London - Mit aschfahlem Gesicht und so nachdenklich wie seit dem EM-Halbfinal-Aus im Sommer 2012 nicht mehr leitete Joachim Löw am Sonntagnachmittag die Trainingseinheit der deutschen Nationalmannschaft in London. Und das lag nicht am typischen englischen Wetter, was allerdings zur Gemütslage beim Bundestrainer passte. Der Schock über das mögliche WM-Aus von Sami Khedira steckte dem Bundestrainer auch einen Tag nach der bitteren Diagnose für seinen Mittelfeldspieler erkennbar in den Knochen.

Denn quasi über Nacht wurde aus dem einstigen Luxusproblem für Löw eine riesige Baustelle, die den WM-Plan des Bundestrainers mächtig ins Wanken bringt. "Innenbandriss und Riss des vorderen Kreuzbandes im rechten Knie bei Khedira", lautete die niederschmetternde Nachricht, die Löw nur wenige Stunden nach seinem gelungenen Jubiläumsspiel beim 1:1 (1:1) gegen Italien in San Siro in Mailand erreicht hatte.

Löw: "Wir waren alle richtig niedergeschlagen"



Entsprechend gedämpft war die Stimmung bei der Übungseinheit am Sonntagvormittag im hochmodernen Trainingscenter The Hive unweit des Wembley-Stadions, wo am Dienstag (ab 20:45 Uhr im Live-Ticker) der Jahresabschluss gegen England auf dem Programm steht.

Denn Löw, der sich vor kurzem noch über ein Überangebot an Kandidaten für das defensive Mittelfeld freuen durfte, gehen für die Doppelsechs die Spieler aus. Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan sind derzeit nämlich ebenfalls verletzt, ihre Rückkehr in den Kreis der Nationalmannschaft kann frühestens im März erfolgen. Und dass Khedira rechtzeitig für die WM fit wird, wäre ein Wunder.

"Wir waren alle richtig niedergeschlagen, weil ich mich in den letzten Jahren, seit 2004, seit ich dabei bin, nicht daran erinnern kann, dass es jemals so eine schwere Verletzung gab. Und gerade beim Sami, der für uns so eine große Persönlichkeit und so ein wichtiger Spieler ist, hat uns das sehr, sehr getroffen", sagte Löw der "ARD".

Löw ist optimistisch



Bereits auf dem zweistündigen Flug am Samstagnachmittag von Mailand nach London wirkte Löw deshalb trotz des ordentlichen Resultats in San Siro angespannt und mitgenommen. Die schwere Verletzung von Khedira hatte ihm bei der letzten Dienstreise der DFB-Auswahl in diesem Jahr die Stimmung verhagelt, wenngleich noch ein Fünkchen Hoffnung besteht. "Wir haben die Hoffnung, dass er zu Beginn der WM wieder gesund ist", sagte Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach Khediras gut verlaufener Operation am Samstag in Augsburg.

Löw hofft innig, dass Khedira im kommenden Sommer am Zuckerhut (12, Juni bis 13. Juli) dabei ist. "Er denkt immer positiv. Das wird ihm helfen, und daher bin ich auch optimistisch, dass er rechtzeitig bis zum Anpfiff der WM in Brasilien wieder fit wird", sagte er nach seinem 100. Länderspiel als Bundestrainer. Ob er wie bei der WM 2010 auf Khedira und Schweinsteiger als Doppel-Sechs zählen kann, ist zum jetzigen Zeitpunkt aber mehr als unwahrscheinlich.

Verschiedene Optionen auf der Doppelsechs



Von daher muss sich Löw bereits sieben Monate vor dem WM-Start Alternativen überlegen. Dazu zählt Kapitän Philipp Lahm, der auch gegen die Azzurri wieder vor der Abwehr spielte und der mit dieser Rolle auch bei seinem Club FC Bayern München vertraut ist.

Löw sagte zwar, dass er bei der WM mit Lahm auf der rechten Seite der Viererkette plane, dass war aber vor der Schock-Nachricht über Khedira. Auch ein Duo Gündogan/Schweinsteiger ist als Doppel-Sechs vorstellbar, ebenso wie die Bender-Zwillinge Lars und Sven, die wahrscheinlich gegen England Seite an Seite diese Rolle ausfüllen werden. Auch Allzweckwaffe Toni Kroos stünde noch Gewehr bei Fuß.

Götze zurück ins Mittelfeld?



Im offensiven Mittelfeld wird künftig wieder Mario Götze, der gegen die Italiener als falsche Neun agierte und nicht überzeugen konnte, eingesetzt. In Wembley könnte der Münchner bereits wieder auf seiner Lieblingsposition spielen, da in dem Gladbacher Max Kruse die einzige nominelle Spitze im Aufgebot wohl in vorderster Front agieren wird. Zudem wird es einige weitere Änderungen im Gegensatz zur Startformation von San Siro geben. In Lahm, Torwart Manuel Neuer sowie Mesut Özil schickte Löw drei Stammkräfte, die ohnehin bei ihm gesetzt sind, vorzeitig nach Hause. (zur Meldung)

So wird der Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller mit seinen 33 Jahren im Klassiker zum 150. Jubiläum des englischen Verbandes sein Debüt in der Nationalmannschaft feiern.


Die voraussichtliche deutsche Mannschaftsaufstellung:
Weidenfeller - Höwedes, Mertesacker, Boateng, Schmelzer - Kroos (Lars Bender), Sven Bender - Müller, Götze, Schürrle - Kruse. - Trainer: Löw