Gelsenkirchen - Das kam unerwartet! Als Mitte Mai Naldos Wechsel vom VfL Wolfsburg zum FC Schalke 04 bekannt wurde, waren nicht nur Fans, sondern auch Experten überrascht. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Brasiliianer über Schalkes China-Reise und die Bedeutung der Bundesliga im Reich der Mitte, über seine Rolle bei den „Knappen“ und über den Top-Transfer des Clubs.

bundesliga.de: Naldo, während andere Profis die Sommerpause am Strand verbracht haben, waren Sie buchstäblich als Globetrotter unterwegs. Privat mal in Dubai, mal in Florida, mal in Brasilien und beruflich gleich zweimal in China, erst mit Ihrem Ex-Club Wolfsburg und dann mit Schalke 04. Das Meilen-Konto dürfte also gut gefüllt sein...

Naldo: Ja. Das ist voll. (lacht) Ich war wirklich viel unterwegs in diesem Sommer.

bundesliga.de: War angesichts der langen Flüge und der Anpassung an die verschiedenen Zeitzonen Erholung überhaupt möglich?

Naldo: Die langen Flüge sind etwas anstrengend, aber kein echtes Problem für mich. Ich achte darauf, dass ich während der Flüge möglichst viel schlafe und auch viel trinke. Gerade wegen der trockenen Kabinenluft im Flugzeug ist das sehr wichtig.

bundesliga.de: Wie haben Sie China wahrgenommen?

Naldo: Die Reise mit Wolfsburg war mein erster Besuch in China, dem der zweite gleich gefolgt ist, mit Schalke. Da konnte ich mir schon einen ganz guten Eindruck verschaffen. China ist zwar das viertgrößte Land der Erde, aber mein Heimatland Brasilien ist als fünftgrößtes nun auch nicht gerade klein. (lacht) Und dasselbe gilt für die Größe der Städte in beiden Ländern. Beeindruckend ist China aber auf jeden Fall. Die Menschen sind sehr nett – egal ob mit Wolfsburg oder mit Schalke, immer sind wir mit großer Gastfreundschaft empfangen worden.

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bundesliga.de: Welche Rolle spielt der Fußball im Allgemeinen und die Bundesliga im Besonderen in China?

Naldo: Die Menschen in China lieben den Fußball, der dort einen enormen Boom erlebt. In der Chinese Super League, der höchsten Spielklasse des Landes, wird von den großen Industriekonzernen viel Geld auch in ausländische Stars investiert. So sind im vergangenen Sommer zum Beispiel Jackson Martinez von Atletico Madrid und Ramires vom FC Chelsea in die Chinese Super League gewechselt, und in diesem Sommer folgten Hulk, der frühere Freiburger Papiss Demba Cisse und Bremens Anthony Ujah. Man schaut natürlich sehr genau auf die Liga des Weltmeisters, auf die Bundesliga.

bundesliga.de: Kennen die chinesischen Fußball-Fans die Schalker Spieler?

Naldo: Ich war erstaunt, wie gut die chinesischen Fans über Schalke Bescheid wissen. Ob im Hotel oder auf dem Trainingsplatz, die Begeisterung und die Unterstützung waren immer riesig.

bundesliga.de: Schalke hat dort zwei Tests absolviert. Wie war das Niveau der Gegner?

Naldo: Den ersten Test gegen Guangzhou R&F haben wir 6:1 gewonnen. Das war ein sehr gelungener Auftritt, der den chinesischen Fans gut gefallen hat. Das zweite Spiel gegen Guangzhou Evergrande endete mit einem 0:0, auch wenn wir überlegen waren. Das anschließende Elfmeterschießen haben wir leider mit 4:5 verloren. Diese Truppe, die ausschließlich mit jungen Chinesen besetzt war, ist die Top-Mannschaft in China und war fünfmal in Folge Meister. Diese Jungs können richtig gut kicken.

Video: Der FC Schalke 04 besucht China

bundesliga.de: Kommen wir zurück zu Ihnen: „Naldo wechselt zu Schalke 04“ – diese Nachricht kurz nach Saisonende kam für viele Fans völlig überraschend. Ging es tatsächlich so schnell?

Naldo: Ja. Das ging alles ganz fix. Ich war damals schon länger mit dem VfL Wolfsburg im Gespräch. Irgendwie sind wir aber nicht auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Als sich dann Herr Heidel gemeldet und mir erklärt hat, wie er mich sieht und welche Rolle ich auf Schalke spielen soll, war ich sofort begeistert. Schalke ist für mich noch einmal eine neue, große Herausforderung, auf die ich mich sehr freue.

bundesliga.de: Ihre Lebensplanung dürfte der Wechsel aber ziemlich durcheinander geworfen haben. Sie bauen gerade ein Haus in Wolfsburg...

Naldo: Das stimmt. Ich werde zunächst einmal ein Jahr alleine hier leben, die Familie kommt mich aber an den Wochenenden immer besuchen. Nach meiner aktiven Karriere werden wir dann wahrscheinlich nach Wolfsburg zurückkehren.

bundesliga.de: Auf Schalke sind Sie mit Abstand der erfahrenste Spieler und wurden dementsprechend als Führungsspieler geholt. Wie reagieren die Spieler, die schon lange hier sind und eigene Ansprüche haben, wenn ihnen plötzlich ein Neuer sagen soll, wo es lang geht?

Naldo: Das ist gar kein Problem. Ich habe mit den Jungs gesprochen und alle freuen sich, dass ich da bin. Eric Maxim Choupo-Moting hat mir gesagt, dass sogar sein Vater begeistert wäre, dass ich nun Schalker bin. Denn sein Vater ist schon immer Naldo-Fan. (lacht) Ich bin nicht der Typ, der sich aufspielt, und will der Mannschaft nur helfen. Und ich bin sicher, dass alle das auch genauso verstehen.

bundesliga.de: Sie werden in Kürze 34, wirken aber nach wie vor topfit. Im vergangenen Februar konnte Sie selbst eine schwere Verletzung nicht stoppen...

Naldo: Ich fühle mich wirklich sehr gut und merke überhaupt nicht, dass ich fast 34 bin. Mein brasilianischer Landsmann Zé Roberto, der früher für Bayer 04 Leverkusen, Bayern München und den Hamburger SV gespielt hat, ist für mich ein großes Vorbild. Zé Roberto ist mittlerweile 42 und spielt noch immer in der ersten brasilianischen Liga, bei Palmeiras Sao Paulo. Er ist unglaublich.

bundesliga.de: Unglaublich war auch Ihre Rückkehr auf den Platz nur fünf Wochen nach der schweren Schulterverletzung.

Naldo: Sicher hat mir bei der Schulterverletzung geholfen, dass ich immer positiv denke. Schon zwei Wochen danach war ich in München beim Arzt und habe ihn gefragt, ob er an eine Chance glaubt, dass ich gegen Real Madrid Anfang April wieder würde spielen können. Er hat mir gesagt, dass das natürlich ein Risiko bedeuten würde, dass er in seiner Karriere aber noch nie erlebt hätte, dass ein Spieler nur fünf Wochen nach einer solchen Verletzung wieder auf dem Platz gestanden hätte. Ich habe in der Folge alles dafür getan, bis zum Real-Spiel fit zu werden. Unter anderem habe ich einen Physiotherapeuten aus Brasilien kommen lassen, der zwei Wochen bei uns gewohnt und jeden Tag hart mit mir gearbeitet hat. Das hat sich ausgezahlt. Heute habe ich überhaupt keine Probleme mehr und bin topfit für Schalke.

bundesliga.de: Schalke ist ein Club mit großer Tradition. Spüren Sie nach nur knapp drei Wochen diese Tradition schon im Alltag?

Naldo: Auf jeden Fall. Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Fans zum Training kommen. Ich kann unseren Heimauftakt am 2. Spieltag gegen Bayern München kaum abwarten. Dann werden 62.000 Fans hinter uns stehen. Das ist großartig! Natürlich kann es sein, dass der Gegner besser ist. Aber wir müssen es ihm so schwer wie nur möglich machen. Für die Fans und für uns selbst.

bundesliga.de: Die Fans auf Schalke sind nie emotionslos, mal ist man himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt. Macht es das schwierig?

Naldo: Genau wie in Brasilien. (lacht) Wenn die Selecao ein wichtiges Spiel gewinnt, gibt es ein Volksfest. Verliert sie aber ein solches Spiel, bricht eine nationale Depression aus. Schalke ist ein großer Verein. Und große Vereine lösen immer große Emotionen aus. Ganz Gelsenkirchen lebt Schalke, aber Schalke ohne Gelsenkirchen und seine Menschen wäre ebenso undenkbar. Diese Verbindung passt einfach! Und ich glaube, dass die Fans uns auch Niederlagen verzeihen werden – vorausgesetzt, dass wir vorher im Spiel gezeigt haben, dass wir alles für Schalke geben.

bundesliga.de: Die Vereinsverantwortlichen halten sich mit der Nennung eines Saisonziels zurück. Sie aber haben sehr offensiv die Champions League als Ziel ausgegeben. Erhöht das nicht den Druck?

Naldo: Nein, das glaube ich nicht. Schalke hat in den vergangenen zehn Jahren siebenmal Champions League gespielt und muss den Anspruch haben, oben dabei zu sein. Mit Bayern, Dortmund, mit Gladbach und mit Leverkusen, die das auch wollen.

bundesliga.de: Trotz Ihrer Verpflichtung – Sie kamen ablösefrei – gilt Breel Embolo als Schalkes Top-Transfer des Sommers. Wie sehen Sie ihn?

Naldo: Ich habe noch nie gegen ihn gespielt, ihn aber ein paarmal im Fernsehen beobachtet. Das ist ein guter Junge, der viel lacht. Und ein bulliger Stürmer-Typ, der super Qualitäten mitbringt und eine große Zukunft vor sich hat.

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Das Gespräch führte Andreas Kötter