Köln - Keiner läuft so viel wie Vladimir Darida. Der Freiburger Mittelfeldspieler spult pro Spiel im Durschnitt 13 Kilometer ab - mehr als jeder andere Bundesliga-Profi in der laufenden Saison. Aber wie wird dieser Wert eigentlich ermittelt? Ein Blick hinter die Kulissen.

Wir befinden uns im sechsten Stock eines Kölner Hochhauses. Hier bei Alexander Schneider und seinem Team von der DFL Digital Sports laufen an jedem Spieltag Millionen von Rohdaten aus den Bundesliga-Stadien ein, die in der sogenannten Data Library, der Offiziellen Bundesliga Datenbank, gebündelt - und schließlich im Auftrag der DFL Medien wie Sky oder bundesliga.de, aber auch den Vereinen selbst zur Verfügung gestellt werden.

Jede Bewegung wird dokumentiert

Bei diesen Daten kann es sich einerseits um Ereignis-Daten wie Tore, Eckbälle oder Zweikämpfe handeln. Sie werden von Menschenhand erfasst und binnen Sekunden in die Data Library der DFL eingespeist. Anderseits werden die sogenannten "Trackingdaten", die genauen Positionsdaten der Spieler, vollautomatisch erfasst und ebenfalls an die Data Library übertragen. Später sind diese Daten dann in den Analyse-Dokumenten der Spiele zu finden.

Selbstverständlich werden die Laufwege und Positionen der Profis nicht per Maßband gemessen. In jedem Stadion wurden deshalb unter dem Stadiondach zwei Boxen mit jeweils drei Kameras installiert. Diese Kameras sind leicht versetzt angeordnet und erfassen, ähnlich wie zwei Augen, das gesamte Spielfeld.

Dabei werden die Bewegungen jedes einzelnen Spielers mit 25 Bildern pro Sekunde dokumentiert und via Glasfaserkabel an einen zentralen Rechner gesendet. Auf einem animierten Bildschirm sind bei den Bundesliga-Spielen dann die 22 Spieler und der Ball zu beobachten, die sich über den Platz bewegen. Zu jedem Objekt lässt sich daraus dann unter anderem die gelaufene Strecke berechnen.

Ganz ohne menschliche Hilfe funktioniert es dann aber doch nicht. "Bei Ecken oder Freistößen zum Beispiel, wenn mehrere Spieler dicht auf engem Raum stehen, gerät die Technik an ihre Grenzen", erklärt Schneider. "Dann überlappen sich die Objekte und der Spieler kann nicht immer zweifelsfrei zugeordnet werden." Also sitzen in jedem Stadion jeweils drei so genannte "Tracking Operatoren" auf der Tribüne, die auf ihrem Laptop die Objekte dann wieder den entsprechenden Spielern zuordnen müssen. Zwei von ihnen haben stets die Spieler-Positionen jeweils einer Mannschaft im Blick, der dritte Operator kümmert sich um den Ball, erfasst den Ballbesitz pro Team und hält den Ballzustand fest, also die Tatsache, ob sich der Ball im Spiel befindet oder nicht.

Ein Meer von Daten im "Quality Center"

Logistisch ist das ganze Unterfangen eine große Herausforderung. Zwei bis drei Stunden vor Spielbeginn müssen die Kameras auf den Millimeter genau kalibriert werden. Die kleinste Erschütterung kann das Endergebnis verfälschen. Auch Nebel, etwa durch Feuerwerkskörper, behindert die Aufzeichnungen. "Einmal war auch ein Fanschal im Weg", erinnert sich Schneider. Trotzdem kommt es nur äußerst selten zu einem Ausfall der Trackingdaten, die übrigens von einer schwedisch-amerikanischen Firma namens "ChyronHego" geliefert werden.

Klicken Sie sich durch: So funktioniert das "Quality Center"

In Köln werden die Daten am Spieltag dann aber noch einmal im "Quality Center" von Mitarbeitern der DFL Digital Sports überwacht und einer Art TÜV-Siegel unterzogen. Erst danach werden sie zum Beispiel in Form der Matrix (siehe Bild unten), die auf bundesliga.de zu jedem Spiel zu finden ist, veröffentlicht. Die Trackingdaten müssen auf Grund der Menge (mehr als 3 Millionen Positionspunkte) durch automatische Prüfroutinen verifiziert  werden. Die Bundesliga ist übrigens weltweit die einzige Liga, bei der es einen offiziellen Definitionskatalog für Spieldaten gibt. Dort ist haargenau beschrieben, was eine Ballbesitzphase ist, wie ein Pass definiert wird oder wo ein intensiver Lauf aufhört und ein Sprint anfängt.

Internationale Einheitlichkeit als Ziel?

In anderen Ligen werden zwar auch Daten erhoben, sie werden aber von verschiedenen Datenanbietern übernommen und somit nicht in einen einheitlichen Standard gebracht. "Deshalb lassen sich die Leistungsdaten der Spieler auch nicht 1 zu 1 international vergleichen", sagt Schneider. Die Anzahl der Pässe eines Spielers könnte sich zum Beispiel unterscheiden, weil in dem einen Fall ein Freistoß als Pass gewertet wird und in dem anderen Fall eben nicht. Eine internationale Einheitlichkeit nach dem Vorbild  des Bundesliga-Definitionskatalogs könnte der nächste Schritt in die Zukunft sein. "So wäre es auch möglich, die Daten eines Spielers in der Bundesliga mit denen seines Champions-League-Auftritts zu vergleichen", so Schneider.

Dass das Fußball-Spiel im Profi-Bereich in den letzten Jahren schneller und intensiver geworden ist, scheint jedem Betrachter klar. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis man wegweisende Veränderungen des Sports auch aus den Trackingdaten ablesen kann. Vor 20 Jahren, so sagt eine Studie, soll ein Bundesliga-Profi etwa achteinhalb Kilometer im Schnitt zurückgelegt haben. Heute laufen Spieler mit Spitzenwerten wie Vladimir Darida oder Mönchengladbachs Christoph Kramer über die Hälfte mehr.

"Die Trainer", sagt Alexander Schneider, "interessieren sich aber sowieso viel mehr für die Sprintwerte als für die zurückgelegten Kilometer." Die beste Laufleistung ist am Ende nämlich wertlos, wenn das entscheidende Duell verloren wird.

Karol Herrmann