Dortmund - Mit dem BVB hat Mats Hummels in der Europa League vor kurzem erst selbst gegen eine Vereinsmannschaft aus Aserbaidschan gespielt. Bei bundesliga.de wirft er einen Blick auf die EM-Qualifikation der deutschen Nationalelf gegen den Außenseiter am Dienstagabend, spricht über seine eigenen Hoffnungen auf das Nationaltrikot und die Perspektiven des deutschen Nachwuchs.

bundesliga.de: Mats Hummels, es ist Länderspielzeit und Sie sind mit keiner Nationalelf unterwegs. Ein ungewohntes Gefühl?

Mats Hummels: Das ist für mich tatsächlich die erste Länderspielpause, in der ich in Dortmund trainiere. Es ist für mich auch ganz neu, in so einer kleinen Trainingsgruppe mit acht, neun Spielern zu sein. Es war ganz schön, mal ein paar Tage mehr frei zu haben. Aber ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn die Pausen demnächst wieder gefüllt werden.

bundesliga.de: Sie waren Stammkraft in der U 21, haben ein Mal in der A-Nationalmannschaft gespielt. Hatten Sie auf eine Nominierung für die EM-Qualifikationsspiele durch Jogi Löw gehofft?

Hummels: Den Anspruch an mich selbst und die Hoffnung darauf habe ich auf Dauer natürlich. Ich weiß, dass ich in der Bundesliga zu den Spielern zähle, die mit Blick auf die Nationalelf etwas auffälliger agieren. Insofern hoffe ich auch dort auf meine Chance. Und dann kann ich hoffentlich jeden von meiner Meinung überzeugen, dass ich dazu gehöre. Aber wann es soweit ist, entscheidet der Bundestrainer.

bundesliga.de: Hatten Sie denn gehofft, dieser Zeitpunkt sei jetzt schon da?

Hummels: Gehofft vielleicht, aber damit gerechnet habe ich nicht. Ich habe es auch nicht für sehr wahrscheinlich gehalten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass aus dem WM-Kader auf einmal eine ganze Reihe von Spielern plötzlich nicht mehr dabei sein sollten. Da bin ich eher Realist.
Ich werde weiter versuchen, meine Leistung im Verein zu bringen. Dass ich dann gerne den nächsten Schritt machen möchte, ist klar. Ich werde alles daran setzen, dieses Ziel zu erreichen.

bundesliga.de: Die deutsche Mannschaft hat zum Auftakt der Qualifikation gegen Belgien mit 1:0 gewonnen. Wie bewerten Sie das Spiel?

Hummels: Es war für die deutsche Mannschaft alles andere als leicht, vor allem zu Beginn der Partie. Belgien hat dann aber nach dem Gegentreffer erstaunlich wenig gemacht, um noch ein Unentschieden zu erreichen. Deutschland hat das souverän zuende gespielt. Es war ein wichtiger Auftaktsieg im vielleicht schwersten Auswärtsspiel dieser Gruppe neben der Partie in der Türkei.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Chancen für eine erfolgreiche EM-Qualifikation?

Hummels: Deutschland ist immer der Favorit und muss sich ganz klar durchsetzen. Natürlich werden es vor allem gegen die Türkei ganz schwere Spiele. Aber im Schnitt liegt die Qualität bei uns etwas höher. Selbst wenn es mal in einem Spiel dumm laufen sollte, gibt es immer noch genügend Partien, dies wieder auszugleichen und Gruppenerster zu werden.

bundesliga.de: Haben Sie das schon mit Ihrem Mannschaftskollegen Nuri Sahin ausdiskutiert, der ja für die Türkei spielt?

Hummels: (lacht) Das habe ich ihm schon mehrfach erklärt. Aber er sieht das trotzdem ein bisschen anders.

bundesliga.de: Am Dienstagabend trifft die deutsche Mannschaft in Köln im zweiten Qualifikationsspiel auf Aserbaidschan. Sie dürften kaum etwas anderes erwarten als einen klaren Erfolg?

Hummels: Zu 98 Prozent ist so ein Spiel ein sicherer Sieg für Deutschland. Aber das ist ein wenig wie im Pokal: Wenn man ein dummes Gegentor kassiert, kann der Gegner plötzlich über sich hinauswachsen. Andererseits hat sich selbst Berti Vogts als Trainer Aserbaidschans im Vorfeld nicht sehr optimistisch für seine Mannschaft geäußert. Daher erwarte ich auch einen deutlichen Erfolg für Deutschland.

bundesliga.de: Sie selbst haben gerade erst mit dem BVB in den Play Offs zur Europa League gegen eine Mannschaft aus Aserbaidschan gespielt, und zwar gegen Qarabag Agdam. Wie bewerten Sie die Qualität der Spieler?

Hummels: Ich war selbst überrascht. Qarabag Agdam war eine Mannschaft, die versucht hat, richtig Fußball zu spielen. Und in der Nationalmannschaft werden eine Reihe von Spielern aus Qarabag stehen. Diese Mannschat ist durchaus in der Lage, ein gepflegtes Kurzpassspiel aufzuziehen. Natürlich werden sie in Köln ihr Hauptaugenmerk auf die Defensive legen. Aber das ändert nichts daran, dass sie wissen, wie man erfolgreich und schön Fußball spielt. Das sind keine Anti-Kicker!

bundesliga.de: Sie haben betont, Deutschland sei in der Qualifikation Favorit. Gilt das auch mit Blick auf die Europameisterschaft selbst?

Hummels: Ich glaube, dass man dieses Selbstverständnis mittlerweile haben kann. Deutschland stand im EM-Finale, war bei Weltmeisterschaften zwei Mal Dritter. Außer Spanien hat kein anderes Land eine so überzeugende Bilanz. Deswegen sollte man aus den Erfolgen das Selbstbewusstsein ziehen, sich selbst zum Favoritenkreis zählen zu können.

bundesliga.de: Sie sind im Vorjahr mit der U 21 Europameister geworden. Umso erstaunlicher war das Aus für die U 21 in der jetzigen EM-Qualifikation, letztlich nach einem 1:4 gegen Island. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Hummels: Da haben einfach zu viele Dinge nicht zusammen gepasst. Weder ich noch viele andere haben in diesem Spiel ihre Leistung gebracht. So etwas wie in Island darf nicht passieren. Island hatte einige gute Kicker in seinen Reihen wie Sigurdsson, der jetzt nach Hoffennheim gewechselt ist. Wenn wir dann unsere Leistung nicht bringen, reicht es eben nicht. Dann entwickelt sich eine Stimmung auf dem Platz, in der die vermeintlich schwächere Elf über sich hinauswächst, die andere Mannschaft nur noch 60 Prozent ihrer Leistung abrufen kann, und dann verliert man auch so ein Spiel mit 1:4.

bundesliga.de: Aber Sorgen um den deutschen Fußballnachwuchs muss man sich trotzdem keine machen?

Hummels: Das glaube ich nicht! Die Qualität der einzelnen Spieler ist sehr gut. Wichtig ist, dies auch als Einheit auf den Platz zubringen, immer nach dem Motto "Man braucht nicht die besten Elf, sondern die beste Elf". Die Spieler müssen harmonieren, die Rädchen müssen gut ineinander greifen. Dies hat zuletzt in der U 21 nicht geklappt, ändert aber nichts daran, dass die Qualität des Einzelnen gut ist, wenn nicht sogar herausragend.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte