Respekt. Sie wissen, dass wir sie auch schlagen können. Und irgendwann geht jede Serie mal zu Ende", sagte der Bundestrainer in Anbetracht der Tatsache, dass die DFB-Auswahl seit 1995 auf einen Sieg gegen die Azzurri wartet und nur sieben von 31 Partien gegen den viermaligen Weltmeister gewinnen konnte.

Reus optimistisch



Auch Wolfgang Niersbach erwartet in Mailand die passende Antwort der deutschen Mannschaft. "Die Italiener haben uns jetzt schon ein paar Mal geärgert, wenn ich an die letzten Jahre denke. Es wird Zeit, dass sich das dreht. Es ist kein Wettbewerb, aber es geht um Prestige und Ehre", sagte der DFB-Präsident.

Marco Reus unterstreicht für die Profis, dass sie völlig unbelastet in die Partie gehen. "Ich kann mit solchen Begriffen wie Angstgegner nicht viel anfangen. Das Spiel am Freitag hat mit dem EM-Halbfinale 2012 nichts zu tun", sagt der Dortmunder und fügte hinzu: "Aber es ist ein wichtiges Spiel, und wenn wir es gewinnen, dann ist diese Serie ohne Sieg auch vergessen. Aber das ist nur ein Nebeneffekt."

Für Löw wäre es bei dessen Jubiläum ein sehr schöner Nebeneffekt. "Ich messe der 100 keine allzugroße Bedeutung zu", sagte der 53-Jährige erneut und sprach lieber von "Dankbarkeit" gegenüber dem Verband, Niersbach, seinem Trainer- und Betreuerteam, Manager Oliver Bierhoff und vor allem den Spielern: "Ohne die Spieler hätte ich diese Zahl nicht geschafft. Bastian, Philipp, Lukas oder auch Miro, die diese lange Zeit mit mir gegangen sind, bin ich zu Dank verpflichtet. Ich habe eine großartige Mannschaft, die immer alles gibt - für ihr Land und auch für ihren Trainer."

Schöne Erinnerungen an Argentinien-Spiel



Löw muss in seinem Jubiläumsspiel aber einmal mehr improvisieren, da sowohl Torjäger Miroslav Klose (Schulter) als auch Innenverteidiger Per Mertesacker (Grippe) für den Klassiker ausfallen. Dafür könnte Mesut Özil, der nach auskurierter Erkältung mit zwei Tagen Verspätung am Mittwochmittag im Münchner Teamquartier eintraf, gegen Italien wieder zur Verfügung stehen. "Ich hoffe, dass er beim Abschlusstraining wieder voll mitmachen kann", sagte Löw, der ankündigte, dass im Angriff entweder Max Kruse oder Mario Götze für Klose spielen werden.

Löw selbst zog vor dem Abflug in die Lombardei noch ein kurzes Resümee seiner bisherigen Arbeit. Das 0:1 im EM-Finale 2008 gegen Spanien sei die bislang bitterste Niederlage als Bundestrainer gewesen. Dagegen erinnert er sich gerne an das WM-Viertelfinale 2010, als man Argentinien mit Superstar Lionel Messi mit 4:0 demütigte. So ein Spiel wünscht sich der Jubilar auch für Freitag.

Die voraussichtliche deutsche Mannschaftsaufstellung:



Neuer - Lahm, Boateng, Hummels, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Götze, Reus - Kruse (Götze)