Zusammenfassung

  • Hazard freut sich, dass es direkt gegen den Rivalen aus Köln geht.

  • Der Belgier fühlt sich im Gladbacher Spielsystem sehr wohl.

  • Sein größter Wunsch ist es, mit seinem Bruden Eden in der Nationalmannschaft zu spielen.

Mönchengladbach - Thorgan Hazard hat die beste Halbserie gespielt, seit er Borusse ist. Vor dem Rückrundenstart beim 1. FC Köln spricht der belgische Nationalspieler über die neue Konstanz in seinem Spiel, über Borussia Mönchengladbachs bisweilen fehlende Konsequenz in entscheidenden Partien und über die bevorstehende Weltmeisterschaft in Russland und sein großes Ziel, dort neben seinem Bruder Eden im Trikot der „Roten Teufel“ auflaufen zu dürfen.

bundesliga.de: Herr Hazard, wie haben Sie die kurze Winterpause verbracht, und mit welchem Gefühl werden Sie am Sonntag in Köln in die Rückrunde starten?

Thorgan Hazard: Ich habe gut abgeschaltet und viel Zeit mit der Familie verbracht. Wir waren zusammen in Disneyland in Paris und später in London bei meinen Brüdern Eden und Kylian. Und dann war es bereits Zeit die Arbeit wiederaufzunehmen und sich auf das Spiel beim 1. FC Köln vorzubereiten. Mir gefällt sehr, dass wir gleich mit einem Derby starten. Man ist dann automatisch sofort im Wettkampf-Modus. Eine leichte Aufgabe wird es aber bestimmt nicht für uns.

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bundesliga.de: Sie treffen auf eine Mannschaft, die mit nur sechs Punkten am Tabellenende steht. Wie groß ist die Gefahr, den Gegner zu unterschätzen?

Hazard: Nur sechs Punkte – da könnte man natürlich im ersten Augenblick denken, dass es sich um eine schlechte Mannschaft handeln muss. Aber erstens wissen wir es besser, und zweitens spielt der Tabellenstand in einem Derby überhaupt keine Rolle. Schon das Hinspiel war ein hartes Stück Arbeit, auch wenn wir am Ende 1:0 gewinnen konnten. Es ist klar, dass Köln dieses Spiel unbedingt gewinnen will. Aber wir möchten unbedingt auch das zweite Rhein-Derby dieser Saison gewinnen. Und was für Köln gilt, gilt auch für uns: Ein Sieg in einem so emotionalen Spiel kann große Signalwirkung für die kommenden Aufgaben haben!

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bundesliga.de: Sie haben 17 von 17 möglichen Spielen absolviert, zudem sind Ihnen sechs Treffer und sechs Assists gelungen. Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass Sie Ihre bisher beste Halbserie im Borussen-Dress gespielt haben?

Hazard: Ich denke, dass es in der Phase vor etwa zwei Jahren, als ich neben Raffael im Sturm gespielt habe, auch ganz gut gelaufen ist. Und im Detail kann ich gar nicht sagen, warum es in dieser Saison bisher so gut läuft.

bundesliga.de: Welchen Anteil hat Ihr jetziger Trainer, Dieter Hecking, an der Konstanz Ihrer Leistungen?

Hazard: Auf jeden Fall spüre ich immer das große Vertrauen von Dieter Hecking in mein Leistungsvermögen. Ich fühle mich in dieser Mannschaft und auch in unserem Spielsystem sehr wohl. Dieses System gibt mir beinahe zwangsläufig immer wieder die Möglichkeit, Tore zu machen und vorzubereiten. Und das, obwohl ich kaum einmal auf meiner Lieblingsposition, in der Zentrale, gespielt habe. Was meine sechs Tore betrifft – das sollte man etwas relativieren. Schließlich habe ich vier davon durch Elfmeter erzielt. Hätte ich alle meine Chancen im Spiel genutzt, könnte ich jetzt wohl bei zehn oder mehr Treffern stehen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ich weiter hart an meiner Effizienz arbeite.

"Mir gefällt sehr, dass wir gleich mit einem Derby starten. Man ist dann automatisch sofort im Wettkampf-Modus"

bundesliga.de: Tatsächlich haben Sie einige Großchancen ausgelassen, etwa gegen Dortmund oder Leverkusen. Wie gelingt es Ihnen dann, nicht in Hektik zu verfallen und Ihr Selbstvertrauen zu bewahren?

Hazard: Es gibt keinen Psycho-Trick oder keine Methode, die ich in den Momenten, in denen mir etwas misslingt, anwenden würde. Vielmehr halte ich es für eine Qualität, sich gerade dann nicht allzu sehr den Kopf zu zerbrechen. Ich weiß, dass ich mir auch nach einem Negativ-Erlebnis weitere Chancen erarbeiten kann. Die Erfahrung zeigt, dass ich pro Spiel in aller Regel mindestens zwei sehr gute Chance bekomme bzw. mir erarbeite. Wenn ich die erste vergeben habe, kann ich also darauf hoffen, dass ich es bei der zweiten besser mache.

bundesliga.de: Dieter Hecking hat Sie wegen Ihrer Coolness bei Elfmetern als „Eisvogel“ bezeichnet, denn selbst wenn Sie bis zur Ausführung eines Strafstoßes ein paar Minuten warten müssen, scheint Sie das nicht unsicher werden zu lassen...

Hazard: Sie spielen auf den Elfmeter gegen Hannover 96 an, als sich die Ausführung wegen des Video-Beweises verzögerte. Manchmal mache ich mir vorher Gedanken, wohin ich schieße, manchmal fällt die Entscheidung aber erst, wenn ich anlaufe und sehe, ob und wohin sich der Torhüter bewegt. So war es auch gegen Hannover. „Tobi“ Sippel (Tobias Sippel, Borussias zweiter Torwart; d. Red.) hatte mir gesagt, dass Hannovers Keeper sich früh bewegen würde. Also habe ich gewartet, welche Entscheidung er trifft, und habe dementsprechend reagiert.

bundesliga.de: Wie Sie persönlich, hat auch Borussia eine erfolgreiche Halbserie gespielt, mit 28 Punkten liegt man nur zwei Zähler hinter Platz zwei. Trotzdem hatte man bisweilen das Gefühl, dass in entscheidenden Spielen, etwa gegen Wolfsburg, als man auf Platz zwei hätte vorrücken können, oder im DFB-Pokal gegen Leverkusen, die letzte Konsequenz vor dem Tor gefehlt hat...

Hazard: Ich kann verstehen, dassbei einigen dieser Eindruck entstanden ist. Aber zwischen Platz zwei und Platz acht liegen nur vier Punkte, und mit Dortmund, Leverkusen, Leipzig sowie Borussia haben gleich vier Teams 28 Punkte. Das zeigt, dass die Bundesliga extrem ausgeglichen und jeder Spieltag eine große Herausforderung ist. Zudem hat eine Rolle gespielt, dass wir immer wieder verletzte Spieler zu beklagen hatten beziehungsweise, dass einige unserer Spieler noch sehr jung sind. Da ist es normal, dass noch nicht jeder über 17 Spiele konstant gute Leistungen abrufen kann. Dennoch hat man gesehen, etwa beim Sieg gegen die Bayern, dass unsere Mannschaft bereits jetzt Großes leisten kann.

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bundesliga.de: Große Leistungen erwarten auch die belgischen Fußball-Fans bei der WM im Sommer von den "roten Teufel". Wie sind Ihre Chancen in Russland neben Ihrem Bruder Eden im belgischen Trikot auflaufen zu dürfen?

Hazard: Ich denke, dass meine Chancen auf jeden Fall größer sein dürften als bei der WM 2014 oder der EM 2016. 2014 habe ich noch in Belgien gespielt, 2016 war ich bei Borussia kein Stammspieler, so dass ich beide Male leider nicht dabei war. Seit Roberto Martínez Belgiens Trainer ist, bin ich aber meist nominiert worden. Und ich glaube, dass ich dann auch gezeigt habe, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann. Deshalb habe ich große Hoffnung, dass ich bei der WM dabei sein darf. Mir ist aber auch bewusst, dass in den kommenden Monaten zunächst meine Leistung bei Borussia stimmen muss.

"Es war immer mein größter Wunsch, überhaupt einmal gemeinsam mit Eden für die Nationalmannschaft aufzulaufen"

bundesliga.de: Was würde es Ihnen bedeuten, gemeinsam mit Eden für Belgien eine WM zu spielen?

Hazard: Es war immer mein größter Wunsch, überhaupt einmal gemeinsam mit Eden für die Nationalmannschaft aufzulaufen. Dieser Wunsch ist nun bei der Qualifikation zur WM bereits in Erfüllung gegangen. Deshalb spreche ich heute nicht mehr von einem WM-Traum, sondern von einem WM-Ziel, das ich verfolge.

bundesliga.de: Auch Ihr zweiter Bruder, Kylian, spielt wie Eden seit dem vergangenen Sommer für Chelsea, wenn auch bisher nur in der U23. Wird Kylian demnächst der dritte Hazard im Trikot der "roten Teufel" sein?

Hazard: Kylian ist ein toller Fußballer und der Schritt nach England, zur zweiten Mannschaft von Chelsea, war absolut richtig. Aber er ist gerade einmal 22 und muss sich in einer Profi-Mannschaft erst noch beweisen. Er weiß, dass Belgien über eine sehr gute Nationalmannschaft mit vielen sehr guten Spielern verfügt. Wer dort spielen will, muss zunächst bei einem namhaften Klub erfolgreich sein.

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Maja Hitij

bundesliga.de: Belgien ist – etwa im Vergleich zu Deutschland, Frankreich oder Italien – ein eher kleineres Land mit entsprechend geringerer Einwohnerzahl. Dennoch bringt Belgien immer wieder viele herausragende Fußballer hervor. Welche Erklärung gibt es dafür?

Hazard: So viel Fußball-Talent ist tatsächlich außergewöhnlich für ein so kleines Land – auch wenn es immer wieder auch einmal Phasen gegeben hat, in denen der belgische Fußball nicht so reüssieren konnte, wie zum Beispiel in den 70er und 80er Jahren und wie nun wieder seit einigen Jahren. Ich denke, dass man in Belgien in die Nachwuchsarbeit deutlich verbessert hat, so dass wiederum das Niveau der belgischen Liga deutlich gestiegen ist. Die vielen belgischen Spieler in den europäischen Klubs sind der Beweis dafür, dass die belgischen Vereine gute Arbeit leisten.

bundesliga.de: Auch in Deutschland war um 2000 eine Krise der Nationalmannschaft Auslöser für eine Professionalisierung der Nachwuchsarbeit. Hat sich die Jupiler Pro League an der Bundesliga orientiert?

Hazard: Richtig ist, dass auch viele belgischen Vereine in den vergangenen Jahren Nachwuchsleistungszentren geschaffen haben. Trotzdem würde ich in Sachen Jugendarbeit in Belgien weniger von einem deutschen von als einem holländischen Modell sprechen. Wie in den Niederlanden, liegt auch bei uns in den ersten Jahren der Schwerpunkt vor allem auf der Ausbildung der technischen Grundlagen. Dass die belgischen Vereine dennoch sehr genau auf die Bundesliga und die perfekte Organisation der deutschen Klubs schauen, ist aber auch wahr.

"Ein Spiel, wie beim 7:1 im Halbfinale 2014, dürfte Deutschland nur schwerlich noch einmal gegen Brasilien gelingen"

bundesliga.de: Belgien galt schon bei der WM 2014 in Brasilien als Geheimfavorit. Wie hat sich die Mannschaft seitdem weiterentwickelt?

Hazard: Die Mannschaft hat in den vergangenen dreieinhalb Jahren durch die Teilnahme an der WM 2014 beziehungsweise der EM 2016 enorm viel Erfahrung sammeln können. Nahezu jeder Spieler steht heute bei einem Top-Klub in einer der Top-Ligen Europas unter Vertrag und ist so Woche für Woche gefordert. Deshalb ist es gar nicht so überraschend, wenn uns manche Experten als Mitfavoriten auf den WM-Titel sehen. Aber es gibt eben andere, größere Favoriten als uns. Favoriten, die deutlich mehr Sterne auf der Brust tragen als wir. (lacht) Diese Teams wissen längst, wie man ein solches Turnier gewinnt. Zudem können Faktoren wie mögliche Verletzungen und Formkrisen der Spieler nach einer langen Saison ebenso eine Rolle spielen, wie das notwendige Quäntchen Glück, dass es auch braucht, wenn man Weltmeister werden will. Auf jeden Fall haben wir uns vorgenommen, so weit zu kommen, wie bei den beiden vorherigen Turnieren. Dort ist Belgien jeweils erst im Viertelfinale ausgeschieden.

bundesliga.de: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Hazard: Deutschland gehört immer zu den Favoriten. Die Deutschen könnten wahrscheinlich zwei, vielleicht sogar drei Teams stellen, die das Zeug hätten, um bei einer WM anzutreten. Das hat man nicht zuletzt beim Confed Cup gesehen, als viele der arrivierten Spieler geschont wurden und die deutsche Mannschaft dennoch den Pokal geholt hat. Trainer Joachim Löw hat sein Team über viele Jahre hinweg weiterentwickelt. Er weiß, wie man eine WM gewinnen kann. Zudem ist jedem Fußball-Fan bekannt, dass Deutschland eine typische Turniermannschaft ist. (lacht)

bundesliga.de: Glauben Sie, dass Rekord-Weltmeister Brasilien das deutsche Trauma von 2014 verarbeitet hat?

Hazard: Brasilien gehört für mich auf jeden Fall ebenfalls zum Favoritenkreis. Die Selecao hat viele Spieler mit Weltklasse-Niveau, nahezu jeder ist ein herausragender Einzelkönner. Und mittlerweile sind diese Einzelkönner wieder zu einer echten, funktionierenden Einheit zusammengewachsen. Ein Spiel, wie beim 7:1 im Halbfinale 2014, dürfte Deutschland nur schwerlich noch einmal gegen Brasilien gelingen.

Das Interview führte Andreas Kötter