Drei Siege in einer Woche, mehr geht nicht. Der Hamburger SV hat dank des 2:1-Erfolges bei Schalke 04 den Kontakt zur Spitzengruppe gehalten und den Rückstand auf Spitzenreiter Hertha BSC sogar auf nur noch einen Punkt reduziert. So tanzen die Hanseaten weiterhin aussichtsreich auf drei Hochzeiten und träumen vom ersten Titel seit dem Pokalgewinn vor 22 Jahren.

Dabei waren die Voraussetzungen für den HSV vor der Partie bei den heimstarken "Knappen" alles andere als gut. Seit Wochen müssen die Norddeutschen im Drei-Tages-Rhythmus ran, was viele Spieler an ihre körperlichen Grenzen stoßen lässt. Beim Spiel auf Schalke fehlten mit Thimothee Atouba, Bastian Reinhardt, Piotr Trochowski, Mladen Petric und Ivica Olic neben anderen gleich fünf absolute Stammspieler.

Jol positiv überrascht

"Wir haben in den letzten Wochen so viele Spiele absolvieren müssen, da habe ich diese Leistung von meinen Jungs nicht erwartet", strahlte HSV-Trainer Martin Jol nach dem Sieg. "Trotz der vielen verletzungsbedingten Umstellungen im Team haben wir uns nicht aus der Ruhe bringen lassen und die Stärken von Schalke clever neutralisiert."

Die Schalker Stärken clever neutralisiert, die Schwächen des ganz offensichtlich nervlich angeschlagenen Gegners eiskalt ausgenutzt, so lautete das Erfolgsrezept des HSV, dessen zweifacher Torschütze Paolo Guerrero zum Matchwinner avancierte.

"Weiterhin sehr viel möglich"

"Das war der perfekte Abschluss einer erfolgreichen Woche", freute sich der 25-jährige Peruaner. "Die letzten Wochen waren sehr hart für uns. Wir hatten gegen Schalke auch ein bisschen das Glück auf unserer Seite. Aber Glück kann man sich auch erarbeiten, und das haben wir geschafft. Wenn wir weiter so konzentriert bleiben, kämpfen und spielen, dann ist weiterhin sehr viel möglich."

Doch die Erfahrungen der letzten Wochen haben die Hamburger auch gelehrt, die aktuellen Erfolge nicht überzubewerten. Vor vier Wochen war der HSV noch Tabellenführer mit zwei Punkten Vorsprung, dann gab es die beiden Klatschen gegen Wolfsburg (1:3) und in Mönchengladbach (1:4) verbunden mit dem Abrutschen auf Platz 4 mit vier Punkten Rückstand an die Spitze. Jetzt wieder der Aufwärtstrend.

Regeneration ist angesagt

"Wir haben uns aus unserem kleinen Loch wieder rausgezogen, das Weiterkommen im UEFA-Pokal hat uns einen zusätzlichen Schub gegeben", analysierte Mittelfeldspieler Marcell Jansen nüchtern. "Jetzt haben wir fast zwei Wochen Länderspielpause und können wieder zu Kräften kommen. Auf der anderen Seite sind wir gerade gut im Rhythmus."

Doch angesichts des großen Lazaretts überwiegt die Freude über die kurze Auszeit. Danach folgen die Wochen der Entscheidungen. "Im Optimalfall haben wir noch 16 Spiele", hat HSV-Manager Dietmar Beiersdorfer hochgerechnet und dann nachgelegt. "Wir wollen Maximales erreichen. Aber legt das jetzt nicht falsch aus. Ich fordere natürlich keine drei Titel."

"Einbruch" soll sich nicht wiederholen

Aber einer dürfte es schon gerne sein. Auch wenn Jol sich weiterhin nicht unter Druck setzen lassen will. "Wenn wir am Ende etwas gewinnen, ist das wunderbar. Wenn nicht, war es auch eine gute Saison. Wir haben jetzt schon 48 Punkte, stehen im Viertelfinale des UEFA-Pokals und im Halbfinale des DFB-Pokals. Letzte Saison hat der HSV am Ende 54 Punkte geholt."

Der Niederländer versucht so, den Druck von der Mannschaft zu nehmen. Die Erfahrungen des HSV in den Jahren 2006 und 2008, als der Verein in den letzten Wochen der Bundesliga einbrach und bessere Endplatzierungen verspielte, und auch die Aufs und Abs in dieser Saison zeigen, dass die Mannschaft noch nicht so gefestigt ist und von Seiten des Trainers ein sensibler Umgang mit dem Hamburger Dauerthema Titelgewinn gefordert ist.

"Ich bin unheimlich stolz auf meine Mannschaft", sagt Jol abschließend. "Unser bisheriges Abschneiden ist fast unglaublich, wenn man unsere personellen Probleme über die Saison sieht. Wir haben bereits elf Abwehrspieler eingesetzt, sechs neue Leute geholt. Wir haben die Abgänge von de Jong und van der Vaart gut verkraftet. Im Moment strotzen die Spieler vor Selbstvertrauen. Und das brauchen wir auch."

Tobias Gonscherowski