Zusammenfassung

  • Yann Sommer ärgert sich über die vielen Gegentore.

  • Der Gladbach-Keeper kann am besten zuhause abschalten.

  • Im Interview schwärmt er über Vincenzo Grifos Schuss-Qualitäten.

Mönchengladbach - Wenn für Borussia Mönchengladbach die bisherige Saison auch ein wenig einer Achterbahnfahrt ähnelt, so steht das Team um Torwart Yann Sommer in der Tabelle doch gut da. Gerade einmal ein Punkt ist bis zu einem Champions League-Platz. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Schweizer über die Gründe etwa für das 1:5 gegen Bayer 04 Leverkusen, über die Gefühlswelt eines Keepers nach einer solchen Niederlage und über die Schussstärke seines Team-Kollegen Vincenzo Grifo.

bundesliga.de:  Herr Sommer, lassen Sie uns über die Gefühlswelten eines Keepers und über Psychologie per se im Fußball sprechen...

Yann Sommer: Okay...(lacht)

bundesliga.de: 1:6 in Dortmund – dort fehlten Sie allerdings verletzt – 2:0 in Bremen, dann 1:5 gegen Bayer 04 und nun 3:1 in Hoffenheim. Da dürfte einem gerade als Torwart beinahe schwindelig werden...

Sommer: Keine Frage: Beim 1:5 gegen Leverkusen haben es gerade wir erfahrenen Spieler wirklich schlechtgemacht.

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bundesliga.de: Fehlt dieser Mannschaft ein Charakter, der auch mal richtig böse werden kann, wenn es nicht läuft?

Sommer: Nein. Jemandem, der richtig böse werden kann, den brauchen wir nicht, um erfolgreich zu sein. Natürlich ist Bayer 04 eine Mannschaft, die definitiv guten Fußball spielen kann. Gegen eine solche Mannschaft kann man immer mal ein Tor kassieren. Und dass die Leverkusener, die in der ersten Halbzeit eigentlich schon geschlagen waren, wieder hoffen, wenn ihnen kurz nach der Pause der Ausgleich gelingt, ist auch normal. Allerdings sind dann die erfahrenen Spieler gefragt, die signalisieren müssen "Hey, mal ein bisschen ruhiger, mal den Ball halten und erst mal wieder sicher stehen". Das zu vermitteln ist uns an diesem Tag nicht gelungen. Stattdessen haben wir versucht, weiter offensiv zu spielen und haben den Leverkusener viele Räume eröffnet.

"Ein negatives Torverhältnis? – Selbstverständlich nervt einen Torwart das, wenn er auf die Tabelle schaut."

bundesliga.de: Sicherlich kann eine Partie gegen eine so spielstarke Mannschaft wie Bayer 04 kippen. Darf man aber so einbrechen, dass es gleich zu einem Debakel kommt?

Sommer: Ohne Frage haben wir einige der Treffer hergeschenkt. Das darf uns nicht passieren. Nach dem Sieg in Bremen waren überzeugt "Mensch, wir haben hier ein richtig gutes Spiel gemacht, aus einer sicheren Abwehr heraus, mit einem klasse Spielaufbau und mit großer Effizienz". Dann gehst du gegen Bayer 04 verdient mit einem 1:0 in die Pause, und alle sind euphorisiert, und jeder sagt sich "Genauso machen wir jetzt weiter". Aber kaum zurück auf dem Platz, liegst du mit 1:3 hinten. Dann geht nichts mehr, und man bricht völlig ein. Dieses 1:5 war wirklich ein Riesenschock.

bundesliga.de: Ein heilsamer Schock offensichtlich...

Sommer: Ja. Vielleicht war dieses Erlebnis tatsächlich ganz gut, um zu erkennen, woran es uns noch gefehlt hat. Die Fortuna hatte sehr viel Selbstvertrauen nach den erfolgreichen Wochen in der 2. Bundesliga, während wir mit einer 1:5-Heimniederlage im Gepäck zum Pokalspiel anreisen mussten. Aber wir haben dort 1:0 gewonnen, egal wie, und wenige Tage später, beim 3:1 in Hoffenheim, ein sehr gutes Spiel gemacht. Ich denke, diese beiden Spiele haben gezeigt, dass wir mental auch mit einer solchen Situation und dem Druck, der sich zwangsläufig aufbaut, umgehen können.

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bundesliga.de: Borussia liegt nun nur einen Punkt hinter einem Champions League-Platz, hat aber ein negatives Torverhältnis und die drittmeisten Tore kassiert. Was macht mit das einem Torwart, der naturgemäß so oft wie möglich zu Null spielen möchte?

Sommer: Natürlich geht man nach einem 1:5 nicht mit einem guten Gefühl nach Hause und sagt sich "Bei diesem oder bei jenem Treffer hättest du es besser machen können." Und selbstverständlich nervt einen Torwart ein solches Torverhältnis, wenn er auf die Tabelle schaut. Aber das mache ich ohnehin nicht so oft, weder nach einem Sieg noch nach einer Niederlage. Wenn wir oben dabei sind, obwohl das Torverhältnis vielleicht nicht so gut aussieht, ist das für mich okay – obwohl ich als Keeper so oft wie möglich zu Null spielen möchte.

"Unmittelbar in dem Moment, in dem ich nach Hause komme, finde ich Ruhe"

bundesliga.de: "Man geht nicht mit einem guten Gefühl nach Hause": Wie sieht ein Abend für Sie aus nach einer solchen Niederlage, wie versuchen Sie abzuschalten?

Sommer: An diesem Samstag waren meine Eltern und mein Onkel und meine Tante bei mir zu Besuch. Abends waren wir gemeinsam essen und haben über andere Dinge gesprochen als über dieses Spiel oder Fußball überhaupt. Das hat mir gutgetan. Wenn man sonntags zum Auslaufen kommt, versucht man zwar noch einmal gemeinsam zu verstehen, wie eine so krasse Niederlage überhaupt passieren konnte. Perfekt war aber, dass schon am Montag erneut ein Abschlusstraining anstand, das vor dem Spiel in Düsseldorf. Also hatten wir die Chance uns innerhalb von zwei Tagen zu rehabilitieren.

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bundesliga.de: Ob Sieg oder Niederlage – wie und wo können Sie grundsätzlich am besten abschalten?

Sommer: Bei all meinen Aktivitäten, die nicht mit dem Fußball zu tun haben. (lacht) (Sommer kocht leidenschaftlich gerne und gut, spielt Gitarre und singt; d. Red.) Ruhe finde ich unmittelbar in dem Moment, in dem ich nach Hause komme. Ich bin sehr gerne zuhause, fühle mich dort sehr wohl. Bei mir wird nicht viel über Fußball gesprochen und auch nicht viel Fußball geschaut, außer vielleicht mal einem Champions League-Spiel. Mein Zuhause ist also ein nahezu fußballfreier Ort, und gerade deshalb kann ich dort sehr gut abschalten und Kraft tanken.

"Grifos Fähigkeit den Ball so auf den Weg zu schicken, dass er weder zu flach noch zu hoch, sondern gerade eben so über die Mauer kommt – diese Fähigkeit ist eine echte Waffe"

bundesliga.de: Gestärkt ist auch Vincenzo Grifo aus der kleinen, verletzungsbedingten Krise zu Beginn seiner Zeit bei Borussia hervorgegangen. Grifo ist gerade mit seinen Standards für jeden Torwart gefährlich. Wie schwer sind seine Bälle zu parieren?

Sommer: Ich habe im Training noch gar nicht so viele Freistöße von ihm erlebt, weiß aber aus unseren früheren Spielen gegen den SC Freiburg, wie gefährlich seine Bälle sind. Es gibt selbst in einer so starken und gut ausgebildeten Liga wie der Bundesliga nur wenige Spieler, bei denen du sagen kannst "Wenn der sich den Ball zwanzig Meter vor dem Tor zurechtlegt, dann wird es brandgefährlich"...

bundesliga.de: ...und Grifo ist so ein Spieler?

Sommer: "Vince" gehört definitiv zu dieser kleinen Gruppe. Er hat einen hervorragenden Schuss, ob nun bei Standards oder aus dem Spiel heraus. Seine Fähigkeit den Ball so auf den Weg zu schicken, dass er weder zu flach noch zu hoch, sondern gerade eben so über die Mauer und damit aufs Tor kommt – diese Fähigkeit ist eine echte Waffe.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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