München - Nach der bitteren Final-Niederlage des FC Bayern München in der Champions League ist vor der EM in Polen und der Ukraine. Fußballexperte und 90elf-Co-Moderator Günter Netzer gibt einen Ausblick über die Chancen der deutschen Mannschaft bei dem bevorstehenden Turnier.

1972 wurde Deutschland erstmals unter der Regie des legendären Spielmachers, der die Mannschaft von Joachim Löw als Favorit auf den Titel sieht, Europameister. Im Interview mit bundesliga.de bewertet Netzer die Leistungsfähigkeit der deutschen Nationalmannschaft.

bundesliga.de: Herr Netzer, Bundestrainer Joachim Löw hat am 7. Mai sein vorläufiges Aufgebot für die EM in Polen und der Ukraine nominiert. Waren unter den 27 Spielern für Sie irgendwelche Überraschungen oder vermissen Sie vielleicht einen Namen?

Günter Netzer: Es sind angenehme Überraschungen, wenn man es überhaupt Überraschung nennen kann. Joachim Löw hat junge Leute nominiert, die durch ihre Leistung in der Bundesliga aufgefallen sind und dadurch die Nominierungschance für ein so wichtiges Turnier erhalten haben. Dieses Erlebnis kann ein Anreiz sein, dem Spieler zu zeigen: Wenn du dich weiter so entwickelst, kannst du bald ein fester Bestandteil dieser Mannschaft sein. Für mich ist das ein wunderbares Zeichen an die jungen Spieler und zeigt ihnen, dass Löw ihnen vertraut.

bundesliga.de: Wie wichtig ist es für den Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft, dass kontinuierlich junge talentierte Spieler nachrücken?

Netzer: Es reicht nicht aus 13 bis 15 Spieler zu haben, die für die erste Elf in Frage kommen können. Wenn man auf internationalem Niveau erfolgreich sein will, muss man einen Kader haben, der in der Breite qualitativ hochwertig besetzt ist. Und unter Joachim Löw ist genau dies in den vergangenen Jahren beim DFB geschehen. Die Entwicklung setzt sich mit dem Nachrücken der jungen Spieler, die in ihren Vereinen bereits auf sich aufmerksam gemacht haben, nahtlos fort. Das kommt der Nationalmannschaft natürlich zugute.

bundesliga.de: Trauen Sie einem der Spieler der jüngeren Generation bereits zu, eine prägende Rolle bei dieser Europameisterschaft zu übernehmen?

Netzer: Dafür ist es meiner Meinung nach noch etwas zu früh - das ist aber auch nicht notwendig. Wichtig ist, dass sich die jungen deutschen Talente gut in die Mannschaft einbringen und dadurch ein wertvolles Mitglied für das Kollektiv darstellen. Besondere Leistungen können immer mal wieder abgerufen werden und ich glaube auch daran, dass es in einzelnen Spielen besondere Momente dieser Spieler geben wird.

bundesliga.de: Mit Per Mertesacker und Miroslav Klose suchen zwei Säulen der Mannschaft nach längeren Verletzungspausen noch nach ihrer Topform. Wie bewerten Sie diese unbefriedigende Situation für den Bundestrainer?

Netzer: Es ist gut, dass sie bereits schon früh bei der Nationalmannschaft dabei sind und das ganze Programm mitmachen können. Das Team um Joachim Löw wird sich genau anschauen, in welcher Verfassung sie sich befinden. Falls es nicht geht, müssen halt andere Spieler diese Aufgaben übernehmen. Diesen Umstand ist die Mannschaft in der Lage zu kompensieren.

bundesliga.de: Womit wir wieder beim enormen Vorteil eines in der Breite qualitativ hochwertig besetzten Kaders wären...

Netzer: Genau richtig. Jeder Spieler weiß, was der Bundestrainer von ihm verlangt - daran ist dieses Team ausgerichtet. Jeder Spieler des EM-Kaders hat seine Berechtigung, im DFB-Trikot zu spielen und Joachim Löw kann sich auf jeden Einzelnen verlassen.

bundesliga.de: In der Vorrunde warten mit Portugal, den Niederlanden und Dänemark auf dem Papier drei unangenehme Gegner, dennoch wird das DFB-Team als Gruppen- und letztlich auch als Titelfavorit gehandelt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Netzer: Dass wir zum Favoritenkreis gehören, ist eine Auszeichnung, die die hervorragenden Leistungen der vergangenen Jahre würdigt. Es ist der Arbeit von Joachim Löw und seinen Mitarbeitern zu verdanken, dass so viel Wert auf die Sichtung der Spieler und die Zusammenstellung der Mannschaft gelegt wurde und sich damit der Respekt der anderen Nationen verdient wurde. Wir sind selbstverständlich Mitfavorit. Ohne aber die anderen Mannschaften aus den Augen zu verlieren. Die Vorrunde ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die nur mit vollster Konzentration zu bewältigen sein wird.

bundesliga.de: Den Spaniern werden mit Abwehrchef Carles Puyol und Torjäger David Villa wohl zwei zentrale Figuren der vergangenen Jahre verletzungsbedingt fehlen. Wird das den Welt- und Europameister vor größere Probleme stellen?

Netzer: Nein, das denke ich nicht. Spanien hat ebenfalls ein großes Reservoir an erstklassigen Spielern, die die Ausfälle auffangen können.

bundesliga.de: Wer könnte Deutschland auf dem Weg zum ersten Titel seit 1996 sonst noch gefährlich werden?

Netzer: Spanien und Deutschland sind die klaren Favoriten in diesem Jahr. Ansonsten kann man keine Nation nennen, die ähnliches Niveau aufweist. Die großen Fußballnationen sind natürlich immer zu beachten, es bleibt aber abzuwarten, ob sie in der Lage sind, bei dieser EM ganz vorne mitmischen zu können. Aber wie Helmut Schön wohl gesagt hätte gibt es bei diesem Turnier auch keine Landkundschaft. Die polnische Mannschaft könnte durch den Heimvorteil und die starken Leistungen der Dortmunder Spieler eine Überraschung schaffen.

bundesliga.de: Das spielerische Potential der deutschen Nationalmannschaft war wohl nie so groß wie zum heutigen Zeitpunkt, oder?

Netzer: Die Entwicklung der Mannschaft ist einfach beeindruckend und erfreulich. Der Kader ist qualitätsmäßig auf einem sehr hohem Niveau. Die Spieler haben sehr hohe technische und individuelle Qualitäten. Dies hat man in Südafrika gesehen und sollte sich noch weiter steigern. Das Team hat die Möglichkeiten, es noch besser zu machen.

bundesliga.de: Parallel wächst die Erwartungshaltung einen großen Titel gewinnen zu müssen - für Sie eine belastende Begleiterscheinung?

Netzer: Nein, ganz im Gegenteil. Der Druck ist natürlich vorhanden, wenn man im Spitzensport mit den weltbesten Mannschaften konkurriert. Aber die Spieler streben dies an und möchten diesen Druck erfahren, um zu spüren, dass man auf höchstem Niveau angekommen ist. Das gehört einfach zur internationalen Weltklasse und darüber kann man sich nicht beschweren.

Das Gespräch führte Steffen Hoss