Leverkusen - Stefan Kießling ist unbestritten einer der größten Publikumslieblinge bei Bayer 04 Leverkusen. Nicht zuletzt, weil man Spieler mit einer Vereinstreue, wie sie den 1,91 Meter großen Topstürmer auszeichnet, nicht mehr allzu oft findet.

Aktuell aber läuft es für den zweitbesten Torschützen der Vereinsgeschichte nicht richtig rund. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht "Kies", wie ihn seine Freunde nennen, sehr offen über Bayers bisher wechselhafte Saison, über überzogene Kritik und darüber, wie er mit schwierigen Situationen umgeht.

 

bundesliga.de: Herr Kießling, erst stürmisch, dann eher abwartend, später beides oft in einer Partie, in der Bundesliga zuletzt ein Klasse-Konterspiel in Augsburg ohne Happy-End und am Mittwoch eine herausragende Leistung gegen Atlético Madrid - es fällt schwer, Bayers bisherige Saison einzuschätzen...

Stefan Kießling: Vielleicht sollte man vorweg festhalten, dass wir alle noch immer einem Lern- beziehungsweise einem Reifeprozess unterliegen, der noch nicht abgeschlossen ist. Ich denke, dass wir gerade in der Vorrunde in vielen Spielen bereits gezeigt haben, dass wir in der Lage sind, die Ideen des Trainers umzusetzen. In einigen anderen Spielen hat man aber gesehen, dass wir in bestimmten Situationen noch zu naiv agieren und nicht das herausholen, was eigentlich möglich wäre. Für die Umsetzung unserer Pläne ist trotz sehr guter Ansätze ein bisschen mehr Zeit notwendig. Ich denke, dass wir spätestens in der kommenden Saison gefestigter sind.

"Haben verstanden, was Roger Schmidt will"

bundesliga.de: Hat die Mannschaft noch nicht hundertprozentig verstanden, was der Trainer will, bzw. weiß der Trainer noch nicht genau, was dieses Team am besten kann?

Kießling: Das glaube ich nicht. Wir haben verstanden, was Roger Schmidt will, und ich denke, dass wir das auch weitgehend umsetzen können. Trotzdem benötigen manche Dinge eben etwas mehr Zeit.

bundesliga.de: Auffallend war zuletzt, dass Bayer zweimal in Folge in der Nachspielzeit Punkte aus der Hand gegeben hat. War das ein dummer Zufall bzw. Pech, oder hat das Team ein Konzentrations- und/oder Fitness-Problem?

Kießling: Von Pech möchte ich in diesen Fällen nicht sprechen. Beide Spiele, das Heimspiel gegen Wolfsburg hier und das Spiel in Augsburg dort, waren von ihrem Charakter her sehr unterschiedliche Partien. Gegen Wolfsburg mussten wir lange einem Rückstand hinterher laufen und waren schließlich sogar in Unterzahl. In Augsburg haben wir von Beginn an sehr gut gespielt, hätten aber unsere Möglichkeiten cleverer nutzen müssen, in Führung zu gehen. Gelingt das, läuft eine solche Partie ganz anders. Gelingt das nicht, besteht bei einer knappen Führung immer die Gefahr, dass manch noch den Ausgleich kassiert. Und genau das ist durch das kuriose Tor von Marwin Hitz passiert.

bundesliga.de: Sie wurden unmittelbar vor diesem Treffer eingewechselt. Haben Sie das Unheil schon kommen sehen?

Kießling: Nein, eigentlich nicht. Und wenn man ganz ehrlich ist, muss man zugeben, dass wir am Ende, bei Altintops Schuss an den Pfosten, sogar Glück hatten, nicht noch 2:3 zu verlieren.

"Dafür haben ich kein Verständnis"

bundesliga.de: Auch für Sie persönlich läuft es bisher nicht rund. Trotzdem ruft die Schlagzeile einer Zeitung, "Wie Kießling vom Publikumsliebling zum Sündenbock wurde", doch Unverständnis hervor...

Kießling: Dafür habe ich in der Tat überhaupt kein Verständnis. Wenn man acht Jahre lang immer Gas gegeben, offensichtlich viel richtig gemacht und sich zum Publikumsliebling entwickelt hat, kann man in so kurzer Zeit wohl kaum zum Sündenbock werden, nur weil es für die Mannschaft insgesamt nicht rund läuft und es für mich persönlich mit dem Tore schießen nicht ganz so gut klappt. Deshalb glaube ich, dass derjenige, der das geschrieben hat, sich mit der Situation kaum ernsthaft auseinandergesetzt hat.

bundesliga.de: Man scheint außer Acht zu lassen, dass Sie neben den Toren mit Ihrem nicht nur für einen Stürmer sehr großem Laufpensum viel für die Defensivarbeit der Mannschaft leisten...

Kießling: Zumindest was mein persönliches Empfinden betrifft, laufe ich in dieser Saison sogar noch mehr als in den Jahren zuvor. Ich denke, dass ich häufig an Orten auf dem Platz auftauche, an denen man einen Stürmer nicht unbedingt erwarten würde (lacht). Allerdings scheint es auch, dass man das meinen Aktionen vor dem Tor hin und wieder auch anmerkt…

bundesliga.de: ...weil Ihnen beim Abschluss möglicherweise Kraft und damit Konzentration fehlen?

Kießling: Ja. Die Sicherheit, die mich sonst auszeichnet, ist jetzt vielleicht nicht ganz so groß. Aber das ist nur eine Erklärung. Die andere ist, dass ich gar nicht mehr so häufig in die Situationen komme, in denen ein Stürmer Treffer erzielen könnte. Es ist ja nicht so, als würde ich andauernd frei vor dem Tor stehen und die Chancen reihenweise vergeben.

"Neige dazu, Dinge mit mir selbst auszumachen"

bundesliga.de: Wie geht man mit einer solchen Situation um, die man kaum beeinflussen kann?

Kießling: Ganz ehrlich, das ist nicht ganz einfach. Ich neige in solchen Phasen dazu, eher nicht mit anderen darüber zu reden, sondern die Dinge mit mir selbst ausmachen zu wollen. Das mag nicht immer richtig sein. Grundsätzlich vertraue ich aber darauf, dass es so ist, wie meist im Fußball - dass gerade Stürmer auch einmal Phasen haben, in denen sie nicht so häufig treffen, dass man das Tore schießen aber nicht plötzlich verlernt und irgendwann wieder bessere Zeiten kommen. Aber wie gesagt, manchmal ist es schwierig, diese Phasen zu akzeptieren.

bundesliga.de: Am Wochenende ist der SC Freiburg in Leverkusen zu Gast, und Spiele gegen Freiburg gelten auch nicht unbedingt als Vergnügen...

Kießling: Bei uns zu Hause ist es wenigstens etwas angenehmer als in Freiburg. Dort kann es in der Tat richtig eklig werden (lacht). Für uns ist jetzt wichtig, dass wir die drei Punkte einfahren, und das möglichst mit einem überzeugenden Auftritt, um unser Selbstvertrauen weiter zu stärken. Das Ziel ist und bleibt es, in der kommenden Saison erneut Champions League zu spielen. Dafür muss nun eine Serie her, damit wir den dritten beziehungsweise vierten Platz nicht aus den Augen verlieren.

Das Gespräch führte Andreas Kötter