Köln - 1982 war Klaus Fischer dabei, als Deutschland und Italien in einem WM-Finale aufeinander trafen. Wie bislang immer in entscheidenden Spielen behielten die Italiener die Oberhand und siegten 3:1. "Sie waren die bessere Mannschaft", erinnert sich die deutsche Stürmerlegende.

Diesmal sieht der 62-Jährige im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de allerdings "leichte Vorteile für Deutschland". Trotzdem warnt der 45-fache Nationalspieler eindringlich vor der "Squadra Azzurra" und sagt, auf welche Spieler die deutsche Elf besonders aufpassen muss.

bundesliga.de: Herr Fischer, Deutschland steht im Halbfinale der EM und trifft nun auf Italien. Welchen Eindruck hat die Mannschaft bislang auf Sie gemacht?

Klaus Fischer: Die deutsche Mannschaft hat auch in diesem Turnier wieder so gespielt, wie sie das meistens tut. Sie hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Allerdings war Griechenland im Viertelfinale für mich kein Maßstab, das war fast ein Freilos. Bei einer besseren Chancenverwertung hätten wir auch sechs oder sieben Tore schießen können.

bundesliga.de: Als ehemaliger Stürmer haben Sie sicher auch eine Meinung in der Stürmerfrage. Favorisieren Sie Miroslav Klose oder Mario Gomez?

Fischer: Wir haben eine Klassemannschaft und viele Möglichkeiten gerade in der Offensive. Ich habe nichts gegen Mario Gomez, tendiere aber mehr zu Miroslav Klose als Sturmspitze. Er hat immer seine Leistung gebracht und seine Tore erzielt, er war WM-Torschützenkönig. Spielerisch ist er gut, sein Kopfballspiel ist stark.

bundesliga.de: Wie haben Ihnen Andre Schürrle und Marco Reus gefallen, die gegen Griechenland Ihr Startelfdebüt gaben?

Fischer: Sie haben ihre Sache gegen Griechenland gut gemacht. Andre Schürrle kam über die linke Seite und hatte in dem Spiel mehr Abschlüsse als Lukas Podolski in den drei Partien vorher zusammen. Dafür wurde Podolskis Defensivarbeit gelobt. Aber für mich könnte er noch besser sein. Irgendwie habe ich bei ihm immer das Gefühl, dass er noch mehr aus seinen Möglichkeiten machen könnte.

bundesliga.de: Und Marco Reus?

Fischer: Er hat schon eine tolle Saison gespielt. Er spielt rotzfrech und macht seine Tore. Und er hatte erst einen Einsatz und ist noch frisch. Bei Thomas Müller, weiß man, was er kann. Aber er agiert bislang etwas unglücklich. Joachim Löw wird die Spieler alle genau beobachten und auch auf die Tagesform achten. Danach wird er aufstellen.

bundesliga.de: Jetzt wartet im Semifinale Italien auf Deutschland. Worauf wird es ankommen?

Fischer: Wichtig ist, dass Bastian Schweinsteiger wieder seine Normalform findet, weniger Fehlpässe spielt und ein höheres Tempo gehen kann. Überhaupt müssen wir gegen Italien ein hohes Tempo gehen. Dann könnte es für die Italiener mit zwei Tagen weniger Pause und den anstrengenden 120 Minuten gegen England in den Knochen ab der 70. Minute leichte Konditionsprobleme geben.

bundesliga.de: Wie hat Ihnen Italien bei der EM bisher gefallen?

Fischer: Die Italiener haben mich bislang bei dieser Europameisterschaft überrascht. Sie konnten gegen England 120 Minuten Vollgas geben. Viel davon abhängen, ob Andrea Pirlo einen guten Tag erwischt. Er ist der wichtigste Spieler der Italiener, derjenige, der in der Zentrale das Spiel lenkt. Mir gefallen auch der Stürmer Mario Balotelli, der bei jeder Torchance sofort den Abschluss sucht, und Riccardo Montelivo, der läuferisch unheimlich stark ist. Das wird keine einfache Aufgabe für die deutsche Elf. Italien kann uns mit seiner neuen Mannschaft Probleme bereiten. Es hat schon zum Auftakt gegen Spanien eine Klassepartie gezeigt, nun auch gegen England. Aber Deutschland ist nicht England.

bundesliga.de: Welche Rolle spielt die negative Bilanz Deutschlands gegen Italien? Belastet das die Spieler oder spornt es sie eher an?

Fischer: Ich habe keine Bedenken, dass die deutschen Spieler mit einem schlechten Gefühl in das Spiel gegen Italien gehen und an die negative Länderspielbilanz Deutschlands gegen Italien denken. Es spielt für die heutige Generation doch keine Rolle, was vor 30 oder 40 Jahren war. Das Team will Europameister werden und kann nach den gezeigten Leistungen selbstbewusst auftreten. Aber klar ist auch: gegen Italien kann man auch verlieren. Insgesamt sehe ich jedoch leichte Vorteile für Deutschland.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski