München - Am Samstag trifft Werder Bremen in der Bundesliga auf Borussia Mönchengladbach. Die "Fohlen" sind nach sieben Spieltagen Zehnter, Bremen Zwölfter - ein "richtungsweisendes Spiel" für die Kontrahenten. So sieht es der ehemalige Bremen- und Gladbach-Profi Uli Borowka (239 Bundesliga-Spiele für Bremen, 149 für Gladbach) im Interview mit bundesliga.de.

Der 50-Jährige spricht über das Spiel seiner Ex-Clubs und die "Typen-Problematik" im Bremen. Außerdem äußert sich der Ex-Nationalspieler zur Führungsspieler-Diskussion im deutschen Fußball.

bundesliga.de: Herr Borowka, am Samstag treffen Ihre durchwachsen gestarteten Ex-Clubs Bremen und Gladbach aufeinander. Wo werden Sie die Begegnung verfolgen?

Uli Borowka: Ich habe eine Einladung bekommen und werde nach vielen Jahren mal wieder ins Weser-Stadion gehen.

bundesliga.de: Sie selbst haben als Aktiver oft mit Bremen gegen Mönchengladbach gespielt. Ist Ihnen dabei ein Spiel besonders in Erinnerung geblieben?

Borowka: Nach meinem Wechsel von Gladbach zu Werder waren die Duelle für mich sehr aufreibend, weil es eben gegen den Ex-Club ging. Jedes einzelne dieser Spiele war für mich verdammt wichtig. Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass wir die Hälfte dieser Spiele gegen die "Fohlen" gewonnen, aber eben auch oft eine Niederlage kassiert haben.

bundesliga.de: Gladbach steht auf Rang 10, Bremen zwei Plätze dahinter. Wie sehen Sie die Ausgangslage vor dem Spiel am Samstag?

Borowka: Aufgrund der letzten Ergebnisse, die sowohl für Gladbach als auch für Bremen unbefriedigend waren, sehe ich keinen klaren Favoriten. Beide müssen noch in die Spur finden, haben sich viel mehr erhofft. Am Ende muss man deutlich sagen, dass es nur ein mittelmäßiger Start beider Vereine in die Saison war. Es ist somit ein Duell auf Augenhöhe im unteren Mittelfeld.

bundesliga.de: Gerade in letzter Zeit musste Bremen immer wieder sogenannte "Typen" ersetzen wie Torsten Frings vor zwei Jahren oder Tim Wiese und Claudio Pizarro vor dieser Spielzeit. Fehlen Werder im Moment solche Charakterköpfe, wie auch Sie früher einer waren?

Borowka: Ja, definitiv. Die drei genannten waren echte Typen, die der Mannschaft gut getan haben. Der aktuelle Kapitän Clemens Fritz hat für mich in den ganzen Spielen nicht zeigen können, dass er vorneweg marschiert. Jeder Mannschaft tun ein paar "Drecksäcke" gut, einer wie es früher Stefan Effenberg war. Solche Charaktere fehlen momentan in Bremen.

bundesliga.de: Zwei Spieler, die zumindest durch ihre extrovertierte Spielweise polarisieren, sind Eljero Elia und Marko Arnautovic. Was halten Sie von den beiden?

Borowka: Sie haben sicher nicht diese "Drecksack-Mentalität", sondern ganz andere Qualitäten. Würden sie ihre Fähigkeiten einbringen, wären sie ein riesiger Gewinn für Werder. Bislang haben Elia und Arnautovic ihre Genialität aber nur gelegentlich aufblitzen lassen, das ist zu wenig, die Konstanz fehlt. Bei Arnautovic, der schon länger bei Werder ist, sehe ich zwar super Ansätze, doch in der Bundesliga kann man es sich nicht leisten, in einem Spiel top zu sein, dann wieder schlecht und im dritten Spiel eine durchwachsene Leistung zu bringen. So wird er es schwer für ihn, sich dauerhaft durchzusetzen.

bundesliga.de: Vor einiger Zeit hat Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn eine Führungsspielerdiskussion ausgelöst, als er Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm harsch kritisierte, den Mangel an Führungspersonal und Siegermentalität im deutschen Fußball anprangerte. Wie sehen Sie die Situation?

Borowka: Jede Mannschaft braucht eine Hackordnung. In der Truppe müssen Typen sein, die vorwegmarschieren, dem Rest die Richtung vorgeben, eben Leute, an denen sich jüngere Spieler auch orientieren können. Aber: Ein Führungsspieler darf nicht nur durch Worte auffallen, sondern durch Leistung. Spielt einer gut, darf er auch etwas sagen. Im Moment ist es aber genau umgekehrt - alle reden, aber nur wenige bringen wirklich kontant Leistung.

bundesliga.de: Die heutige Spielergeneration scheint auch charakterlich angepasster zu sein, fast schon lieb. Sie haben stattdessen zu Ihrer aktiven Zeit schon mal die verbale Keule bevorzugt. Das hört man heute kaum noch.

Borowka: Egal ob angepasst oder nicht - es geht zuerst mal um die Leistung der Spieler, weniger um den Charakter. Wenn jemand gut spielt, kann er auch mal etwas Kritisches sagen. Doch viele scheitern schon daran, gute Spiele abzuliefern.

bundesliga.de: Sie selbst haben jahrelang konstant gespielt, sogar als sie bereits alkoholabhängig waren. Wie haben Sie diese Balance geschafft, dass Sie einerseits mit diesem Problem kämpften und andererseits als Fußballprofi funktionierten?

Borowka: Mein Glück war die physische Stärke. Der Körper hat die Giftstoffe schnell wieder abgebaut, gerade darüber bin ich heute sehr froh. Ehrlich gesagt wundere ich mich immer noch selbst, dass es als Fußballer trotz meiner Sucht so gut geklappt hat. Natürlich ging es in dieser Phase auch nur über unbändigen Willen und Ehrgeiz.

bundesliga.de: Ihr damaliger Trainer in Bremen Otto Rehhagel wusste von Ihrem Problem. Wie ging er damit um?

Borowka: Ihm waren letztendlich genauso die Hände gebunden wie meiner damaligen Frau durch ihre Co-Abhängigkeit (gemeint sind Bezugspersonen eines Suchtkranken, die durch ihr Tun oder Unterlassen die Sucht vorantreiben, Anm. d. Red.). In dieser Zeit habe ich immer nur mich gesehen, keine andere Meinung zugelassen, obwohl mir mein Umfeld helfen und mich beschützen wollte. Wenn mich jemand auf mein Alkoholproblem aufmerksam machte, habe ich diese Menschen beschimpft, sie vergrault, damit sie mich in Ruhe lassen. Ich als Alkoholiker habe Nichts und Niemanden an mich rangelassen. Dadurch musste mein Umfeld ohnmächtig zusehen, wie ich immer weiter in die Sucht hineingeriet.

bundesliga.de: Durch die geringere Medienpräsenz in der damaligen Zeit konnten Sie ihr Geheimnis lange für sich behalten. Wäre diese Vorgehensweise in der heutigen Medienwelt überhaupt noch machbar?

Borowka: Nein. Die Medienpräsenz hat sich atemberaubend schnell entwickelt. Zu meiner Bremer Zeit haben wir abends oft Geburtstage von Mitspielern gefeiert. Da wurde gegessen und getrunken und jeder Spieler ging dann nachhause, wenn er es für richtig hielt. Das wäre heute undenkbar, denn vor dem Restaurant lauern schon fünf Kamerateams und Journalisten, die nur darauf warten, dass der ein oder andere Spieler ein Bierchen zu viel getrunken hat. Geht heute ein Spieler am Mittwoch mit der Familie essen, wird er schon als unprofessionell abgestempelt, weil er am Samstag ein Spiel hat. Heutzutage würde ich mir gut überlegen, ob ich als Profi überhaupt rausgehen würde.

bundesliga.de: Am Samstag gehen Sie sicher raus - ins Weser-Stadion. Welchem Ihrer Ex-Clubs drücken Sie die Daumen?

Borowka: Es hört sich gekünstelt an, aber beide Vereine habe ich in meinem Herzen. Sowohl Bremen als auch die Borussia sind jetzt an einem Punkt, an dem sie sich nicht mehr viel erlauben können. Der Verein, der am Wochenende das Meiste investiert, um jeden Meter kämpft, wird das Spiel gewinnen.

bundesliga.de: Gibt es von Ihnen auch einen Tipp?

Borowka: Ein Unentschieden wäre in diesem richtungsweisenden Spiel eigentlich für beide Clubs zu wenig, aber ich tippe trotzdem auf ein unterhaltsames 3:3.

Das Gespräch führte Christoph Gailer

Kürzlich erschien die Biografie von Uli Borowka ("Volle Pulle - Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker"). Der Ex-Bundesligaprofi (388 Einsätze für Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen) schildert darin seine Erfahrungen als Alkoholabhängiger. Im Jahr 2000 unterzog sich Borowka einer viermonatigen, stationären Therapie, wodurch ihm der Ausstieg aus der Alkoholsucht gelang. Heute ist der 50-Jährige trockener Alkoholiker, leitet seit 2007 seine eigene Sportmarketing-Agentur.

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