Zusammenfassung

  • Der Nationalspieler benennt die Gründe für die Auftaktniederlage

  • Werner: "Man sollte nicht erwarten, dass wir ab jetzt jede Saison Vizemeister werden"

  • Seine Konzentration gilt ganz dem Fußball und RB Leipzig

Leipzig - Nach der Auftaktniederlage gegen Schalke meldete sich RB Leipzig beim 4:1-Sieg gegen Freiburg mit Pauken und Trompeten zurück. Erfolgsgarant war wieder einmal Stürmer Timo Werner mit einem Doppelpack. Im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Nationalspieler über über bevorstehenden Aufgaben in der Champions League und die damit verbundene Mehrbelastung sowie darüber, warum er jungen Fußballern unbedingt dazu rät, einen Schulabschluss zu machen.

bundesliga.de: RB Leipzig ist eine sehr junge Mannschaft, die in ihrer ersten Bundesliga-Saison dennoch kaum Anpassungsschwierigkeiten hatte. Wie erklärt sich das?

Werner: Wahrscheinlich hatten uns nur die Allerwenigsten für ganz oben auf dem Zettel. Wir aber wussten, dass wir über richtig viel Qualität und Teamgeist verfügen und durchaus etwas erreichen können, wenn wir diese Stärken auf den Platz bringen. Ich denke, das ist uns dann nahezu über die gesamte Saison hinweg gelungen.

Video: Vergleich der Superstürmer

bundesliga.de: Seit der Gründung vor acht Jahren ging es bisher für RB stetig bergauf. Steht man als Vizemeister nun zum ersten Mal vor der Situation, dass es auch Rückschritte geben könnte?

Werner: Man sollte von uns sicher nicht erwarten, dass wir ab jetzt jede Saison Vizemeister werden oder gleich die Meisterschaft holen. Auf Strecke betrachtet haben wir zwar gewusst, dass wir irgendwann, wenn alles optimal läuft, dorthin kommen können, wo wir jetzt stehen. Dass das aber gleich in unserer allerersten Bundesliga-Saison der Fall sein würde, hatte wohl niemand auf dem Zettel. Ich würde es auch gar nicht als Rückschritt empfinden, sollten wir in dieser Saison „nur“ die Europa League erreichen oder vielleicht überhaupt nicht ins internationale Geschäft kommen. Wir haben dieses Jahr eine Dreifachbelastung und wollen eine sorgenfreie Saison spielen. Wie Sie richtig gesagt haben, sind wir noch eine sehr junge Mannschaft, die sich weiter entwickeln wird. Umso mehr können wir stolz sein auf das, was wir bereits geleistet haben. Ausruhen aber dürfen wir uns darauf sicherlich nicht. 2016/17 ist Geschichte, und dafür können wir uns in dieser Saison nichts mehr kaufen. Jetzt geht es erneut darum in allen Wettbewerben so gut wie möglich abzuschneiden.

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"Man sollte von uns sicher nicht erwarten, dass wir ab jetzt jede Saison Vizemeister werden oder gleich die Meisterschaft holen." Timo Werner

bundesliga.de: In der Champions League treffen Sie auf den AS Monaco, den FC Porto und Besiktas Istanbul. Es hätte schlimmer kommen können...

Werner: Einerseits freuen wir uns ein Stück weit, dass wir auf dem Papier vermeintlich nicht die dicksten Brocken bekommen haben, und wir durchaus eine Chance aufs Weiterkommen haben, wenn wir an unser Leistungslimit kommen. Zum anderen, hätten wir natürlich auch gern gegen einen der ganz Großen wie Real Madrid oder den FC Barcelona gespielt. Im Camp Nou oder San Barnabéu nicht nur als Tourist aufzuschlagen, sondern dort als Spieler einlaufen zu dürfen – das wäre schon ein absolutes Highlight.

Werner: "Zuhause können wir auch große Gegner schlagen"

Bundesliga.de: Dazu kann es ja kommen, wenn RB sich gegen Monaco, Porto und Istanbul durchsetzt. Wie schätzen Sie die drei Teams ein?

Werner: Istanbul ist eine sehr schöne Stadt, und die Atmosphäre im Stadion ist großartig. Da kann es durchaus passieren, dass man nach dem Spiel einen Tinnitus hat. (lacht) Für Porto und seine Fans gilt Ähnliches, wie ich gehört habe. Und Monaco hat in der vergangenen Saison in der Champions League und auch mit der Meisterschaft und deutlichem Vorsprung auf Paris St. Germain gezeigt, was in dieser Mannschaft steckt. Das sind also gerade auswärts keine leichten Aufgaben. Umso mehr müssen wir uns auf unsere Heimspiele konzentrieren. Zuhause sind wir schon so etwas wie eine Macht, das hat man nicht zuletzt gegen den FC Bayern gesehen, auch wenn wir diese Partie damals nicht gewinnen konnten. Zuhause können wir auch große Gegner schlagen, wenn wir optimal auftreten. Wir freuen uns jetzt einfach über alles, was kommt. (lacht)

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bundesliga.de: Die körperliche und mentale Mehrbelastung ist Neuland für die meisten RB-Spieler...

Werner:  Ich glaube tatsächlich, dass sich der Körper an die physische Mehrbelastung erst einmal gewöhnen muss. Da dürfte einem einiges abverlangt werden. Aber wir sind noch jung, und wir können das stemmen. (lacht) Wie sich die mentale Mehrbelastung auswirkt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie die Resultate ausfallen. Wenn wir in diesen Spielen punkten und in der Bundesliga zur Winterpause auf der oberen Tabellenhälfte sind, habe ich keine Sorge. Das Gefühl "Oh, wir sind ja eine richtig starke Truppe" würde uns wohl nur noch mehr antreiben, so dass man irgendwelche Belastungen schnell vergessen würde. Sollten wir aber in der Champions League ständig etwas auf den Deckel bekommen – was ich nicht glaube – könnte sich das vielleicht auch auf die Bundesliga auswirken.

bundesliga.de: Haben Sie keine Sorge, dass man nach einem Highlight, wie der Partie in Istanbul, am Wochenende in der Bundesliga nicht ganz bei der Sache sein könnte?

Werner:  Auf gar keinen Fall. Wir alle wissen sehr genau, wie stark die Bundesliga ist. Das ist mit die stärkste Liga der Welt, und am Ende entscheiden oft nur Nuancen über Sieg oder Niederlage. Da reicht es nicht aus, nur mit 90 Prozent zu spielen.

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bundesliga.de: Wer unterstützt Sie dabei, sich zu erden?

Werner: Es ist gar nicht so schwer mich auf dem Boden zu halten. Ich bin keiner, der durchdreht, nur weil er mal ein paar Tore geschossen hat. Wenn ich mit meiner Familie, meiner Freundin oder meinen Kumpels zusammen bin, bin ich nicht der Fußballer Timo Werner, sondern nur Timo, der Sohn, der Lebenspartner oder der Freund und damit ein Typ wie jeder andere auch. Und sollte ich doch mal irgendetwas falsch machen, bekomme ich ganz schnell etwas auf den Deckel – so wie das bei jedem anderen wohl auch der Fall wäre.

bundesliga.de: Das klingt sehr abgeklärt, und dazu passt, dass Sie während Ihrer Zeit beim VfB Stuttgart noch Ihr Abitur gemacht haben. Dazu ist nicht jeder junge Profi bereit...

Werner: Das war auch ein harter Kampf, aber ich habe ihn bestanden. Mit gerade einmal 17 und damit noch vor meinem Abitur habe ich beim VfB meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Theoretisch hätte ich mich also bereits damals voll auf den Fußball konzentrieren können. Vor allem meine Mutter aber wollte unbedingt, dass ich das Abitur mache. Und auch ich selbst habe eigentlich nie daran gedacht, die Schule abzubrechen. Das wäre einfach nicht clever gewesen. Im Nachhinein bin ich sogar ein wenig stolz darauf, dass ich beides, Abitur und Profi-Karriere, unter einen Hut gebracht habe.

"Ich bin keiner, der durchdreht, nur weil er mal ein paar Tore geschossen hat." Timo Werner

bundesliga.de: Würden Sie jungen, ambitionierten Fußballern grundsätzlich raten, nicht gleich ganz auf die Karte Fußball zu setzen?

Werner: Unbedingt. Im Fußball weißt du nie, was passiert. Eine schlechte Saison in der Jugend reicht manchmal schon und man ist schnell auf dem Abstellgleis. Es gibt genügend Faktoren, die dazu führen können. Ob es nun eine längere Verletzung oder ein Trainer ist, mit dem man nicht zurechtkommt – schon ist man draußen. Mit einem erfolgreichen Schulabschluss hat man wenigstens etwas in der Hinterhand, im Übrigen auch für die Zeit nach einer vielleicht erfolgreichen Karriere. Hört man dann mit 35 auf, hat man in der Regel noch einmal so viele Jahre vor sich. Und die nur auf der faulen Haut zu liegen, das tut keinem gut. (lacht)

Konzentration auf Fußball und RB Leipzig

bundesliga.de: Hatten Sie bereits eine Idee, was Sie hätten machen wollen, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte?

Werner: Nein. Dadurch, dass ich beim VfB so früh Profi geworden bin, war mir sehr schnell klar, dass ich auf den Fußball setzen möchte. Es war mir einfach nur wichtig das Abitur zu haben für den Fall, dass ich nach der Karriere vielleicht einmal etwas ganz Anderes, etwas außerhalb des Sports machen möchte. Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt konzentriere ich mich ausschließlich auf den Fußball und auf RB.

Video: Auftaktniederlage für RB Leipzig

bundesliga.de: Apropos VfB Stuttgart: Was trauen Sie Ihrem Ex-Verein in dieser Saison zu?

Werner: Ähnlich wie es bei uns der Fall ist, hat auch der VfB eine recht junge Mannschaft. Das ist eine Truppe mit einem ambitionierten Trainer und ein Verein, der durch die Ausgliederung der Profi-Abteilung wohl auch finanziell ganz gut aufgestellt ist. Wie wir ist man allerdings mit einer Niederlage in die Saison gestartet. Aber auch der VfB hatte eine Reihe von Verletzten, so dass sich die Mannschaft wohl erst einmal finden muss. Ich kenne zwar das Saisonziel nicht, das man ausgegeben hat. Aber ich bin überzeugt, dass der Klassenerhalt auf jeden Fall drin ist für den VfB Stuttgart.

Das Gespräch führte Andreas Kötter