Zusammenfassung

  • Sportdirektor Max Eberl will auch in Zukunft an Gladbachs Philosophie festhalten, junge Spieler aufzubauen

  • Mit der der Authentizität der Borussia wird es auch weiterhin gelingen, junge Talente an den Niederrhein zu locken

  • "Spieler in diesen jungen Jahren wollen und sollen unbedingt spielen", sagt Max Eberl

Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbach tut sich nicht immer leicht in dieser Saison und scheint gefühlt unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Dass man das bisherige Abschneiden der Fohlen-Elf auch anders interpretieren kann, das macht VfL-Geschäftsführer Max Eberl im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de deutlich. Dort spricht Eberl über die große Leistungsdichte der Clubs hinter dem FC Bayern München, über Charakter und Selbstverständnis der aktuellen Mannschaft und über die für Borussia alternativlose Notwendigkeit, am eingeschlagenen Weg mit jungen Talenten wie Reece Oxford festzuhalten.

bundesliga.de: Herr Eberl, nach 21 Spieltagen liegt Borussia nur auf Platz acht der Tabelle, gleichzeitig sind die Europapokal-Ränge aber lediglich zwei Zähler entfernt. Wie bewerten Sie diese Konstellation?

Max Eberl:Dass Bayern München so überlegen sein würde, hätte man am siebten Spieltag zwar noch nicht geglaubt, da Dortmund zunächst gut gestartet war. Dass es hinter der Spitze aber eine solche Dichte geben könnte, wie das nun der Fall ist, kommt dagegen für mich nicht völlig überraschend. In diesem Reigen bewegen wir uns auch. Zwar liegen wir als Achter aktuell nicht auf einem Europapokal-Platz, aber wir sind weiterhin in Schlagdistanz zu diesen Plätzen. Dennoch sind drei Punkte aus den vier bisherigen Rückrunden-Spielen sicher nicht das, was wir uns vorgestellt haben – wenn auch die Leistung in diesen Spielen besser war als die Punkteausbeute.

"Vieles, was wir erreicht haben, wird als selbstverständlich hingenommen" Max Eberl (Borussia M'gladbach)

bundesliga.de: Gefühlt ist Borussias Saison bisher ein ständiges Auf und Ab. Ein eher subjektiver Eindruck, oder empfinden Sie es ähnlich?

Eberl: Ich sehe es so: In dieser Saison bewegen sich sehr viele Teams auf einem ähnlichen Niveau. Hätte man uns zu Saisonbeginn gesagt, dass wir am 21. Spieltag nur drei Punkte hinter Dortmund liegen würden, hätte wohl jeder von einer guten Saison gesprochen. Jetzt haben wir uns diese gute Ausgangssituation tatsächlich verschafft, und dennoch wirken viele unzufrieden. Klar ist, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten in eine Phase kommen müssen, in der wir konstant punkten, wenn wir etwas Großes erreichen wollen. Und etwas Großes, das wäre für uns der Europapokal. Wobei ich betonen möchte, dass für Borussia Europa nie als ein Muss gesehen werden kann.

>>> Alle Infos zu #VFBBMG gibt es hier im Matchcenter 

bundesliga.de: Übersteigt das Anspruchsdenken um den Verein herum das, was ein Klub wie Borussia Mönchengladbach leisten kann?

Eberl: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir haben in den vergangenen Spielzeiten sechsmal hintereinander einstellig abgeschnitten. Ich weiß, dass ich den einen oder anderen damit vielleicht langweile, aber es ist nun mal Fakt, dass das neben uns nur Bayern München und Borussia Dortmund gelungen ist. Ausreißer nach unten, wie sie Mannschaften wie Leverkusen oder Schalke in dieser Zeit hatten, gab es bei uns nicht.

Max Eberl hat Gladbachs Ziele voll im Blick © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Mel Griffith

bundesliga.de: Sind Sie darüber enttäuscht?

Eberl: Vieles, was wir erreicht haben, wird als selbstverständlich hingenommen. Das ist es aber nicht für einen Verein, der in der Zeit vor dieser erfolgreichen Phase in der Bedeutungslosigkeit es deutschen Fußballs herumgedümpelt ist. Deshalb würde ich mir in dem einen oder anderen Moment wünschen, dass es ein wenig mehr geschätzt wird, was dieser Club in den vergangenen Jahren geleistet hat, gerade im näheren Umfeld.

>>> Eberl bei ran.de: "Vereine müssen Europa League ernster nehmen"

bundesliga.de: Tut man der Mannschaft Unrecht, wenn man ihr vorhält, dass sie sich bisweilen zu sehr auf ihre fußballerische Klasse verlässt?

Eberl: Nein. Es ist eine objektive Betrachtung, dass wir bereits seit Jahren eine Mannschaft sind, die Fußball spielt. Wir sind keine Malocher-Truppe, die den Gegner durchs Stadion grätscht, sondern haben die Erfolge der vergangenen Jahre durch unsere Art Fußball zu spielen erzielt. Dass "Fußball spielen" für Außenstehende manchmal aussieht wie "zu wenig kämpfen" mag sein. Tatsache ist, dass wir den Kader und die gesamten Transfers der vergangenen Jahre auf eine spielerisch starke Mannschaft ausgerichtet haben. Selbstverständlich geht es in den kommenden Wochen auch darum, Mentalität in die Waagschale zu werfen. Trotzdem kann niemand erwarten, dass wir ab jetzt nur noch grätschend über den Platz laufen. Das wird nicht funktionieren. Wir müssen mit unseren ureigenen Qualitäten punkten.

bundesliga.de: Wie empfinden Sie insgesamt diese Saison, in der der Tabellenzweite, Bayer 04 Leverkusen, nach 21. Spieltagen 35 Punkte aufweist, während man vor vier Jahren zu diesem Zeitpunkt bereits 43 Zähler hatte?

Eberl: Nicht nur ich, sondern alle meine Kollegen haben diese Saison im Vorfeld als sehr dicht und sehr eng eingeschätzt. Man kann im Moment wohl nicht unbedingt von Leichtigkeit sprechen. Es kämpfen mittlerweile so viele Teams auf demselben oder ähnlichen Niveau um die begehrten Plätze, dass Kreativität und Spielfreude aktuell schon mal auf der Strecke bleiben können. Trotzdem sehe ich kein generelles Qualitätsproblem. Es ist einfach nur so, dass Vereine wie Hoffenheim, Frankfurt oder Gladbach in den vergangenen Jahren einen guten Job gemacht haben. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren Leverkusen, Dortmund oder Schalke für diese Vereine unerreichbar, jetzt aber ist man näher an sie herangerückt.

>>> Die aktuelle Tabelle der Bundesliga

bundesliga.de: Das Qualitätsniveau der Bundesliga zeigt sich darin, dass man noch in jeder Saison junge Spieler hervorbringt, die über kurz oder lang das Zeug haben, zu internationalen Top-Clubs zu wechseln. Wie aber findet man immer wieder einen Granit Xhaka, einen Thorgan Hazard oder einen Michael Cuisance?

Eberl: Wir haben in den vergangenen Jahren eine sehr gute Scouting-Abteilung aufgebaut, mit Steffen Korell an der Spitze. Unser gesamtes Scouting ist darauf ausgerichtet junge, entwicklungsfähige Spieler zu holen. So haben wir unter anderem einen Scout zwischengeschaltet, der zunächst noch einmal die Daten und Fakten aller Top-Talente checkt, die von unseren anderen Scouts zusammengetragen wurden.

"Es kann gefährlich sein, zu früh zu großen Clubs und dem großen Geld hinterher zu laufen" Max Eberl (Borussia M'gladbach)

bundesliga.de: Einen Spieler verpflichten zu wollen, ist das eine. Wie aber überzeugen Sie einen Kandidaten sich auch für Borussia zu entscheiden?

Eberl: Mit unserer Authentizität und mit dem, was wir in vergangenen Jahren aufgebaut und gezeigt haben. Wir können den Jungs zehn, vielleicht fünfzehn Spieler nennen, die in dieser Zeit bei Borussia Mönchengladbach eine hervorragende Entwicklung genommen haben.

bundesliga.de: Sie spielen an zum Beispiel auf Denis Zakaria, Nico Elvdi oder Granit Xhaka, die sehr jung bereits zu Stammspielern wurden...

Eberl: Spieler in diesen jungen Jahren wollen und sollen unbedingt spielen. Es kann gefährlich sein, zu früh zu großen Clubs und dem großen Geld hinterher zu laufen. Wenn die Leistung stimmt, ergibt sich alles andere möglicherweise ohnehin. Diese jungen Spieler müssen erst einmal gefördert werden, um ihr ganzes Potenzial ausschöpfen zu können. Darin hat sich Borussia Mönchengladbach in den vergangenen Jahren einen sehr guten Namen gemacht. Und diesen Weg werden wir nicht verlassen. Es ist der einzige Weg für Borussia Mönchengladbach, um erfolgreich sein zu können.

Eberl ist seit fast zehn Jahren Sportdirektor bei Borussia M'gladbach © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

bundesliga.de: Ein weiteres Beispiel wäre Reece Oxford, der nach einem kurzen Winter-Intermezzo bei West Ham United zur Borussia zurückkehrt ist. Was erhoffen Sie sich von ihm?

Eberl: Für uns ist es sehr wichtig, dass Reece nach Mönchengladbach zurückkehren konnte. Ganz besonders freut es uns, dass ein Spieler, der nicht alle Spiele, sondern gerade einmal vier absolviert hat, dennoch unbedingt zurück wollte. Er hat gesehen, dass das, was wir ihm im Sommer aufgezeigt haben, auch eingetreten ist.

bundesliga.de: Gibt es eine Chance Oxford über die Saison hinaus zu halten?

Eberl: Reece fühlt sich bei uns sehr wohl, und wir sind sehr zufrieden, dass er zunächst noch ein halbes Jahr bei uns ist. Aber es gibt nun einmal auch die dritte Partei, West Ham, mit der Reece einen Vertrag hat. Das akzeptieren wir natürlich. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das Gespräch führte Andreas Kötter