Neben dem DFB-Pokal-Sieg und der Deutschen Meisterschaft hat der FC Bayern München ein weiteres großes Saisonziel: den Gewinn der Champions League. Vor dem Halbfinal-Hinspiel bei Atletico Madrid hat bundesliga.de mit Bayerns Spielgestalter Xabi Alonso gesprochen.

bundesliga.de: Xabi Alonso, für viele ist der FC Bayern München der Favorit, wenn es um das Halbfinale in der Champions League gegen Atletico Madrid geht.

Xabi Alonso: Im Halbfinale der Champions League gibt es keine Favoriten.

bundesliga.de: Sie hätten auch sagen können, dass Atletico den FC Barcelona eliminiert hat, immerhin der Titelverteidiger.

Alonso: Das hätte ich, aber selbst, wenn Atletico eine andere Mannschaft rausgeworfen hätte, wäre das so. So aber zeigt es, Atletico ist ein Team auf absolutem Top-Niveau.

bundesliga.de: Die Stimmung im Estadio Vicente Calderon ist legendär. Kaum einer kennt die Atmosphäre dort so gut wie Sie, Sie haben dort oft gespielt...

Alonso: Pep Guardiola kennt die Stimmung dort sicher mindestens genauso gut. Aber ich kann ihnen sagen: Wir sind auf die besondere Stimmung vorbereitet.

bundesliga.de: Ist es ein Vorteil, dass der FC Bayern die erste Partie auswärts austragen kann und dann im Rückspiel Heimrecht genießt?

Alonso: Ich weiß nicht, ob das am Ende ein großer Faktor sein wird. Natürlich können Gegentore, die man im ersten Spiel kassiert, mental und psychologisch wichtig sein. Aber Du musst dir im Klaren sein, dass es zwei Teile des Duells gibt, eben Hin- und Rückspiel.

bundesliga.de: Was bedeutet dieses Halbfinale für Sie?

Alonso: Es ist mein neuntes Halbfinale in der Champions League und ich hoffe sehr, ich kann das dritte Mal in meiner Karriere den Pokal mit dem dritten Club in die Höhe halten. Aber wie alle hier, möchte ich unbedingt ins Finale.

bundesliga.de: Die Defensive gilt als besondere Stärke der Madrilenen, für manchen hat Atletico sogar die beste Defensive Europas.

Alonso: Das ist immer schwierig zu sagen auf diesem Niveau, wenn so viele Top-Teams in einem Wettbewerb sind. Aber sicher gehört es zu den Stärken von Atletico, gute Arbeit in der Defensive zu leisten. Aber nur mit Defensive sind sie sicher nicht ins Halbfinale gekommen, wir müssen auch auf ihren Angriff aufpassen.

bundesliga.de: Sie meinen einen routinierten Mann wie Fernando Torres?

Alonso: Nicht nur den, auch andere. Aber Fernando Torres ist sicher ein ganz spezieller Stürmer, der über viel Erfahrung verfügt und deshalb besonders gefährlich werden kann. Er ist ein Idol und fühlt sich bei Atletico sehr wohl. Das zeigt er auf dem Platz.

bundesliga.de: Wir haben über die besondere Stimmung im Estadio Vicente Calderon gesprochen. Für Stimmung sorgt regelmäßig ein leidenschaftlicher Atletico-Trainer Diego Simeone...

Alonso: Er steht für Leidenschaft – und, die vermittelt er in jeder Situation. Seine Leidenschaft ist ansteckend und beeindruckend, wir aber müssen kühlen Kopf bewahren und haben keine Angst vor der besonderen Stimmung dort.

bundesliga.de: Was bedeutet es für dieses Duell, dass Atletico wie der FC Bayern noch in drei Wettbewerben Titel gewinnen kann?

Alonso: Sicher ist Atletico sehr motiviert. Vor allem aber heißt es, der Rest der Saison wird für beide sehr intensiv.

bundesliga.de: Was hinterlässt Pep Guardiola, wenn er am Ende der Saison Bayern München verlässt?

Alonso: Eine ganze Menge, angefangen bei unzähligen Kleinigkeiten, die wir Spieler gelernt haben. Es ist eine Qualität, wenn es einer Mannschaft gelingt, verschiedene Systeme zu spielen. Ich habe keine Zweifel, dass er etwas Besonderes hinterlässt. Ich persönlich habe mich auch weiter entwickelt. (lacht) Vielleicht liegt es daran, dass ich die Position spiele, die Pep Guardiola früher als Profi gespielt hat. Er hilft mir sehr viel und wir sprechen oft darüber, wie man diese Position interpretieren kann.

bundesliga.de: Das heißt, es bleibt einiges von Pep Guardiola auch in den kommenden Jahren?

Alonso: Es mag vielleicht einfach klingen, ist es aber keineswegs. Pep ist seiner Zeit voraus. Spiel- und Ball-Kontrolle ist dabei das entscheidende Wort. Das ist der beste Weg zu gewinnen. Guardiola hat eine Philosophie geprägt, ein Fundament geschaffen, das dem FC Bayern in der Zukunft helfen wird. Es geht auch darum, einen Kader zu haben, der für das Jetzt und die Zukunft gewappnet ist, auf hohem Niveau konstant gute Leistungen abrufen zu können. Da sind wir derzeit sehr gut aufgestellt und ebenso für die Zukunft.

bundesliga.de: Im Fußball geht es, zumindest bei jungen Fans meist um Stürmer, die ein Tor nach dem anderen schießen. Wie sieht Ihr Job in der Mannschaft aus?

Alonso: Fest steht, das Team kommt zuerst, egal, wer die Tore schießt. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Ich bin eher einer, der versucht, das Spiel zu lesen und es den Teamkollegen ermöglicht, noch besser zu werden und das Optimale herauszuholen. Es geht um kleine Entscheidungen, die einen großen Einfluss haben und das Tempo beeinflussen, das unser Spiel zu dem Zeitpunkt braucht. Das ist ein Job, der mir sehr viel Spaß macht, selbst, wenn die jüngeren Fans mehr auf die Stürmer stehen.

Das Gespräch führte Oliver Trust