Dortmund - Wer sich auf die Homepage des Tiroler Örtchens Kirchberg verirrt, sieht Bilder von sonnenüberfluteten Bergalmen, glasklaren Gebirgseen und glücklichen Touristen. "Wenn man hier nicht arbeiten müsste, könnte man hier glatt Urlaub machen", wird der Dortmunder Cheftrainer Jürgen Klopp dort zitiert.

Beschaulich wird es in den kommenden Tagen allerdings nur abseits des Trainingslagers, das die Borussen am Mittwoch aufschlugen. Immerhin begrüßten zahlreiche schwarz-gelbe Fahnen und Transparente der mitgereisten Fans den BVB-Tross, der sich noch am gleichen Tag in die erste Übungseinheit stürzte.

"Völlig überhitztes Marktklima"



Weil Neuzugang Sokratis erst nach Ende des Trainingslagers am Sonntag einsteigt, müssen die Anhänger auf neue Gesichter noch warten - wenn man von den Ergänzungsspielern Lasse Sobiech, Keeper Hendrik Bonmann und einigen Jugendspielern einmal absieht. Die Frage nach dem Nachfolger von Mario Götze bleibt einstweilen unbeantwortet - auch wenn sich der BVB intensiv um Pierre-Emerick Aubameyang bemüht, wie Manager Michael Zorc verkündete.

Dabei ist es genau diese Frage, die nicht nur die Dortmunder Fans in diesen Zeiten umtreibt: Wie ist der BVB ohne seinen "verlorenen Sohn" aufgestellt? Welche taktischen Verschiebungen sind zu erwarten? Und kann die Borussia dem FC Bayern ein gleichwertiger Konkurrent sein?

Klar ist: Die außergewöhnliche Champions-League-Saison hat den Westfalen, zusammen mit Götzes Verkauf, viele Millionen in die Vereinskassen gespült - doch nun muss sich der BVB in einem "völlig überhitzten Marktklima" bewegen, wie Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke unlängst beklagte.

Aubameyang im Anmarsch



Dass besagter Aubameyang die Lücke zumindest teilweise füllen könnte, hat er in der vergangenen Saison unter Beweis gestellt. Im Trikot von St. Etienne landete der 24-Jährige hinter Paris-Star Zlatan Ibrahimovic mit 19 Treffern auf Platz 2 der Torschützenliste. Gernot Rohr, der ihn als Nationaltrainer Gabuns unter seinen Fittichen hatte, beschreibt Aubameyang in der "Sport-Bild" als "schnellsten Spieler, den der Fußball derzeit zu bieten hat. Pierre-Emerick ist mittlerweile zu einem großartigen Spieler gereift, der eine Weltkarriere vor sich hat."

Vorstellbar ist allerdings auch, die Götze-Position mit Ilkay Gündogan intern zu besetzen. Der deutsche Nationalspieler ist in der vergangenen Saison im defensiven Mittelfeld zu einem Weltklassespieler gereift, dem auch an vorderer Front einiges zuzutrauen wäre. Dann könnte Nuri Sahin - zuletzt nur als Joker in Erscheinung getreten - wieder seine angestammte Sechser-Position übernehmen.

Während es im Mittelfeld und Angriff also noch Klärungsbedarf gibt, steht die Abwehrkette der Borussen bereits - und dürfte kaum schlechter sein als in der vergangenen Spielzeit. Denn dass der Vize-Meister schon frühzeitig Sokratis aus Bremen loseisen konnte, ging in der Aufregung um den Götze-Deal beinahe unter - dabei ist der griechische Defensivspieler durchaus ein Trumpf für die Zukunft.

Sokratis verstärkt die Abwehr



Im Gegensatz zu Felipe Santana, der zum Revierrivalen FC Schalke 04 ging, ist Sokratis deutlich flexibler: Er kann sowohl in der Innen- als auch Außenverteidigung (links wie rechts) agieren und kam bei Werder auch schon im zentralen defensiven Mittelfeld zum Einsatz. Bis zur Genesung von Lukasz Piszczek, der nach seiner Hüft-OP vier Monate außer Gefecht gesetzt ist, wird Sokratis die rechte Abwehrseite beackern.

Insgesamt liest sich die Transferbilanz derzeit so, dass den BVB-Anhängern kaum Angst und Bange werden muss - im Gegenteil. An Stammspielern hat lediglich Mario Götze den Club verlassen, dagegen spielten Felipe Santana, Moritz Leitner und Leonardo Bittencourt meistens nur eine Nebenrolle. Dass die Westfalen auch ohne Götze erfolgreich spielen können, haben sie bereits während dessen verletzungsbedingten Auszeiten bewiesen. Wiegt man die Ab- und (potenziellen) Zugänge der Dortmunder gegeneinander auf, dürfte sich die Waage am Ende also ins Positive neigen.

Die Zuschauer und Fans, so steht es auf der Kirchberger Website, werden auf dem Trainingsgelände des BVB vom heimischen Verein mit allerhand Leckereien verwöhnt. Vielleicht ereilt die Dortmunder Anhänger aber auch bald die süße Botschaft von abgeschlossenen Transfers. Damit der Zweikampf mit dem FC Bayern in eine neue Runde gehen kann - auch wenn Mario Götze jetzt auf der anderen Seite spielt.

Johannes Fischer