Leverkusen - In der Champions League konnte Bayer 04 Leverkusen überzeugen. In der Bundesliga kam man bisher nicht über Platz neun hinaus. Einer, der dennoch über weite Strecken seine Leistung brachte, war Innenverteidiger Jonathan Tah. Vor dem rheinischen Derby beim 1. FC Köln spricht Tah im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für die wechselhaften Leistungen seines Teams, über seine eigene, rasante Entwicklung und über Kölns Topstürmer Anthony Modeste.

bundesliga.de:Herr Tah, in der Bundesliga bei sieben Niederlagen nur auf Platz neun, in der Champions League ungeschlagen. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

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Jonathan Tah: In der Bundesliga aber haben wir bisher nicht das gezeigt, was wir uns zu Saisonbeginn vorgenommen hatten. Das geht ganz klar viel besser. Wir wissen, dass wir es besser können, in der Champions League lief es in der Tat ziemlich gut. Wir müssen mit der Situation nun professionell umgehen und in der Vorbereitung auf die Rückrunde fokussiert arbeiten. Alles in allem muss man sagen, dass diese Hinrunde unserem Anspruch nicht genügt.

bundesliga.de: Auffallend ist, dass Bayer 04 bisweilen sogar innerhalb eines Spiels zwei Gesichter zeigt, wie beim 2:2 zu Hause gegen ZSKA Moskau oder dem 3:2-Sieg in Mainz. Woran liegt das?

Tah: Das ist nur schwer zu erklären. Gegen Moskau haben wir toll begonnen und schnell 2:0 geführt, haben den Sieg aber doch noch aus der Hand gegeben. Vielleicht waren wir einfach noch zu naiv. Wir sind eine junge Mannschaft, müssen aber allmählich aus unseren Fehlern lernen. Gegen Mainz war es umgekehrt. Wir haben zur Halbzeit 1:2 zurückgelegen, das Spiel dann dank einer starken Leistung aber gedreht und 3:2 gewonnen. Leider haben wir es oft nicht geschafft, von Beginn voll da und wach zu sein. Das muss einfach besser und wir müssen konstanter werden.

bundesliga.de: Muss man nun das Saisonziel – die erneute Qualifikation für die Champions League – revidieren?

Tah: Ich meine nicht, dass wir unsere Ziele revidieren sollten. Für Bayer 04 muss das Ziel immer sein, oben mitzuspielen. Und das ist ja auch noch möglich. Wir sollten jetzt aber versuchen, erst einmal von Spiel zu Spiel zu denken, statt uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wo wir am Ende vielleicht landen. Für uns geht es darum, endlich Konstanz in unser Spiel zu bringen. Wenn das gelingt, ist auch eine Serie möglich. Das ist uns ja auch in der vergangenen Saison gelungen, als wir im letzten Saisonviertel mit einer Serie von acht Siegen in Folge noch den dritten Platz erreicht haben.

bundesliga.de: Ein Kuriosum der Hinrunde war die Elfmeterschwäche. War das ein unglücklicher Zufall oder doch ein Zeichen dafür, dass die Nerven blank lagen?

Tah: Fakt ist: Wenn wir alle Elfmeter verwandelt hätten, würden wir jetzt in der Tabelle ganz woanders stehen. Mit Wendells zwar auch kuriosem Elfmeter in der Champions League gegen Monaco ist dieser Fluch nun aber hoffentlich gebrochen. Wir dürfen solche Chancen in Zukunft nicht mehr so leicht herschenken.

bundesliga.de: Für Sie persönlich läuft es sehr gut. Seit Ihrem Start in Leverkusen im Sommer 2015 standen Sie mit Ausnahme von fünf wegen Verletzung oder Krankheit verpassten Spielen immer in der Startelf. War Leverkusen also die richtige Entscheidung?

Tah: Auf jeden Fall! Ich habe im Sommer 2015 alles richtig gemacht, als ich mich entschieden habe, zu Bayer 04 zu wechseln. Von Anfang an habe ich hier das Vertrauen in meine Leistung gespürt, und das hat mir dabei geholfen, dass ich mich extrem schnell einleben konnte. Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl, und das macht es einem eigentlich leicht, gute Leistungen zu bringen. Letztlich kann ich mich über meine eigenen Leistungen aber nur bedingt freuen, wenn es für die Mannschaft insgesamt nicht rund läuft.

bundesliga.de: Bundesliga-Debüt mit 17 beim HSV, kurz darauf parallel das Fach-Abi gemacht, mit 19 bereits Stammspieler bei Bayer und mit 20, wenn auch als Ersatzspieler, die EM-Teilnahme. Wie verarbeitet man diese Ereignisse in so jungen Jahren?

Tah: Ich weiß, dass viele sagen, dass es für einen jungen Spieler schwierig ist, mit all dem, was auf einen einstürmt, klarzukommen. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass der eine oder andere das erst einmal verarbeiten muss. Ich selbst komme damit aber gut zurecht. Ich sammele diese Erfahrungen und freue mich, dass ich in so jungen Jahren schon so viel lernen konnte.

bundesliga.de: Wird man früher erwachsen, wenn man so früh schon so viel erlebt hat?

Tah: Ich denke schon, dass mich die vergangenen Jahre haben reifen lassen. Auf dem Platz ohnehin, aber auch in meiner Persönlichkeit habe ich mich weiterentwickeln können. Doch mir ist auch bewusst, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe bis dorthin, wo ich eines Tages ankommen möchte?

bundesliga.de: Wo wäre das?

Tah: Ich möchte auf meiner Position, auf der des Innenverteidigers, Top-Niveau erreichen. Am schönsten wäre es, wenn Experten irgendwann einmal sagen würden „Tah ist zurzeit einer der besten Innenverteidiger der Welt“. Aber wie gesagt, bis es vielleicht irgendwann dazu kommt, werde ich noch brutal viel an mir arbeiten müssen. Bange ist mir davor nicht. Ich bin kein Typ, der etwas anfängt und nicht alles versucht, es auch zu Ende bringen. Halbe Sachen mag ich nicht. Wenn man mich z. B. bei einem Turnier fragt „Wie weit wollen Sie kommen, würde Ihnen der dritte Platz reichen?“ würde ich dem nie zustimmen. Wenn ich antrete, möchte ich auch gewinnen. Und wenn ich eine Karriere beginne, gebe ich dafür alles und investiere all meine Kraft dort herein.

Video: 5 Dinge zu Köln - Bayer

bundesliga.de: Gibt es bei aller Zielstrebigkeit Dinge, die Sie vermisst haben oder vermissen?

Tah: Als Profi kann man sicher nicht jedes Wochenende Party machen, das würde nicht funktionieren. Ich bin dafür ohnehin nicht der Typ, doch selbst wenn ich es wäre, würde ich darauf verzichten. Denn das, was ich mir bei Bayer 04 erarbeitet habe, schätze ich sehr und würde es niemals aufs Spiel setzen. Überhaupt versuche ich, so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten und halte mich mit Aussagen über mich selbst zurück. Das Einzige, das ich manchmal etwas bedauere, ist, dass ich Familie und engste Freunde bisweilen etwas vernachlässigen muss.

bundesliga.de: Jetzt steht das Derby in Köln an. Ihre Erfahrungen mit dem FC in der vergangenen Saison waren zwiespältig, zu Hause verlor man 0:2, in Köln konnte Bayer 04 aber 2:0 gewinnen. Sind Sie überrascht über die Stärke der Kölner in dieser Saison?

Tah: Die Kölner hatten einen Top-Saisonstart und haben so ziemlich alles weggeräumt. In den jüngsten Spielen scheinen sie aber ein klein wenig nachgelassen zu haben, wobei man berücksichtigen muss, dass eine ganze Reihe von Stammspielern fehlt. Bei einem Derby spielt all das, was vorher vielleicht war, aber ohnehin keine Rolle. Da kann auch die Mannschaft, die zuvor ein paar weniger erfolgreiche Spiele absolviert hat, trotzdem groß auftrumpfen und gewinnen. Das macht ein Derby doch erst aus, dass immer alles passieren kann. Allerdings ändert das nichts daran, dass wir die drei Punkte unbedingt mitnehmen wollen, um uns eine halbwegs vernünftige Ausgangsposition für die Rückrunde zu verschaffen.

bundesliga.de: Voraussichtlich werden Sie es mit Anthony Modeste zu tun bekommen, der bereits zwölf Mal getroffen hat. Wie stellt man sich auf einen solchen Top-Stürmer ein?

Tah: Ich habe schon einige Male gegen Modeste gespielt und weiß um seine Stärken. Er ist groß und schnell, hat einen super Körper, eine gute Technik und einen guten Abschluss. Es ist gewiss nicht einfach gegen einen solchen Stürmer zu spielen. Allerdings komme ich mit einem Stürmer, der ähnlich groß und kräftig ist wie ich, meist besser zurecht als mit einem kleinen, besonders quirligen Angreifer.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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